ZEITmagazin: Wie ist Ihr Verhältnis zu Neo Rauch und den Malern der Leipziger Schule ?

Hockney: Noch einmal dieser Begriff: Diese Maler scheinen an der Abbildung der Welt interessiert zu sein. Genau wie ich.

ZEITmagazin: Welches Werk der zeitgenössischen Kunst haben Sie sich zuletzt gekauft?

Hockney: Ich bin kein großer Sammler.

ZEITmagazin: Wovon hat Ihre Freundschaft zu Ihrem Kollegen Ronald Kitaj gehandelt?

Hockney: Wir haben uns vor langer Zeit auf dem Royal College of Art kennengelernt. Er war immer viel wohlhabender als wir, er war der einzige Student mit einem Auto. Er war ein großer Leser. Er hat der figurativen Kunst die entscheidenden Impulse gegeben. Er glaubte an die Malerei. Ich habe ihm seine zweite Frau vorgestellt. Ich vermisse Kitaj. Er war ein wichtiger Freund.

ZEITmagazin: Was ist das für ein Gefühl, sich auf einem Porträt von Ihrem Kollegen Ronald Kitaj selbst zu betrachten?

Hockney: Er ist der einzige Künstler, für den ich je Modell gesessen habe. Ich werde nach Berlin reisen, um mir dieses Bild noch einmal anzuschauen. Ich habe Kitaj auch einige Male gezeichnet.

ZEITmagazin: Welche große Entwicklung sehen Sie in der gegenwärtigen Malerei?

Hockney: So unendlich viele! Ich würde hier unbedingt den animierten Film dazunehmen. Zum Beispiel die Simpsons . Haben Sie die Abwesenheit von Schatten in den Simpsons bemerkt? Schatten gibt es in den Simpsons nur, wenn sie unbedingt nötig sind: zum Beispiel bei Autorücklichtern. Ich habe festgestellt: Außerhalb der europäischen Kunst gibt es kaum Schatten. Die Chinesen, Japaner, Perser, Inder? Keine Schatten.

ZEITmagazin: Ein technischer Gegenstand, der Ihnen zuletzt Freude gemacht hat?

Hockney: Das iPad .

ZEITmagazin: Wie ist es möglich, mit iPhone und iPad Kunst zu machen?

Hockney: Man kann ganz wundervoll darauf malen. Und man kann den Entstehungsprozess des Gemäldes als Film abspielen.

ZEITmagazin: Müssen Sie heute darüber lachen, dass Sie in den achtziger Jahren mit Faxgeräten experimentiert haben?

Hockney: Ich muss über vieles lachen!

ZEITmagazin: In groben Zügen: Wie umreißen Sie die Geschichte der technischen Erneuerungen der letzten 1000 Jahre?

Hockney: Für 500 Jahre war die Kirche der bestimmende Lieferant von Bildern. Und sie hatte die soziale Kontrolle. Im 19. Jahrhundert ging der Kirche diese Kontrolle verloren. Im 20. Jahrhundert ging die soziale Kontrolle von Fotos und Filmen aus. Nun stehen wir am Anfang einer neuen Epoche: Jeder kann Bilder herstellen, verteilen und vermarkten. Ich verfolge diese Entwicklung mit großer Freude und Aufmerksamkeit.

ZEITmagazin: Wie lautet Ihre Antwort auf den immer wieder gern gebrachten Ausspruch »Die Malerei ist tot«?

Hockney: Ich möchte Ihnen eine Gegenfrage stellen: Wer sind die größten Filmstars der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts? Mickey Mouse und Donald Duck . Und sie sind Produkte der Malerei. Kein Kind kennt heute noch James Cagney, Douglas Fairbanks jr. und Humphrey Bogart. Aber sie alle kennen Donald Duck. Die Abgesänge auf die Malerei sind absolut gegenstandslos.

ZEITmagazin: Als Maler, unterscheiden Sie zwischen der Oberfläche und dem Inhalt der Dinge?

Hockney: Ich habe einmal geschrieben: Die Oberfläche ist eine Illusion. So wie die Tiefe.

ZEITmagazin: Was ist das größte Missverständnis der Moderne?

Hockney: 1920 schlugen amerikanische Futurologen Alarm. Um 1960, so hatten neueste Berechnungen ergeben, würde die Welt so viele Telefonvermittler brauchen, dass die Menschen praktisch keinem anderen Beruf mehr nachgehen könnten. Die Berechnungen waren korrekt, sie hatten nur ein entscheidendes Detail übersehen: 1960 besaß jeder längst sein eigenes Telefon. Wie sagte einst Sam Goldwyn? Es ist sehr schwer, Vorhersagen zu treffen, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

ZEITmagazin: Was hat es zu bedeuten, dass die Kunstkritik Ihnen einst den Titel des »Cole Porter der Malerei« verlieh?

Hockney: Das ist okay.

ZEITmagazin: Man hat Sie auch als »Cliff Richard der Malerei« bezeichnet. Auch okay?

Hockney: Vollkommen okay, klar.

Ein schöner Moment. Hockney kichert, er kichert etwa zehn Sekunden lang. Es ist ihm so vollkommen gleich, wie man ihn nennt. Wenn ein Künstler jemals glaubhaft demonstriert hat, dass seine Kunst längst nicht mehr von den Titulierungen und Schlagworten der Kritik zu treffen ist, dann in diesem Moment. Nenne man ihn doch den »Cliff Richard der Malerei«! Cool. Neue Zigarette.

ZEITmagazin: Der Self-Rating-Test. Schätzen Sie Ihr Talent nun bitte von null Punkten, restlos unbegabt, bis zu zehn Punkten, maximale Begabung, ein. Traditionalist.

Hockney: Hier gebe ich mir eine 7,5.

ZEITmagazin: Alter Meister.

Hockney: 7,5. Verzeihen Sie bitte. Alle guten Künstler sind arrogant.

ZEITmagazin: Porträtmaler.

Hockney: Ich male gute Porträts! Ich gebe mir hier erneut: 7,5. Picasso setze ich auf zehn.

ZEITmagazin: Porträtmaler von Dackeln.

Hockney: Da bleibe ich bei einer 7,5.