Er hat das abgerissene Ticket noch: Beim siebten Baseball-Match der Minnesota Twins gegen die Dodgers saß der Zwölfjährige im dritten Block neben seinem Vater, und er musste tief unglücklich mit ansehen, wie Sandy Koufax, der Werfer von den Dodgers, den Sieg über die Twins und damit die Meisterschaft holte. Das war im Jahr 1965, und das Ticket hat damals unvergesslich stolze acht Dollar gekostet. Heute kostet ein Ticket für ein Match der Twins 72 Dollar – und das ist sogar vergleichsweise billig – für einen jener Logen-Sitzplätze in den skyboxes, die es damals noch gar nicht gab. Reiche und Arme sitzen nun himmelweit voneinander entfernt, und der Spielerstar der Minnesota Twins macht heute 23 Millionen Dollar im Jahr. In der Zwischenzeit, den neoliberalen Jahrzehnten seit den frühen achtziger Jahren, hat der wildernde Markt auch den Sport erobert, der immer die Leidenschaft jenes Jungen aus Minneapolis blieb, der diese Geschichte über die menschentrennende Macht des Geldes erzählt: Michael Sandel.

Sandel hat inzwischen das Spielfeld gewechselt, er lehrt Philosophie an der Universität Harvard, er ist berühmt für seine Vorlesung über Gerechtigkeit und seit ein paar Jahren der mediale Superstar unter den Philosophen der Welt. Jetzt sitzt er im vierten Stock des Knafel Building, in dem die Politikwissenschaftler ihre Arbeitszimmer haben, das Jackett hat er abgelegt, ohne deshalb hemdsärmelig zu wirken. Sandel lässt sich die Routine im Umgang mit Medien nicht anmerken. Draußen vor den Fenstern kommt der legendär leuchtende Indian Summer an diesem Tag gegen das graue Regenwetter nicht an, drinnen erläutert Sandel, warum sein Land sich endlich für eine Debatte über sein Selbstverständnis öffnen soll.

Die Macht der Märkte, die alle Alltagsbereiche so lange durchdrungen haben, bis auch die moralischen Kriterien durchweicht waren, beunruhigt den Moralisten Sandel tief. Diese Macht verändert Werte, Normen, sie verändert alles, was kostbar ist, fast unmerklich: »Märkte werden weithin als die geeigneten Instrumente angesehen, das Gemeinwohl herzustellen. Was mich überrascht, ist, dass die Finanzkrise daran kaum etwas geändert hat. Die Marktgläubigkeit der letzten drei Jahrzehnte hat eine moralische Leere der Politik geschaffen, die Fragen nach dem guten Leben aus der Öffentlichkeit verdrängt hat.«

Deshalb fragt Michael Sandel: Wie kann eine Gesellschaft Kriterien benennen, warum sie Kinder nicht für verkäuflich halten will, auch das Wahlrecht nicht, die Staatsbürgerschaft oder eine funktionstüchtige Niere?

Mit seiner Beunruhigung steht Sandel nicht allein, wie ein Magnet wirkt er auf die Studenten weltweit, die sich von seinen Fragen Anhaltspunkte fürs eigene Denken erhoffen. Sandels neues Buch What money can’t buy. The moral limits of markets ist seit April in fast allen Weltsprachen erschienen, jetzt kommt es im November auch in China und Deutschland heraus, Sandel ist seit dem Ende des Sommersemesters mit dem Buch auf Tournee. Die Studenten kommen in Massen, wo immer er spricht, ob in Brasilien oder in Japan. Im Dezember wird er durch China reisen.

In Massen, das heißt: Vor ein paar Wochen erst sind im südkoreanischen Seoul 14.000 Studenten an die Yonsei-Universität zu einer Open-Air-Vorlesung Sandels geströmt, und der Philosoph hat tatsächlich im Gespräch mit diesem unübersehbaren Publikum die moralischen Grenzen des Marktes erörtert, debattierend, heiter, kontrovers, konzentriert, wie es zu Sandels Markenzeichen gehört. Im Video auf YouTube ist zu sehen, wie er die Bühne vor diesen Tausenden auf und ab schreitet. »Um herauszufinden, in welchen Fällen der Markt dem Gemeinwohl dient und in welchen er Werte beschädigt«, so erklärt er es da in seinen einfachen Sätzen, »reicht es nicht, nach ökonomischer Effizienz zu fragen.« Und sogleich folgt ein Beispiel: »Würden Sie einem koreanischen Popstar, der mit seiner Musik die Massen glücklich macht, durch ein Gesetz erlauben, sich vom Wehrdienst freizukaufen?« Kaum ein Dutzend Hände gehen hoch, Gegenprobe, fast alle Hände sind oben. »Nennen Sie mir Ihre Gründe.« Ein Mikrofon wandert von einem Diskutanten zum nächsten, auf der Bühne läuft ein Band mit den Schriftzeichen der Simultanübersetzung.

Die Methode hat Sandel in Harvard mit seinen Studenten entwickelt, das antike Urbild dafür liefert ihm Sokrates mit seinem fortgesetzten Fragen, das Methode, Theorie und Antwort in einem ist. Wer Antworten pur will, wird bei Sandel nicht fündig werden. An diesem trüben Oktobermittwoch mitten im Präsidentschaftswahlkampf wird das Verfahren im Saunders Theatre, dem größten Hörsaal der Universität Harvard im neuenglischen Cambridge, wieder einmal erprobt. Seit 1980 findet diese Vorlesung über Gerechtigkeit mit Unterbrechungen statt, sie ist Jahr für Jahr überfüllt. Diesmal wird wieder erörtert, ob der Staat das Recht hat, seinen Bürgern eine Versicherung aufzuzwingen, und welche Steuern er legitimerweise von seinen Bürgern verlangen kann.