Wie furchtbar fremd müssen diese Bilder den Zeitgenossen gewesen sein

Ob van Eyck solche Beispiele kannte, ist indes ungewiss. So wie dieser Maler überhaupt ein großes Rätsel ist, sehr zur Freude der Kunsthistoriker, die nicht müde werden, viele Bücher mit »Attributzlereien« (Aby Warburg), mit Ab- und Zuschreibungen und den erstaunlichsten Theorien zu füllen. Es ist auch verständlich: Niemand mag daran glauben, dass van Eyck und seine Ars nova aus irgendeinem Nichts aufgetaucht sind. Sie müssen sich herleiten, entwickelt haben, sie brauchen eine Vorgeschichte.

Doch so sehr sich diese Ausstellung auch bemüht, zumindest einen groben Rahmen abzustecken – sie zeigt doch vor allem, wie furchtbar fremd van Eycks Kunst den Zeitgenossen erschienen sein muss. Ein Naturalismusschock! Was für Perfektion, was für Tiefenschärfe! Und dieses Licht, das sich hier und dort kalt glitzernd bricht, das die Welt aufblitzen lässt und den Dingen einen sanften Schatten schenkt. Man kann sich leicht vorstellen, wie entgeistert die Menschen waren, als sie seine Bilder sahen.

Bei aller Akribie im Kleinen war van Eyck eben auch ein Umstürzler im Großen. Seine Treue zur Wirklichkeit ließ ihn untreu werden, ließ ihn das Gewohnte vergessen, auf manchmal mal fast blasphemische Weise. Er malt die Geschichte vom Ostermorgen, doch interessiert sie ihn eigentlich noch? Viel lieber scheint er von dieser großartigen Landschaft erzählen zu wollen, von gewundenen Pfaden, sanften Berghöhen, von den schneeüberglänzten Gipfeln im fernen Hintergrund. Unweigerlich schweift sein Blick, schweift unser Blick in die Ferne und lässt das leere Grab zurück.

Geht es hier noch um das Heilige? Oder mehr um das profane Detail?

Und so ist es auch mit Marias Bibel, das Auge will nicht von ihr lassen, nicht von den gewellten, leicht angeknickten Seiten, von all den Spuren des Realen. Man sieht es dem Buch an, dass es viel gelesen wurde, manche Passagen besonders oft. Gerade das fasziniert van Eyck: Für ihn ist diese Bibel kein Ausstattungsstück, auch kein Symbol für irgendetwas. Sie ist einzig. Und er interessiert sich für die Gelesenheit, für ihre Geschichte. Damit rückt die eigentliche Geschichte des Bilds, die der Verkündigung, in den Hintergrund.

Oder ist es umgekehrt? Erscheint das Heilsgeschehen deshalb besonders real, weil van Eyck allen Dingen ein Eigenleben gönnt? Er entrückt das Himmlische nicht, es rückt es heran ans Irdische, so nah, wie er den Hocker mit dem roten Kissen an den Rand seines Bildes schiebt. Fast fällt er heraus.

Dennoch, es bleibt ein Rest Häresie. Van Eycks Bilder setzen auf die perfekte Illusion, auf Augentäuschung. Und gerade in dieser Täuschung soll sich die Wahrheit zeigen, die göttliche oder auch nur die alltägliche. Diese Kunst ist unvertraut vertraut, sie will uns hinausführen aus der Welt, indem sie uns die Welt so zeigt, wie wir sie kennen. Van Eyck ist ein Meister des irrealen Realismus.

In Katalogen oder in Zeitungen lässt sich das nicht wirklich zeigen. Viel zu klein und verwaschen sind die Abbildungen; hier kann man die Fülle allenfalls ahnen, hier erliegt man ihr nicht. Die Präsenz dieser Kunst verlangt nach unserer Präsenz. Sie ist, wie gesagt, ein wenig herrschsüchtig. Doch ist es Herrschsucht in ihrer schönsten Form.