Ausstellung Jan van EyckNehmt doch Platz!

Wie bei Jan van Eyck erstmals das Leben in die Kunst einwanderte. Eine Ausstellung in Rotterdam. von 

Ein wenig herrschsüchtig sind diese Bilder schon. Sie haben es nicht gern, wenn man sie nur kurz, gar im Vorübergehen betrachtet. Sie wollen mehr, wollen studiert, erkundet sein, und selbst das ist noch zu wenig. Maßlos, wie sie sind, möchten die Bilder alles und jeden in sich hineinziehen. Seid nicht schüchtern, rufen sie uns zu. Schaut doch, dieser Hocker hier, seht ihr den? Auf den könnt ihr euch setzen, schön bequem habt ihr’s da, auf diesem herrlichen Kissen, burgunderrot. Fühlt euch wie zu Hause und seid willkommen, hier in der Bilderwelt des Jan van Eyck!

Eh man sich’s versieht, hat sich das Auge in dieser Kunst verloren. Es streicht über das samtige Kissen, hängt sich an den Troddeln fest, staunt über den stämmigen Hocker, der auf seinem eigenen Schatten zu schweben scheint. Dann gleitet der Blick weiter, zu Maria und ihrer aufgeschlagenen Bibel, zu dem Lesezeichen, das über und über mit Perlen besetzt ist, und zu den Seiten des dicken Bandes, geschmückt mit feinsten Buchmalereien. Am liebsten läse das Auge, was Maria gerade liest, doch wie soll das gehen ohne Lupe? Da steht etwas geschrieben, in so winziger Schrift, dass es sich nicht entziffern lässt. Nicht für uns, allenfalls für den Maler van Eyck, der es einst haarfein auf die Holztafel schrieb.

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So sind die Bilder dieses großen, ersten, alle überstrahlenden Malers der niederländischen Frührenaissance: Sie suchen die Wahrheit in der Winzigkeit. Sie begeistern sich für das Klitzekleine und entdecken darin stets noch Kleineres und in diesem Kleineren wiederum etwas Kleines. Als dürften sie nichts auslassen, als wollten sie nichts verpassen. Manchmal erscheinen sie fast panisch, so, hätten sie Angst, ihnen könnte das Wesentliche entgehen, wenn sie nicht jede Wimper, jede Fußbodenritze, jeden Grashalm in den Blick nehmen.

Ausstellung

»The Road to Van Eyck« im Museum Boijmans van Beuningen, bis zum 10. Februar

Es ist eine ungeheuer ansteckende Form von Versessenheit. So wie van Eyck nie genug bekam, bekommen wir nicht genug, das Auge will sich nicht sattsehen. Und so ist man auch von einer Ausstellung wie der, die jetzt in Rotterdam zu sehen ist, vollauf begeistert. Sie zeigt nur wenige Werke des Meisters, man wünschte sich mehr, viel mehr von dieser Malerei. Und doch ist man überglücklich über die Fülle eines einzigen Bildes.

Die Ausstellung fragt, woher das kommt. Wem verdankt van Eyck (um 1390 bis 1441) seine unermüdliche Liebe zum Detail? Wer verhalf ihm zu dem scharfen Blick, zu diesen Bildern, die so ganz anders sind als alles, was die Welt bis dahin gesehen hatte? Nicht länger sind die Menschen zweidimensional platt gedrückt wie sonst oft in der mittelalterlichen Malerei. Nicht länger ist der Hintergrund von Blattgold verschlossen. Van Eyck reißt den Himmel auf. Seine Landschaften sind weit, seine Interieurs stimmig bis in den letzten Winkel. Wie nur konnte ihm gelingen, was noch keinem gelang: in seiner Kunst eine zweite Natur zu kultivieren?

Es gab damals viele Künstler, an den Höfen, in den Klöstern und Städten. Die meisten waren damit beschäftigt, das Dasein der Reichen möglichst schön und sinnentief auszustaffieren. Auch davon erzählt die Ausstellung mit all ihren Gebetsbüchern, Elfenbeinschnitzereien, Kruzifixen. Die Kunst war im Leben, war Dekorum. Erst van Eyck drehte das um: Bei ihm tritt das Leben in die Kunst.

Gut, hier und da scheint sich das auch bei anderen Künstlern anzukündigen. Vor allem in den Buchmalereien steckt schon jene Lust am mikroskopischen Sehen, jene Emphase fürs Detail, die irrwitzig versponnene Ranken hervortreibt, voller Blättchen und Blüten und Vögelchen.

Auch in manchen Porträts jener Zeit scheint sich van Eycks Kunst bereits anzukündigen, in Bildern, die über keine Falte, keinen Pickel hinwegsehen und sich sehr für grau überflammte Bartstoppeln interessieren. Die Schönheit, davon kündet diese Kunst, liegt in dem, was ist. Man malt keine Vor-, man malt Abbilder.

Leserkommentare
    • lyriost
    • 05. November 2012 16:42 Uhr

    Und was hat der Hocker da zu suchen? Ja, der Hocker, wo isser denn? Vielleicht ist er ausgewandert, als das "Leben in die Kunst einwanderte". Ausgerechnet der Hocker, der das gewöhnliche Leben ins Bild bringen sollte. Oder wurde er, vielleicht wegen Bedeutungsunsicherheit, vom Bildredakteur weggeschnitten? Eine Bildunterschrift sollte zum Bild und zum übrigen Text passen, finden Sie nicht?

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    • knrr
    • 05. November 2012 16:58 Uhr

    zugegeben .. ich war auch irritiert. hab dann aber mal das web orakel befragt > http://bit.ly/RLPrKd

    Zum Glück hat "knrr" einen Link platziert. Und siehe da: Da ist das Bild, unbeschnitten und mit Hocker.
    Schon blöd, daß die frühen Maler Formate verwendet haben, die so gar nicht den digitalen Standards entsprechen.
    Da schnippselt der iPod-geprägte Bilderknecht schon einmal 50% weg.

    • knrr
    • 05. November 2012 16:58 Uhr
    2. hocker

    zugegeben .. ich war auch irritiert. hab dann aber mal das web orakel befragt > http://bit.ly/RLPrKd

    Antwort auf "Unsichtbarer Hocker"
    • Mari o
    • 05. November 2012 18:05 Uhr

    Im Spiegel steckt der Teufel,deshalb mussten die Maler ihre
    sensationelle Entdeckung geheim halten.sonst wären die Hunde Gottes gekommen (Dominikaner)und hätten sie verbrannt.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Hockney%E2%80%93Falco_thesis

    und jetzt wissen wir endlich,dass die alten Meister wie sie schon seit Jahrhunderten genannt werden auch nur mit Wasser gekocht haben.und alles wie Gerhard Richter durchgepaust haben.obwohl mir noch niemand erklären konnte,was für ein Sinn es haben könnte ein Foto abzumalen.
    aber das geht jetzt zu weit

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    • fegalo
    • 05. November 2012 19:27 Uhr

    <em>“und jetzt wissen wir endlich,dass die alten Meister wie sie schon seit Jahrhunderten genannt werden auch nur mit Wasser gekocht haben.und alles wie Gerhard Richter durchgepaust haben.“</em>

    Da irren Sie aber gewaltig. Was bitte soll er denn gleich nochmal durchgepaust haben? Ein Foto vom Engel Gabriel?

    Das Bild von van Eyck steckt voller perspektivischer Fehler. Es scheint eine einfache Zentralperspektive zu sein, tatsächlich aber existiert für die scheinbar fluchtenden Linien kein gemeinsamer Fluchtpunkt. Der Maler ist ganz intuitiv herangegangen. Die Architektur selbst ist vollkommen fiktiv, aus Versatzstücken kirchlicher und privater Architektur zusammengesetzt. Ferner ist der Faltenwurf typisch spätmittelalterlich stilisiert. Ebenso die Gesichter und die Hände. Die Gewänder sind Erfindungen, etc. etc.

    Was das Bild von van Eyck so „realistisch“ erscheinen lässt, das ist das samtweiche und gleichzeitig strahlende Licht, in dem alles liegt. Und diese Wirkung verdankt sich einem unfassbar präzisen und feingestimmten Gefühl für Helligkeiten und Kontraste. Leonardo und vielleicht noch Vermeer haben es hier zu ähnlicher Meisterschaft gebracht.

    Da hilft keine Linse und kein Spiegel. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal in der Küche stehen.

  1. Van Eycks Malerei ist magisch. Sein Ghenter Altar ist eines der faszinierendsten Zeugnisse der Malerei, wenn nicht der Kunstgeschichte überhaupt.

  2. Zum Glück hat "knrr" einen Link platziert. Und siehe da: Da ist das Bild, unbeschnitten und mit Hocker.
    Schon blöd, daß die frühen Maler Formate verwendet haben, die so gar nicht den digitalen Standards entsprechen.
    Da schnippselt der iPod-geprägte Bilderknecht schon einmal 50% weg.

    Antwort auf "Unsichtbarer Hocker"
  3. Das sind doch diese Dinger, die man im Internet benutzt, oder? Schade nur, dass sie fehlen, wo sie hingehören (z.B. zum Betrachten des gesamten Bildes, so dass die Bildunterschrift sich erschlossen hätte) und wenig sinnvoll genutzt werden, wo sie vorkommen - schliesslich sind vor allem auf den ZEIT-Seiten nicht mehr Informationen zu van Eyck oder der Ausstellung, sondern nur weitere Links zu Seiten, die irgendwie was mit Kunst, Ausstellungen und Künstlern zu tun haben...
    Auf der zweiten Seite scheint der Autor diese Möglichkeit allerdings vergessen zu haben! Bei Umstürzlern hätte man doch auf eine Themenseite zum arabischen Frühling verlinken können; bei der Bibel auf den neuesten Skandal in der Kirche?!
    Kurz: ein Plädoyer für angemesseneren Gebrauch dieses durchaus praktischen Dings "Hyperlink"!

    • fegalo
    • 05. November 2012 19:27 Uhr

    <em>“und jetzt wissen wir endlich,dass die alten Meister wie sie schon seit Jahrhunderten genannt werden auch nur mit Wasser gekocht haben.und alles wie Gerhard Richter durchgepaust haben.“</em>

    Da irren Sie aber gewaltig. Was bitte soll er denn gleich nochmal durchgepaust haben? Ein Foto vom Engel Gabriel?

    Das Bild von van Eyck steckt voller perspektivischer Fehler. Es scheint eine einfache Zentralperspektive zu sein, tatsächlich aber existiert für die scheinbar fluchtenden Linien kein gemeinsamer Fluchtpunkt. Der Maler ist ganz intuitiv herangegangen. Die Architektur selbst ist vollkommen fiktiv, aus Versatzstücken kirchlicher und privater Architektur zusammengesetzt. Ferner ist der Faltenwurf typisch spätmittelalterlich stilisiert. Ebenso die Gesichter und die Hände. Die Gewänder sind Erfindungen, etc. etc.

    Was das Bild von van Eyck so „realistisch“ erscheinen lässt, das ist das samtweiche und gleichzeitig strahlende Licht, in dem alles liegt. Und diese Wirkung verdankt sich einem unfassbar präzisen und feingestimmten Gefühl für Helligkeiten und Kontraste. Leonardo und vielleicht noch Vermeer haben es hier zu ähnlicher Meisterschaft gebracht.

    Da hilft keine Linse und kein Spiegel. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal in der Küche stehen.

    Antwort auf "Geheimes Wissen"
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    • Mari o
    • 05. November 2012 22:23 Uhr

    Leonardo,genau.Sfumato.Man nehme einen einfachen Rasierspiegel
    und projeziere und staune über das wunderbare Licht.
    der FotorealistVermeer,genau dasselbe.
    Rubens hat nicht mit der Spiegellinse gearbeitet.
    El Greco auch nicht ;)
    na ja wir waren ja nicht dabei.
    aber wenn man sich die unglaublichen Fähigkeiten der alten
    Meister ein bisschen erklären kann ist man schon ein bisschen erleichtert.

  4. Im Artikel heißt es: "Oder ist es umgekehrt? Erscheint das Heilsgeschehen deshalb besonders real, weil van Eyck allen Dingen ein Eigenleben gönnt? Er entrückt das Himmlische nicht, es rückt es heran ans Irdische, so nah, wie er den Hocker mit dem roten Kissen an den Rand seines Bildes schiebt. Fast fällt er heraus." Hier hat der Autor die Szene in nuce erfasst. Wir befinden uns in van Eycks Darstellung gleichsam in Gottes Zeit. Während van Eycks Verkündigung sehen wir Maria nicht als einfaches und armes Mädchen. Wir sehen sie gleichzeitig zukünftig - im Vorschein darauf, was sie einmal sein wird: die Himmelskönigin. Aus diesem Grunde auch das reiche Dekor, in das van Eyck die Szene stellt. In van Eycks Deutung des Geschehens fallen Realität und eschatologische Bedeutung in eins. Zwischen diesen Polen changiert das Bild unablässig.

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