Immer wieder ist das Phänomen wütender Leserbriefe zu bestaunen. Ich kann die Wut der Briefautoren fast nie nachvollziehen. Die Briefe klingen, als hätten die Menschen Angst, dass die von ihnen abgelehnten Ansichten eines Autors demnächst in der Bundesrepublik Gesetzeskraft erlangen. Nicht allen Leuten, die Zeitung lesen, ist klar, dass Zeitungen die Welt normalerweise nicht verändern. Der Normalfall sieht so aus, dass irgendwas in der Zeitung steht, die Leute lesen es, und am nächsten Morgen geht die Sonne auf, als sei nichts geschehen.

Ich behaupte nicht, dass die Medien keine Macht hätten. Sie haben Macht. Die wirkt aber nur dann, wenn Volksstimmung und Medienstimmung sich gegenseitig hochschaukeln. Bloß weil ich oder du irgendwas Schräges schreiben, passiert noch lange nichts, mein Freund. Da rate ich zur Gelassenheit. Warum werden Menschen überhaupt wütend, wenn sie andere Ansichten lesen als ihre eigenen? Es ist doch jedem Denkenden klar, dass, so schade es auch sein mag, nicht jeder tickt wie man selber. Ich glaube auch, dass man fast nie mit einem Kommentar jemanden von irgendwas überzeugen kann. Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen denken: So ein Quatsch. Und dann geht wieder die Sonne auf.

Eine Macht, die Medien tatsächlich besitzen, ist die, Leute zu beleidigen. Ich würde da allerdings eher von Machtmissbrauch sprechen. Vor einiger Zeit hat ein bekannter Kulturkritiker, den ich eigentlich schätze, über Heidi Klum geschrieben : »Man möchte sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln, wenn es nicht so frauenfeindlich wäre.« In einer Rezension über ein Buch von Richard David Precht , Liebe, schrieb eine Person, deren Namen ich nie gehört hatte, Precht keife, er sei ahnungslos und verstehe nicht mal ansatzweise, worüber er schreibt . Mit Textbeispielen, die Prechts Ahnungslosigkeit beweisen, geizte die Rezension leider. Ein anderer Nobody erwähnte kürzlich in der Besprechung einer Neuerscheinung beiläufig den Dichter Hemingway: »Hätte Ernest Hemingway wirklich gute Geschichten geschrieben, wäre ihm eine Story wie diese eingefallen.«

Hemingway ist eine Null, Mister Nobody dagegen ist Gott, schon klar. Den Verfassern von so etwas ist nicht bewusst, dass solche Attacken, die sie als partiell unzurechnungsfähig erscheinen lassen, ihnen selbst deutlich mehr schaden als Klum , Precht oder Hemingway . Lautstärke allein bringt es nicht. Man muss auch den Ton treffen. Das ist beim Singen genauso wie beim Schreiben.

Es gab mal autofreie Sonntage in Deutschland. Ich fände es gut, wenn es einen hassfreien Sonntag gäbe, an dem mal in keiner einzigen Kritik, keinem Blog und keinem Leserkommentar jemand als ein Stück Unrat dargestellt wird. Verrisse, Spott, Satire und Ähnliches meine ich damit natürlich nicht. Und dann sah ich, wieder einmal, Manhattan von Woody Allen. In einer Szene trifft Allen, der auch die Hauptrolle spielt, zwei New Yorker Intellektuelle, dargestellt von Diane Keaton und Michael Murphy. Sie haben eine fiktive »Akademie der überschätzten Künstler« gegründet. Aufgenommen wurden unter anderem Gustav Mahler , Heinrich Böll und Vincent van Gogh . Alles natürlich ähnliche Nullen wie Hemingway. Allen wird immer verärgerter und fragt sie, wieso sie eigentlich Mozart vergessen haben.

In dieser Szene fiel mir ein, dass ich selber auch schon solches Zeug geschrieben habe. Ich habe gesündigt, war herablassend in Bezug auf Künstler, die besser sind als ich. Und deshalb bin ich von Herzen froh, dass fast alles, was man so schreibt, folgenlos bleibt.

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