Martenstein"Ich fände es gut, wenn es einen hassfreien Sonntag gäbe"

Harald Martenstein über wütende Leserbriefschreiber von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Immer wieder ist das Phänomen wütender Leserbriefe zu bestaunen. Ich kann die Wut der Briefautoren fast nie nachvollziehen. Die Briefe klingen, als hätten die Menschen Angst, dass die von ihnen abgelehnten Ansichten eines Autors demnächst in der Bundesrepublik Gesetzeskraft erlangen. Nicht allen Leuten, die Zeitung lesen, ist klar, dass Zeitungen die Welt normalerweise nicht verändern. Der Normalfall sieht so aus, dass irgendwas in der Zeitung steht, die Leute lesen es, und am nächsten Morgen geht die Sonne auf, als sei nichts geschehen.

Ich behaupte nicht, dass die Medien keine Macht hätten. Sie haben Macht. Die wirkt aber nur dann, wenn Volksstimmung und Medienstimmung sich gegenseitig hochschaukeln. Bloß weil ich oder du irgendwas Schräges schreiben, passiert noch lange nichts, mein Freund. Da rate ich zur Gelassenheit. Warum werden Menschen überhaupt wütend, wenn sie andere Ansichten lesen als ihre eigenen? Es ist doch jedem Denkenden klar, dass, so schade es auch sein mag, nicht jeder tickt wie man selber. Ich glaube auch, dass man fast nie mit einem Kommentar jemanden von irgendwas überzeugen kann. Die einen fühlen sich bestätigt, die anderen denken: So ein Quatsch. Und dann geht wieder die Sonne auf.

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Eine Macht, die Medien tatsächlich besitzen, ist die, Leute zu beleidigen. Ich würde da allerdings eher von Machtmissbrauch sprechen. Vor einiger Zeit hat ein bekannter Kulturkritiker, den ich eigentlich schätze, über Heidi Klum geschrieben : »Man möchte sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln, wenn es nicht so frauenfeindlich wäre.« In einer Rezension über ein Buch von Richard David Precht , Liebe, schrieb eine Person, deren Namen ich nie gehört hatte, Precht keife, er sei ahnungslos und verstehe nicht mal ansatzweise, worüber er schreibt . Mit Textbeispielen, die Prechts Ahnungslosigkeit beweisen, geizte die Rezension leider. Ein anderer Nobody erwähnte kürzlich in der Besprechung einer Neuerscheinung beiläufig den Dichter Hemingway: »Hätte Ernest Hemingway wirklich gute Geschichten geschrieben, wäre ihm eine Story wie diese eingefallen.«

Hemingway ist eine Null, Mister Nobody dagegen ist Gott, schon klar. Den Verfassern von so etwas ist nicht bewusst, dass solche Attacken, die sie als partiell unzurechnungsfähig erscheinen lassen, ihnen selbst deutlich mehr schaden als Klum , Precht oder Hemingway . Lautstärke allein bringt es nicht. Man muss auch den Ton treffen. Das ist beim Singen genauso wie beim Schreiben.

Es gab mal autofreie Sonntage in Deutschland. Ich fände es gut, wenn es einen hassfreien Sonntag gäbe, an dem mal in keiner einzigen Kritik, keinem Blog und keinem Leserkommentar jemand als ein Stück Unrat dargestellt wird. Verrisse, Spott, Satire und Ähnliches meine ich damit natürlich nicht. Und dann sah ich, wieder einmal, Manhattan von Woody Allen. In einer Szene trifft Allen, der auch die Hauptrolle spielt, zwei New Yorker Intellektuelle, dargestellt von Diane Keaton und Michael Murphy. Sie haben eine fiktive »Akademie der überschätzten Künstler« gegründet. Aufgenommen wurden unter anderem Gustav Mahler , Heinrich Böll und Vincent van Gogh . Alles natürlich ähnliche Nullen wie Hemingway. Allen wird immer verärgerter und fragt sie, wieso sie eigentlich Mozart vergessen haben.

In dieser Szene fiel mir ein, dass ich selber auch schon solches Zeug geschrieben habe. Ich habe gesündigt, war herablassend in Bezug auf Künstler, die besser sind als ich. Und deshalb bin ich von Herzen froh, dass fast alles, was man so schreibt, folgenlos bleibt.

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Leserkommentare
  1. Bei Böll hat diese fiktive Akademie sogar Recht, ha!

  2. Und bei Hemnigway ... da kennt der pöse Kritiker wohl nur die unglaublich geschluderte alleinige deutsche Übersetzung des gesamten Hemingway, durch eine 50er-Jahre-Bindestrich-Dame. Ich sage nur das Stichwort: "Freudenspender". Kenner wissen, was gemeint ist.
    Hemingway selbst ist großartig, es sind diese schlimmen deutschen Nachdichtungen und Verschlimmbesserungen...

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    • mybyte
    • 25. Oktober 2012 14:28 Uhr

    Also um ehrlich zu sein - ich habe mich nur an "the old man and the sea" und "the speckled people" versucht. Beide waren derart monoton geschrieben, dass ich mich nicht durchquälen konnte.

    • Kometa
    • 25. Oktober 2012 12:02 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Kein Konstruktiver Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

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    • Kometa
    • 25. Oktober 2012 13:03 Uhr

    Ich werde meinen satirischen Beitrag, den bei Ihrer redaktionellen Oberservanz wohl keiner verstanden hat, direkt an Herrn Martenstein schicken.

    Sie benehmen sich mit ihre Aburteilung "kein konstruktiver Beitrag" so dumm, wie ich es vor 1965 von Lehrern einer altsprachlichen Klitsche ("humanistisch" genannt) serviert kriegte (auch im Abitur): negative Kritik des Zöglings!

    Ich glaube, dass bei Ihren bescheidenen Interpretationskünsten die höchst subjektive Vor-Meinung herrscht, Martensteins Art, satirisch zu schreiben, sei die einzig mögliche.

    In der Sache - der intentio ex negativo - lag mein Beitrag genau auf Martensteins Linie. (Sonst hätte ich gar keine Lust, hier regelmäßig kleine Beitrage zu HM einzutippen.)

    • Kometa
    • 25. Oktober 2012 13:03 Uhr

    Ich werde meinen satirischen Beitrag, den bei Ihrer redaktionellen Oberservanz wohl keiner verstanden hat, direkt an Herrn Martenstein schicken.

    Sie benehmen sich mit ihre Aburteilung "kein konstruktiver Beitrag" so dumm, wie ich es vor 1965 von Lehrern einer altsprachlichen Klitsche ("humanistisch" genannt) serviert kriegte (auch im Abitur): negative Kritik des Zöglings!

    Ich glaube, dass bei Ihren bescheidenen Interpretationskünsten die höchst subjektive Vor-Meinung herrscht, Martensteins Art, satirisch zu schreiben, sei die einzig mögliche.

    In der Sache - der intentio ex negativo - lag mein Beitrag genau auf Martensteins Linie. (Sonst hätte ich gar keine Lust, hier regelmäßig kleine Beitrage zu HM einzutippen.)

    Antwort auf "[...]"
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    • Kath_E
    • 06. November 2012 15:52 Uhr

    ...für das Thema des Beitrags von Herrn Martenstein.

    • mybyte
    • 25. Oktober 2012 14:28 Uhr

    Also um ehrlich zu sein - ich habe mich nur an "the old man and the sea" und "the speckled people" versucht. Beide waren derart monoton geschrieben, dass ich mich nicht durchquälen konnte.

    Antwort auf "... und Hemingway ..."
  3. Okay, Willemsens Beitrag über Heidi Klum ging deutlich über's Ziel hinaus. Die Frau ist gut in dem was sie tut, auch wenn der Beruf selbst vielen aufstößt. Hemingway? Geschenkt, der ist nunmal Geschmackssache. Was hingegen Richard David Precht angeht, so kann ich ihrem unbekannten Literaturkritiker nur 100 Prozent zustimmen. Aussagen zu Prechts Büchern wie "pseudowissenschaftliche Blamage" würde ich sofort unterschreiben - und will damit auch gar nicht warten, bis ich selbst ein Buch veröffentlicht habe. Die Idee, nur erfolgreiche Autoren dürften andere Schreiberlinge auch mit entsprechender Härte kritisieren, ist doch absurd. Wenn der König nackt ist und sich lächerlich macht, wer anders soll es ihm sagen als die Bauern?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wenn der König nackt ist und sich lächerlich macht, wer anders soll es ihm sagen als die Bauern?"
    Danke hierfür!

    • JimmyK
    • 28. Oktober 2012 16:43 Uhr

    Richtig - zumal auch Martenstein hier die von Dahlgrün bei Precht angeprangerten Ad Hominem-Argumente anwendet, und das der Qualität nach noch etwas perfider wie ich finde: Was "Mr. Nobody" schreibt (So klassifiziert werden Personen schon, wenn er, Martenstein, sie nicht kennt) braucht man nicht Ernst nehmen. Wer den "hassfreien Sonntag" möchte, könnte ja einfach damit anfangen, auf Argumente einzugehen, statt den Argumentierenden ans Bein zu pinkeln. Es wäre ein Stück Diskussionskultur.

  4. "Wenn der König nackt ist und sich lächerlich macht, wer anders soll es ihm sagen als die Bauern?"
    Danke hierfür!

    Antwort auf "Wo Nobody Recht hat..."
    • FritzDD
    • 26. Oktober 2012 13:39 Uhr

    Mr. Nobody wird seit den alten Griechen treffend durch einen Chor dargestellt. Man sehe sich die Rolle desselbigen in "Peter Grimes" von Britten an. Genauso in Mozarts Idomeneo. Eine kommentierende Masse, in der sich der Eine nicht vom Anderen unterscheidet. Interessant finde ich, dass die Erkenntnisse René Girards bis heute kaum in den öffentlichen Diskurs eindringen. Er hat nämlich herausgefunden, dass gewalttätige Handlungen von einem Herrn Niemand immer wieder dem Wunsch der Nachahmung gehorchen. Die Gewalt - und als solche würde ich unsachliche, diffamierende Hasskommentare schon bezeichnen - geht einher mit der Imitation Handlungsweise der Angegriffenen. Und umgekehrt grassiert mit den schwindenden Unterschieden die Gewalt. Auf das Schreiben angewendet heißt das, ich als Kommentator imitiere Martensteins Schreibstil. Gut zu erfahren ist das zum Beispiel, wenn man sich mit den Kommentaren zu Richard Wagners Schrifttum befasst. Ich musste beim schreiben eines Textes ÜBER Wagner feststellen, wie ich selber ZU Wagner wurde. Ich meine natürlich nur stilistisch. Schlimm finde ich auch politische Diskussionen, in denen ich feststelle, dass Menschen in ihrer Wut nichts weiter einfällt, als Dinge zu wiederholen, die sie selbst irgendwo gelesen haben. Das allerdings ohne Quellenangabe. Wer derart kopiert wird, HERRSCHT. Er wird zum Symbol für etwas. Die Konturlose Masse kann nichts anderes, als MASSAKRIEREN. Sie braucht Herrscher, um sie symbolisch hinzurichten. Teil 2 folgt!

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Heidi Klum | Ernest Hemingway | Gustav Mahler | Heinrich Böll | Medien | Blog
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