Dirk Krecker steht unter Neonlichtröhren und zuckt mit den Achseln. Draußen brummt das Frankfurter Bahnhofsviertel, drinnen surrt der Computer. »Ich brauch’s nicht besonders romantisch«, murmelt der 40-jährige Künstler in seinem Arbeitsraum, der aussieht wie eine Abstellkammer von der Sorte, die es in jeder Schule nahe dem Hausmeisterbüro gibt: Alte Geräte stehen herum, Drucker, Kabel, Pappkartons, Bürotische, leere Plastikflaschen liegen am Boden, Steckdosenleisten, Klamotten und Papiere. Hoch übereinandergestapelt, reihen sich Kisten neben Regalen mit Kleber, Lösungsmittel, alten Büchern, DVDs. Ein Ort, an dem man sich nicht bewegen, nur setzen kann. Früher hätte man einen solchen Ort ein Atelier genannt.

Hier, und nur hier, so will es der Mythos von der künstlerischen Schöpfung, in einem intimen Raum mönchischer Abwendung von der profanen gesellschaftlichen Welt, in der geheimnisvollen Aura des Künstlers, beginnt die Energie zu fließen, nur hier springt der Funke über, der einmal ein großes Werk werden wird.

Dieser mystischen Verklärung künstlerischer Arbeitsräume widmet sich aktuell eine große Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie (bis zum 10. Februar). Sie erzählt von der Geschichte dieses Orts, an dem sanftes Licht direkt aus dem Himmel durch Dachschrägfenster fällt und die Staffelei illuminiert und der noch immer nichts von seiner Magie verloren hat. Doch stimmt das? Ist das Atelier noch der geheime, der unabdingbare Ort der Inspiration, the place where the magic happens? Oder wie sieht sie heute aus, die Arbeitswelt der jungen Künstler?

Bei Dirk Krecker scheint auf den ersten Blick alles so zu sein, wie es sich gehört: Künstlerunordnung, die Werkstatt als Höhle. Seit sein dreijähriger Sohn auf der Welt ist, hält er sich an Bürozeiten, ab morgens um zehn sitzt er am Schreibtisch, vor einer leeren weißen Wand, an der Reste von Reißzwecken und Papier hängen. Nicht in seinem Kopf, sondern im Computer, dem »ausgelagerten Atelier«, wie er ihn nennt, fischt Krecker nach Ideen. Ihn interessieren moderne Städte, Gentrifizierung, Grenzkriege und die Art, wie Medien sie darstellen und beschreiben. Wochenlang sammelt er Sätze, greift Nachrichtenfetzen aus Podcasts oder Online-Zeitungsangeboten. Später entstehen Schablonen, Krecker paust die Umrisse von Figuren vom Computerbildschirm ab, um sie in eine der alten Maschinen, die in seinem Kabuff herumstehen, zu spannen. »Übersetzung in Schreibmaschinensprache« nennt er diesen Produktionsschritt. Krecker malt nicht, er zeichnet nicht, er tippt lauter X aufs Papier, und aus den X – mal farbig, mal schwächer, mal stärker getippt – formen sich auf dem Papier Hochhäuser, Vögel, Kampfflugzeuge und Menschen.

Echo Oldschool heißt die Arbeit, die er mit der Schreibmaschine geschaffen hat, in der er das, was er im digitalen Nachrichtenabfall zusammengeklaubt hat, mit dem alten Schreibgerät kombiniert. Es handele sich um »mediale Archäologie«. Der Raum selbst sei dafür gar nicht so wichtig, Hauptsache, es gebe ihn. Und er ist nah genug dran an der Zivilisation. Kreckers urbane Motive sind untrennbar von der Großstadt, den Bankentürmen, die in den Himmel ragen. Er braucht den Kontakt zu den Menschen, hier im Atelierhaus basis, in dem sich 45 Kreative zusammengetan haben. Es ist ein Exil mit Weltkontakt. Ein Ort, den Krecker mit sich trägt, auch wenn er gerade nicht hier ist.

Alles in Reichweite: Dirk Krecker in seinem Atelier © VG Bild-Kunst, Bonn, 2012


»Vorgelagerte Atelier-Situation« nennt er die Momente, die jederzeit und überall eintreten können, in denen Ideen kommen, die er dann hier hinträgt, damit das gefundene Material herumliegen kann, ohne dass jemand Ordnung fordert. Krecker spricht von sich dabei eher als Werkzeug denn als Schöpfer. Er legt die Fundstücke ab, sie müssten »köcheln«, erklärt er ernst, als würde er einen chemischen Ablauf referieren. Aus »unfertigen Schmutzecken« ergebe sich »additiv« eine Arbeit, durch Schichten, Warten, Rauswerfen. Und immer wieder: Anschauen. Das Atelier, bei Dirk Krecker dient es vor allem dem Gären von Material, so lange es eben braucht. Etwas, das, ganz pragmatisch gesehen, bei Frau und Kind zu Hause eben keinen Platz hätte.

Mariechen Danz hat kein zu Hause. Nur zum Schlafen geht sie in ihre Berliner Wohnung, in der sie sich noch immer nicht richtig eingerichtet hat – und das, obwohl sie schon seit 1998 in der Stadt lebt. Die Irin hat ihr Atelier im Hinterhof des Paul-Lincke-Ufers in Kreuzberg. Wie Krecker arbeitet sie in einem Haus, in dem es neben, über und unter ihr andere Maler, Designer, sogar Akrobaten gibt. Ein bisschen laut sei das Ganze manchmal, sagt Mariechen Danz und stakst auf hohen Schuhen durch das Material in ihrer Werkstatt.

Man muss sich vor dieser Frau nicht fürchten. Und doch ist es so, als habe man sich in dem Moment, in dem man ihr Atelier betritt, in den offenen Wahnsinn eingeklinkt. Mariechen Danz macht alles: in jeder Ecke ein anderer Arbeitsbereich, ganz, als habe sie jeden kreativen Impuls, den sie verspürte, restlos nach außen gekehrt und dort abgeworfen. Ein Kleiderständer mit selbst genähten Kostümen steht neben einem Haufen von Büchern, an einer Wand, die aus einer riesigen Tafel besteht, lehnt eine knallrote Leiter. Mit Straßenkreide gemalt, prangen hier Totenköpfe, Fragezeichen oder durchgestrichene Zahlen.

Beim Erklären switcht Danz von einer Rolle zur nächsten: Mal wirkt sie wie ein Kind, das sich hier austobt, mal wie eine Medizinerin, die alte Anatomiebücher studiert, oder wie eine Alchemistin, die menschliche Organe aus Kunststoff gießt, ein Theater- oder Zirkusmensch, der Kulissen und Requisiten für Performances schafft, oder wie eine Musikerin, die Texte für Songs am Computer einsingt. »Oh, ein Dickdarm«, ruft Mariechen Danz euphorisch, sie packt einen Haufen Fimo-Exponate aus, die gerade aus Göttingen von einer Ausstellung zurückgekommen sind. Der Körper, hat die 32-jährige Künstlerin einmal gesagt, sei ein »positives Problem«. Danz ist besessen von der Physis des Menschen und vor allem: deren Dokumentation.