Ähnlich wie Dirk Krecker wühlt Danz in ihrer Schaffenskammer vor allem erst mal im Computer. Auch sie zieht sich dafür zurück, zwischen ihren Sachen klickt sie sich durch Anatomieprogramme von medizinischen Fakultäten überall auf der Welt, schaut, wie sich die Darstellung und die Lehre vom Körper seit dem Mittelalter bis heute geändert haben. Der Körper sei schließlich noch immer »der Ort, wo alles passiert«. Die Verstopfung im Fimo-Dickdarm steht bei ihr als Metapher für Missverständnisse in der Sprache.

Und das Atelier? »Ich brauche Gehirnplatz«, sagt sie. Woher ihre Ideen kommen, weiß sie auch nicht, sie weiß nur, dass hier ihre Sammelstelle ist. Eine »Fabrik« sei dieser Ort, »immer das, was er grad sein soll«, darin bestehe die Freiheit. »Hier ist alles«, sagt Danz, es werde gesprochen, gewerkelt, Musik gehört, geskypt, mit chemischen Substanzen herumexperimentiert. Die Grenze zum Außen, sie ist weniger strukturiert als bei Dirk Krecker, der sein Atelier wie ein Schichtarbeiter betritt und verlässt. Mariechen Danz bleibt, solange die Objekte es wollen, der Schaffensprozess gebe den Takt vor.

Für ihn braucht Danz immer auch die Menschen, im doppelten Sinn: die Ateliernachbarin, eine Tür weiter, bei der sie sich nachts, zwischen den Arbeitsphasen auf einer Schlafliege ausruhen kann. Aber auch die Menschen als Masse, als Gesellschaft, die sie beobachtet.

Danz erfindet nicht, sie vermittelt, sie verwertet, ihre Kunst ist das Recyceln, Re-Kreieren, Re-Sortieren. Ob gigantische Learning Cubes, Würfel, mit denen Schulkinder Biologie lernen, offene Plastikkörper, Nährstofftabellen aus Gesundheitsratgebern, Darstellungen von Schmerzzentren im Kopf oder Massage-Strümpfen aus Thailand, auf denen die Punkte markiert sind, die es zu pressen gilt, um Entspannung zu erreichen – all das ist Mariechens Material, ein bereits bestehender Werkstoff, der in der großen verwunschenen Kammer ihres Ateliers gestaut ist, bis sie ihn irgendwann »aktiviert«. Während früher den Malern eine Palette mit Ölfarben reichte, die Bildhauer ein paar Blöcke Stein auf Lager hatten, scheint heute vielen Künstlern die ganze Welt zum Material zu werden. Das Atelier ist Vorratskammer, Durchlauferhitzer, ein Minikosmos im Medienuniversum.

Britta Thie will es anders. Sie ist niemand, der an den Geistesblitz glaubt, an die große Kraft des Schöpfergenies – und auch nicht an dessen exklusive Arbeit. Die zeitgenössische Kunst, sagt die 27-Jährige, sei ein mehrstöckiges Gebilde aus Metaebenen, ein ewiges Referieren und Abändern von Zitaten. Als Medienkünstlerin bedient Thie sich bei dem, was Menschen ins virtuelle Netz stellen. Sie meidet jede Form von Einsamkeit und Rückzug, sie ist süchtig nach der Welt. Thie ist sogar so sehr Teil von ihr, dass es ihr schwer fällt, den nötigen Abstand zu halten, um zu arbeiten. Immerzu postet sie Ideen, die eigentlich noch gar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren, laufend lädt sie Fotos hoch, Clips, Handyvideos. C141 steht an dem Raum in der Berliner Universität der Künste, in dem sie arbeitet. Es gibt keine Fenster, nur Glasbausteine. Ansonsten: Technik, Bildschirme, Kabel, Keyboards. Ein Ort, den man für je 24 Stunden nutzen kann. Ein Ort, an den man sich einloggt und dann wieder verschwindet. Ein anonymer Ort, eine Art Anti-Atelier. »Ich mache mobile Kunst«, erklärt Thie, während der Computer sich hochfährt. Zwischen den grauen Geräten sieht sie aus wie eine unwirkliche Fee mit ihrem Blick, der sich zwischen Konzentration und Abwesenheit nicht entscheiden mag. Thies Arbeit besteht aus Videoessays, zusammengestellten Clips, in denen sie alte Aufnahmen von sich selbst mit neuen iPhone-Videos kombiniert.

Dabei braucht sie die Hilfe von Programmierern, die ihr die Schnittprogramme erklären. Es ist der Anti-Genie-Kult, ein Werk als Prozess, an dem viele beteiligt sind. Denn nicht nur die Hilfe der Techniker, die ihr Tastenkombinationen zeigen, benötigt Thie für ihr Werk, sondern auch ihre Freunde, ihr soziales Umfeld im analogen und virtuellen Leben. Britta Thie folgt ihren Kommunikationsspuren, sammelt die Bilder, Erinnerungen und Jugendvideos ihrer Generation. Die Kinder der Achtziger, erklärt sie, hätten ihre biologische Pubertät parallel zur medialen, digitalen Pubertät der gesamten Gesellschaft durchgemacht und seien deshalb die beste Quelle für ihre Arbeit.

Was Thie beschäftigt, ist die Beziehung des Menschen zum Interface, zum Touchscreen des Gerätes. Gescannte iPhones erscheinen wie Röntgenaufnahmen auf dem Bildschirm. Auf den Smartphones sind Muster, die vergangene Wischbewegungen der Finger auf dem Gerät zeigen. Poesie in der Technik? Das erschreckende Bild einer Suchtgesellschaft?

Für Thie ist Technik vor allem ein Lebensraum, Arbeitsort, Gegenüber. »Technik hat etwas Neurotisierendes, aber auch etwas Beruhigendes. Ein schlafender Mac kann wie ein lauerndes Tier sein oder wie ein stiller Begleiter.« Zum Arbeiten brauche sie nichts außer ihren Geräten. Und, immer wieder, die Distanz zu ihnen. Es ist wie ein Herunterfahren, wenn sie sich zurückzieht, in ihr zweites Atelier, an »den Ort, an dem es kein WLAN gibt«. Am liebsten gehe sie zu Karstadt, fahre bis nach ganz oben, ins Bistro am Hermannplatz. Dort über den Häusern säßen nur alte, analoge Menschen vor ihrem Kaffee und ihren Schnitzeln, der soziale Moloch im Virtuellen lasse sie in Ruhe.

Erst wenn sie hier nachgedacht, gelesen, ihr iPhone besprochen hat, trägt sie ihre Fundstücke ins Computerlab. Das eine Atelier also ein öffentliches Café, das andere nur mehr eine Schnittkammer? Ein Ort der neutralen, kühlen Technik, der sie nicht prägt und an dem nichts Prägendes zurückbleibt? »Ich bin bekannt dafür, dass ich den Desktop verschmutze«, lächelt Thie peinlich berührt, aus Versehen lasse sie manchmal Dateien auf dem virtuellen Schreibtisch liegen. Ein Rest von dem Wunsch, Dinge außerhalb der Cloud, der virtuellen Sphäre, zurückzulassen?

Es ist 14.30 Uhr, die gebuchte Zeit ist abgelaufen, das Atelier gehört gleich jemand anderem. Britta Thie empfindet diese Offenheit nicht als störend. Sie muss in einer Netzwerkstruktur arbeiten, um die Netzwerkgesellschaft künstlerisch einzufangen. »Die Scangeräusche der anderen machen mich glücklich«, sagt sie und sieht wirklich glücklich aus.

Der Mythos des Ateliers, er lebt noch immer. Die Sehnsucht nach einem kreativen Genie gibt es weiterhin, nach einem Künstler, der einen anderen Zugang zur Wahrheit hat, weil er nicht eingebunden ist, sondern draußen steht, auf einsamem Posten, von dem aus er den besten Blick auf die Gesellschaft hat. Britta Thie würde von einem solchen Abseits aus nichts sehen. Ihren Ort hat sie in der Ortlosigkeit gefunden. Wie Dirk Krecker und Mariechen Danz befindet er sich immer ein bisschen überall und nirgendwo. Vor allem aber: mittendrin.