Ein wenig herrschsüchtig sind diese Bilder schon. Sie haben es nicht gern, wenn man sie nur kurz, gar im Vorübergehen betrachtet. Sie wollen mehr, wollen studiert, erkundet sein, und selbst das ist noch zu wenig. Maßlos, wie sie sind, möchten die Bilder alles und jeden in sich hineinziehen. Seid nicht schüchtern, rufen sie uns zu. Schaut doch, dieser Hocker hier, seht ihr den? Auf den könnt ihr euch setzen, schön bequem habt ihr’s da, auf diesem herrlichen Kissen, burgunderrot. Fühlt euch wie zu Hause und seid willkommen, hier in der Bilderwelt des Jan van Eyck!

Eh man sich’s versieht, hat sich das Auge in dieser Kunst verloren. Es streicht über das samtige Kissen, hängt sich an den Troddeln fest, staunt über den stämmigen Hocker, der auf seinem eigenen Schatten zu schweben scheint. Dann gleitet der Blick weiter, zu Maria und ihrer aufgeschlagenen Bibel, zu dem Lesezeichen, das über und über mit Perlen besetzt ist, und zu den Seiten des dicken Bandes, geschmückt mit feinsten Buchmalereien. Am liebsten läse das Auge, was Maria gerade liest, doch wie soll das gehen ohne Lupe? Da steht etwas geschrieben, in so winziger Schrift, dass es sich nicht entziffern lässt. Nicht für uns, allenfalls für den Maler van Eyck, der es einst haarfein auf die Holztafel schrieb.

So sind die Bilder dieses großen, ersten, alle überstrahlenden Malers der niederländischen Frührenaissance: Sie suchen die Wahrheit in der Winzigkeit. Sie begeistern sich für das Klitzekleine und entdecken darin stets noch Kleineres und in diesem Kleineren wiederum etwas Kleines. Als dürften sie nichts auslassen, als wollten sie nichts verpassen. Manchmal erscheinen sie fast panisch, so, hätten sie Angst, ihnen könnte das Wesentliche entgehen, wenn sie nicht jede Wimper, jede Fußbodenritze, jeden Grashalm in den Blick nehmen.

Es ist eine ungeheuer ansteckende Form von Versessenheit. So wie van Eyck nie genug bekam, bekommen wir nicht genug, das Auge will sich nicht sattsehen. Und so ist man auch von einer Ausstellung wie der, die jetzt in Rotterdam zu sehen ist, vollauf begeistert. Sie zeigt nur wenige Werke des Meisters, man wünschte sich mehr, viel mehr von dieser Malerei. Und doch ist man überglücklich über die Fülle eines einzigen Bildes.

Die Ausstellung fragt, woher das kommt. Wem verdankt van Eyck (um 1390 bis 1441) seine unermüdliche Liebe zum Detail? Wer verhalf ihm zu dem scharfen Blick, zu diesen Bildern, die so ganz anders sind als alles, was die Welt bis dahin gesehen hatte? Nicht länger sind die Menschen zweidimensional platt gedrückt wie sonst oft in der mittelalterlichen Malerei. Nicht länger ist der Hintergrund von Blattgold verschlossen. Van Eyck reißt den Himmel auf. Seine Landschaften sind weit, seine Interieurs stimmig bis in den letzten Winkel. Wie nur konnte ihm gelingen, was noch keinem gelang: in seiner Kunst eine zweite Natur zu kultivieren?

Es gab damals viele Künstler, an den Höfen, in den Klöstern und Städten. Die meisten waren damit beschäftigt, das Dasein der Reichen möglichst schön und sinnentief auszustaffieren. Auch davon erzählt die Ausstellung mit all ihren Gebetsbüchern, Elfenbeinschnitzereien, Kruzifixen. Die Kunst war im Leben, war Dekorum. Erst van Eyck drehte das um: Bei ihm tritt das Leben in die Kunst.

Gut, hier und da scheint sich das auch bei anderen Künstlern anzukündigen. Vor allem in den Buchmalereien steckt schon jene Lust am mikroskopischen Sehen, jene Emphase fürs Detail, die irrwitzig versponnene Ranken hervortreibt, voller Blättchen und Blüten und Vögelchen.

Auch in manchen Porträts jener Zeit scheint sich van Eycks Kunst bereits anzukündigen, in Bildern, die über keine Falte, keinen Pickel hinwegsehen und sich sehr für grau überflammte Bartstoppeln interessieren. Die Schönheit, davon kündet diese Kunst, liegt in dem, was ist. Man malt keine Vor-, man malt Abbilder.

Van Eycks Treue zur Wirklichkeit ließ ihn untreu werden

Wie furchtbar fremd müssen diese Bilder den Zeitgenossen gewesen sein

Ob van Eyck solche Beispiele kannte, ist indes ungewiss. So wie dieser Maler überhaupt ein großes Rätsel ist, sehr zur Freude der Kunsthistoriker, die nicht müde werden, viele Bücher mit »Attributzlereien« (Aby Warburg), mit Ab- und Zuschreibungen und den erstaunlichsten Theorien zu füllen. Es ist auch verständlich: Niemand mag daran glauben, dass van Eyck und seine Ars nova aus irgendeinem Nichts aufgetaucht sind. Sie müssen sich herleiten, entwickelt haben, sie brauchen eine Vorgeschichte.

Doch so sehr sich diese Ausstellung auch bemüht, zumindest einen groben Rahmen abzustecken – sie zeigt doch vor allem, wie furchtbar fremd van Eycks Kunst den Zeitgenossen erschienen sein muss. Ein Naturalismusschock! Was für Perfektion, was für Tiefenschärfe! Und dieses Licht, das sich hier und dort kalt glitzernd bricht, das die Welt aufblitzen lässt und den Dingen einen sanften Schatten schenkt. Man kann sich leicht vorstellen, wie entgeistert die Menschen waren, als sie seine Bilder sahen.

Bei aller Akribie im Kleinen war van Eyck eben auch ein Umstürzler im Großen. Seine Treue zur Wirklichkeit ließ ihn untreu werden, ließ ihn das Gewohnte vergessen, auf manchmal mal fast blasphemische Weise. Er malt die Geschichte vom Ostermorgen, doch interessiert sie ihn eigentlich noch? Viel lieber scheint er von dieser großartigen Landschaft erzählen zu wollen, von gewundenen Pfaden, sanften Berghöhen, von den schneeüberglänzten Gipfeln im fernen Hintergrund. Unweigerlich schweift sein Blick, schweift unser Blick in die Ferne und lässt das leere Grab zurück.

Geht es hier noch um das Heilige? Oder mehr um das profane Detail?

Und so ist es auch mit Marias Bibel, das Auge will nicht von ihr lassen, nicht von den gewellten, leicht angeknickten Seiten, von all den Spuren des Realen. Man sieht es dem Buch an, dass es viel gelesen wurde, manche Passagen besonders oft. Gerade das fasziniert van Eyck: Für ihn ist diese Bibel kein Ausstattungsstück, auch kein Symbol für irgendetwas. Sie ist einzig. Und er interessiert sich für die Gelesenheit, für ihre Geschichte. Damit rückt die eigentliche Geschichte des Bilds, die der Verkündigung, in den Hintergrund.

Oder ist es umgekehrt? Erscheint das Heilsgeschehen deshalb besonders real, weil van Eyck allen Dingen ein Eigenleben gönnt? Er entrückt das Himmlische nicht, es rückt es heran ans Irdische, so nah, wie er den Hocker mit dem roten Kissen an den Rand seines Bildes schiebt. Fast fällt er heraus.

Dennoch, es bleibt ein Rest Häresie. Van Eycks Bilder setzen auf die perfekte Illusion, auf Augentäuschung. Und gerade in dieser Täuschung soll sich die Wahrheit zeigen, die göttliche oder auch nur die alltägliche. Diese Kunst ist unvertraut vertraut, sie will uns hinausführen aus der Welt, indem sie uns die Welt so zeigt, wie wir sie kennen. Van Eyck ist ein Meister des irrealen Realismus.

In Katalogen oder in Zeitungen lässt sich das nicht wirklich zeigen. Viel zu klein und verwaschen sind die Abbildungen; hier kann man die Fülle allenfalls ahnen, hier erliegt man ihr nicht. Die Präsenz dieser Kunst verlangt nach unserer Präsenz. Sie ist, wie gesagt, ein wenig herrschsüchtig. Doch ist es Herrschsucht in ihrer schönsten Form.