Journalismus : Schreiben von der Front

Warum tötet der Mensch? Und wie berichten wir darüber? Notizen von einem Kriegsreportertreffen in einer französischen Kleinstadt.
Ein Passant vor einem Bild eines Kriegsreporters © Mychele Daniau/AFP/Getty Images

Die Leichen der Kinder sieht der Hotelgast der Villa Lara, sobald er aus der eleganten Lobby tritt. An einer Wand gegenüber hängt ein Foto von elf kleinen Körpern, gedruckt auf zwei mal drei Meter wetterfester Folie. In Decken gewickelt, die Gesichter grau und starr. Syrische Regierungsmilizen haben sie ermordet. Es gibt Passanten, die sich rasch abwenden, und solche, die ihre Einkaufstüten vor dem Plakat abstellen und verharren. Die Kleinstadt Bayeux in der Normandie hat sich in diesen Tagen das Grauen in ihre Mitte geholt. Der ganze Ort ist zur Kulisse des Krieges geworden. In fast jeder Straße werden Fotos ausgestellt, in den Schulen wird auf Podien diskutiert. Alles dreht sich um die Frage: Warum tötet der Mensch?

Bayeux hat sich seit 19 Jahren der journalistischen Gattung Kriegsberichterstattung verschrieben. Jeden Oktober wird es zum Treffpunkt von Krisenreportern, eine beispiellose Veranstaltung. Die Stadt lobt den weltweit einzigen Preis für Kriegsreportagen aus, den Prix Bayeux-Calvados. Eine Jury aus 47 Journalisten diskutierte zwei Tage lang. Welche Beiträge berühren. Was gezeigt werden darf. Was gezeigt werden muss. Wo die Nachricht endet und der Voyeurismus beginnt. Der Krieg in Syrien konkurriert mit dem in Libyen, das Schlachten in Aleppo tritt gegen das Töten in Homs an. Jemen und Pakistan, hört man, haben es in dieser Saison schwer. Der Prix Bayeux ist eine ständige Gratwanderung. Die Widersprüche der Medienbranche stoßen hier härter als sonst aufeinander.

Ich bin von der Jury als Nominierter geladen, eine Ehre, ich habe die Fotos der Kinder betrachtet, dabei das Schreien derer gehört, die ich in Syrien habe sterben sehen, und sitze nun zusammen mit anderen Kollegen im Reisebus der Stadtverwaltung. Er ist mit dem Logo des Preises bedruckt. Darauf balanciert ein Kämpfer auf dem Ende eines Kanonenrohres. Wie eine Theatertruppe werden wir herumgefahren. Vom Restaurant zur Podiumsdiskussion über Somalia, vom Ausflug ans Meer zur Trauerfeier.

In Bayeux haben sie den bei der Arbeit getöteten Journalisten ein Ehrenmal errichtet. Ein Ring weißer Stelen, in spiralförmiger Anordnung; zwischen ihnen ein schmaler Weg. Mehr als 2000 Namen sind in die Steine gemeißelt, beginnend im Jahr 1944 bis heute. »Wer frei sein will, muss auch die Freiheit des anderen wollen«, wird Simone de Beauvoir zitiert. Nicht Soldaten wird hier gedacht, sondern Fotografen und Schreibern.

Jeder von uns bringt seine eigenen Toten nach Bayeux. An diesem Nachmittag wird die Stele für das Jahr 2012 eingeweiht. Der Vater des Fernsehjournalisten Gilles Jacquier, ein betagter Herr im schwarzen Anzug, knetet seine Hände während der Reden, will auch etwas sagen, schafft es aber nur, das weiße Tuch vom Stein zu ziehen, dann müssen ihn zwei Kolleginnen vom Fernsehen stützen. Meine Schuhe sinken in Matsch. Ich laufe die Stelen ab. Von Jahr zu Jahr werden die Namenslisten länger. Ich sehe den Namen von Volker Handloik, den ich kannte, erschossen 2001 in Afghanistan, Christian Liebig, mit dem ich unterwegs war, getötet 2003 im Irak. Ich suche Mika Yamamoto, eine lebenslustige Frau, Reporterin des japanischen Fernsehens, die ich im August kennenlernte, kurz bevor sie in Aleppo von Assad-Milizen umgebracht wurde. Ihr Name fehlt. Für dieses Jahr hat der Steinmetz seine Arbeit noch nicht getan.

Im Hotelzimmer kratze ich den Matsch des Ehrenmal-Bodens vom Hosensaum. Danach gibt es wieder Wein, besten Sancerre, Petits Fours. In einer Bar lädt der Kamerahersteller Nikon ein. Bei einer Buchmesse in einem Zelt sitzen etwa 20 Autoren auf Klappstühlen. Vor ihnen die Stapel ihrer neu erschienenen Werke. Hunderte Neugierige flanieren vorbei. Da ist der Reporter, der sich 547 Tage in Geiselhaft der Taliban befand. Die Kollegin, die in Homs einen Oberschenkeldurchschuss erlitt und zu verbluten drohte, weil sie nicht evakuiert werden konnte, und bei deren Rettung Dutzende Rebellen ihr Leben verloren. Jeder hat über seine Erfahrungen ein Buch geschrieben, und alle lächeln. Das Unfassbare ist ein Produkt geworden, und die Opfer wurden zu Händlern des eigenen Leids. Ich beeile mich, aus diesem Zelt heraus zu kommen.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Heimatfront

Zitat aus dem Artikel: "Dem Grauen wird gerne abstrakt gedacht, die Analyse vom Schreibtisch ersetzt die Augenzeugenschaft."

Nix Analyse, uns werden heutzutage lediglich verlags(Verleger)-konforme Weltanschauungen präsentiert, die mit der Realität wenig zu tun haben, siehe aktuelle Syrien-"Berichterstattung".

Und was die Reporter vor Ort betrifft, so hat schon der von mir als integer geschätzte Friedhelm Brebeck vor Jahren moniert, dass deren Einschätzungen null & nichtig sind, sobald sie dem Mainstream der Agenturmeldungen widersprechen. Sie werden dann ganz einfach nicht gedruckt/gesendet.

Wir leben in (mit) einem journalistischen Wolkenkuckucksheim ...

In Deutschland gibt es nur wenige Kriegs- und Krisenreporter,

denn der Berufsalltag ist extrem hart und gefährlich.

http://www.journalist.de/...

Die deutschen Sendeanstalten, die fähige und risikofreudige Kriegsreporter bezahlen könnten, sind vorwiegend öffentlich-rechtlich und lassen ihre Journalisten und Journalistinnen bevorzugt aus sicheren Hotels in Nachbarländern berichten, wenn z.B. Informationen über Bürgerkriege in Syrien, Mali und Somalia (oder seinerzeit in Libyen) gesendet werden sollen.
Gute Kriegsreporter riskieren ihr Leben für andere und werden dafür manchmal durch einen Journalistenpreis mit einem Preisgeld in Höhe von 1.000 bis 4.000 Euro belohnt.

zynisch, sich nicht um das Leid der anderen zu scheren !

Das schreibt Carolin Emcke in ZEIT ONLINE:

„Wer in Länder voll Tod und Zerstörung reist, den widert Krieg an; wer nicht nachlassen kann, jeden Krieg wieder neu zu dokumentieren, der kann sich nicht daran gewöhnen, dass Unrecht und Gewalt uns selbstverständlich oder gewöhnlich erscheinen sollen.
Nein, nicht wir, die als Reporter in Krisenregionen reisen, um Zeuge zu werden, um den Menschen dort eine Stimme oder ein Gesicht zu verleihen, sind zynisch, sondern die, die annehmen, es könne das geben im Angesicht des Leids der anderen: Gewöhnung. Ist es nicht vielmehr zynisch, zu wissen, was an anderen Orten der Welt geschieht, und sich nicht darum zu scheren?“

http://www.zeit.de/2011/2...

Das Ausleben

prsönlicher Betroffenheit kann auch Gefühlsegoismus sein: Ich leide laut und deutlich an Deinen Leiden und bekomme dafür Aufmerksamkeit, Geld und ein Gefühl von Sinn.

ENTSCHEIDENDE FRAGE sind nicht die Gefühle der Voyeure, sondern was angebliche oder wirkliche Kriegsgegner (es gibt auch eine Form des Dagegenseins, die das genießt, wogegen sie zu sein behauptet, um sich möglichst intensiv damit beschäftigen zu können) konkret wann und wo gegen den Krieg bzw. seine Folgen tun - man kann z.B. auch zum Roten Kreuz gehen. Ich arbeitete mit Menschen zusammen, die organisierten während des Jugoslawienkrieges Hilfslieferungen für die Zivilbevölkerung und fuhren sie selbst im LKW dorthin. KEINEM von denen wäre es eingefallen, öffentlich auf seine Gefährdung und die persönlichen Kosten seines Einsatzes hinzuweisen.

Natürlich kann auch Anschreiben gegen Krieg sehr sinnvoll sein - aber live-Berichte im Boulevardfernsehen von der eben erst dagewesenen Gefahr an eben dieser Stelle (man sieht noch Rauch und Blut) erklären NICHTS und befriedigen allenfalls solche Wohnzimmer-Bedürfnisse des Publikums zuhause, die in anderem Kontext selbst zur Gewaltspirale beitragen könnten. Sensationsgier ist nun einmal eine Form von Gier.