"Zukunftsprojekt Erde"Verantworten statt antworten

Kritiker fordern von der Forschung mehr Engagement für die Nachhaltigkeit. Im Wissenschaftsjahr »Zukunftsprojekt Erde« wird darüber kontrovers debattiert. von 

William Clark präsentiert das Dokument einer Karriere: eine ansteigende Power-Point-Kurve. Sie zeigt, wie das Thema Nachhaltigkeit während der vergangenen dreißig Jahre in der wissenschaftlichen Literatur Fuß gefasst hat. Der Harvard-Professor für Sustainability Science frotzelt: »Irgendwann wird dieses Wort wohl alle anderen verdrängt haben!« – und diese Bemerkung ist mehr als ein Witz. Sie spielt auf ein fatales Paradox an.

Zwar lassen Finanzkrise, Ressourcenknappheit und Klimawandel keinen Zweifel mehr: Damit auch künftige Generationen noch mit genügend Wasser und Wohlstand, Boden und Bildung rechnen können, muss sich das Leben und Wirtschaften entscheidend ändern. Aber dann predigen Agrarpolitiker zwar zu Hause einen schonenden Umgang mit den Böden im Namen dieser Nachhaltigkeit – doch zugleich beanspruchen sie auf anderen Kontinenten zig Millionen Hektar Monokulturen für Treibstoff und Futtermittel. In ein und derselben Gemeinde lassen Stadtgärtner auf umzäunten Fleckchen wilde Arten neu erblühen, während der Wirtschaftsdezernent emsig die letzten Brachen zubetoniert. Ganz offenbar haben alle Reden in Rathäusern und auf UN-Konferenzen, in Firmen und Hochschulen vor allem eines gebracht: ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nachhaltigkeit ist eine Leerformel geworden.

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Liegt das nur an unzulänglicher Politik? Oder ist auch die Wissenschaft Teil des Problems? Warum konnte sie die Widersprüche nicht auflösen? Über diese Fragen ist bei den vielen Diskussionen im vom Bundesforschungsministerium ausgerufenen Wissenschaftsjahr »Zukunftsprojekt Erde« eine folgenreiche Debatte entbrannt. Sie dreht sich im Kern um ein altes Spannungsfeld: das zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und Freiheit der Wissenschaft.

Die Forschung zerlegt die Welt so sehr, dass die Zusammenhänge verloren gehen

Befeuert wird die Kontroverse durch eine außerwissenschaftliche Opposition. Sie reicht von Umweltverbänden und Kirchen bis zu Stiftungen und Gewerkschaften; aber auch die Deutsche Unesco-Kommission streitet mit, die Öko-Institute und der neue Verbund Nachhaltige Wissenschaft (NaWis) aus Forschungsinstituten und kleineren Universitäten. Gemeinsam bilden sie eine Berliner Plattform, die sich Ende Oktober wieder trifft und deren Kernthese lautet: Forschung und Lehre zerlegen die Welt so sehr in Einzelteile, dass die Zusammenhänge aus dem Blick geraten. Deshalb werden viele Vorschläge zur Agrar-, Energie- oder Mobilitätswende der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht.

Dafür sehen die Kritiker vor allem drei Ursachen. Die erste: Wissenschaftler interessieren sich zu wenig für die Gesellschaft, in der sie wirken. Das gelte heute sogar für die Soziologie, die zum Beispiel in den sechziger Jahren ein Treiber des gesellschaftlichen Wandels war. Dass die Hochschulen längst mit Langen Nächten und anderen Events die Fühler nach dem Bürger ausstrecken, sei da höchstens ein Anfang und diene oft eher der Selbstdarstellung als dem Versuch, sich kritischen Debatten zu stellen. Meist würden die Folgen der eigenen Arbeit nicht systematisch mit bedacht.

Ein Beispiel: der Agrarkraftstoff E10, der ökologische Wüsten nach sich zu ziehen droht, ohne viel CO₂ einzusparen – und den die meisten Bürger auch von Anfang an nicht wollten. Vor einigen Wochen hat die renommierte Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina diese Nutzung der Biomasse äußerst kritisch zerpflückt. Doch als die Weichen 2006 falsch gestellt wurden, waren aus der etablierten Forschung kaum kritische Stimmen zu hören. Dabei waren die Folgen durchaus absehbar, als die Mineralöl- und Autoindustrie den Beimischungszwang und damit die fatale Logik der Massenproduktion durchsetzte, um keine verbrauchsärmeren Autos entwickeln zu müssen.

»Die Wissenschaft hat einfach zu eng gedacht«, bestätigt der Nachhaltigkeitsforscher William Clark auch aus den USA, dem Stammland der Ethanol-Exzesse. Und damit benennen die Kritiker einen zweiten Grund: die Konzentration auf immer enger spezialisierte Teilaspekte des eigenen Fachs. Die Anerkennungsregeln des Wissenschaftsbetriebs, meinen sie, behinderten nach wie vor die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Tatsächlich ist E10 vor allem ein Projekt von Technikern und Pflanzenzüchtern; daraus wäre vermutlich nichts geworden, hätte man von Anfang an zum Beispiel Agrarsoziologen und Entwicklungsexperten einbezogen. Doch ob Fördermittel der DFG, Exzellenz- und Berufungskriterien für Professoren oder der Zugang zu Fachzeitschriften: Belohnt würden am sichersten Höchstleistungen in spezialisierten Einzeldisziplinen und noch zu selten Projekte, in denen übergreifend gedacht würde.

Der dritte Vorwurf: Die Industrie habe zu viel Einfluss darauf, wie und woran überhaupt geforscht werde. In der »Forschungsunion Wirtschaft – Wissenschaft« zum Beispiel, dem Beratungsgremium der Bundesregierung, diskutierten bislang weniger Hochschulprofessoren als Experten aus Unternehmen von BASF über Daimler bis E.on, meint Steffi Ober vom Naturschutzbund Nabu. Andere gesellschaftliche Organisationen blieben mit ihren Erfahrungen, Perspektiven und Vorschlägen außen vor. Überdies hingen Hochschulen finanziell mittlerweile zu rund einem Viertel ihrer Budgets von Drittmitteln ab; etwa 20 Prozent davon stammen direkt aus der Wirtschaft. Unternehmen reden auch bei einem erklecklichen Anteil der öffentlichen Programme mit.

All das verstärke eine Perspektive, meint Steffi Ober, in der die Nachhaltigkeit eine geringere Rolle spiele als die Produktentwicklung. Die Nabu-Sprecherin geht zum Beispiel auf die Palme, wenn das Bundesverkehrsministerium im Programm Elektromobilität 3,7 Millionen Euro öffentlicher Mittel an Porsche vergibt, damit drei Boxster-Sportwagen mit elektrischem Antrieb in 5,5 Sekunden von 0 auf 100 kommen. Die Erfahrungen mit dem Elektroflitzer will Porsche zwar auf andere Fahrzeugtypen übertragen. Doch Ober fordert ganz andere Prioritäten: »Warum geben öffentliche Geldgeber nicht der Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte den Vorzug?«

Auch Uwe Schneidewind, Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, kritisiert eine solche »Technologiefixierung«. Diese Art der Innovation sei wichtig, aber eben begrenzt – vor allem wegen des sogenannten Rebound-Effektes. Tatsächlich haben Ingenieure seit Jahrzehnten laufend Fahrzeuge, Kühlschränke, sogar Flugzeuge mit immer geringerem Energieverbrauch entwickelt – aber bislang machten mehr Mobilität und neue, stromintensive Geräte die Einsparungen stets wieder zunichte. Nachhaltigkeit könne nur erreicht werden, folgert Schneidewind, wenn soziale Innovationen die technischen ergänzten.

Leserkommentare
    • sahimsa
    • 08. November 2012 15:04 Uhr

    Herzlichen Dank für diesen Artikel, der interessante Einblicke in die Argumentation für und gegen partizipative Forschung gewährt und ver-öffentlicht.
    Eine Frage dazu: Was hat es mit Ihrer Aussage zur unterschiedlichen Entwicklung der Bedeutung von Partizipation in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft auf sich? Meinem Verständnis zufolge steht die zunehmende Bedeutung partizipativer Forschungsansätze in Zusammenhang mit einer Veränderung des allgemeineren Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Wissenschaft, in deren Zuge neue Orte und Verknüpfungen von Wissenschaft und Praxis entstehen - Think Tanks zum Beispiel oder der in der partizipativen Planung von Projekten sog. Entwicklungszusammenarbeit angewandte Ansatz des Participatory Rural Appraisal (PRA). Inwiefern kann da noch die Rede von unterschiedlichen Entwicklungen hinsichtlich partizipativer Ansätze in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft die Rede sein? Auf welche Projekte von "Partizipation" beziehen Sie sich da? Ich würde gern von Ihnen erfahren, welche Aspekte ich hier vielleicht übersehe. MfG!

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