DIE ZEIT : Vor elf Jahren haben Sie das Festival European Outdoor Film Tour (EOFT) ins Leben gerufen. Seither ziehen Sie jährlich damit durch Europa und zeigen in mehr als 140 Städten Kurzfilme über Natur- und Extremsportabenteuer. Welche Grenzgänge gibt es diesmal zu sehen?

Joachim Hellinger: Insgesamt sind es neun Filme. The Crossing ist zum Beispiel eine humorvolle Dokumentation über zwei Australier, die Victoria Island im Nordpolarmeer mit einem selbst gebauten Amphibienfahrzeug überqueren. Der Beitrag Je Veux porträtiert die französische Sängerin Zaz, wie sie auf dem Mont Blanc in etwa 4800 Metern Höhe ein Konzert gibt. Und in der Dokumentation The Shark’s Fin bezwingen drei Amerikaner erstmalig eine legendäre Felsnadel im Himalaya – einer von ihnen sechs Monate nach einem Skiunfall mit Schädelfraktur.

ZEIT: Was sind das für Leute, die ihre Grenzen ausloten, sich immer extremere Abenteuer ausdenken?

Hellinger: Da gibt es nicht nur einen einzigen Typ – nehmen Sie zum Beispiel The Shark’s Fin: Einer der Männer ist ein klassischer Alpinist, er sieht aus wie der typische Outdoor-Held, kantiges Kinn, Vollbart, gegerbtes Gesicht. Er hat Bergsteigen wie ein Handwerk gelernt und mehrfach den Mount Everest bezwungen. Sein Kamerad dagegen, der die Schädelfraktur hatte, ist ein sensibler Künstlertyp, ruhig und introvertiert. Bei seinem Anblick fragt man sich: Hat der überhaupt die irrsinnige Energie, die für solch eine Unternehmung notwendig ist?

ZEIT: Und was eint sie?

Hellinger: Die Sehnsucht, für eine gewisse Zeit mal losgelöst von Konventionen zu leben. Frei zu sein von allen Zwängen, die der Alltag so mit sich bringt.

ZEIT: Wie finden Extremsportler und Filmemacher zusammen?

Hellinger: Meist lernen sie sich über die jeweilige Szene kennen, etwa eine Kletter-Community. Sie suchen sich gegenseitig: Der Filmemacher benötigt die Inhalte, der Abenteurer will, dass seine Taten dokumentiert werden.

ZEIT: Und wie kommen Sie danach an die Filme?

Hellinger: Unser Team besucht viele internationalen Filmfestivals, die meisten in Nordamerika. Dort treffen wir Protagonisten, Filmemacher, Journalisten, die ganze Szene. Inzwischen kommen die Leute aber auch von sich aus auf die EOFT zu. Und einen Film pro Jahr produzieren wir meistens selbst.

ZEIT: Wie entscheiden Sie, was letztlich ins Programm kommt?

Hellinger: Nach inhaltlicher und künstlerischer Qualität. An jedem Film muss irgendetwas außergewöhnlich sein: Entweder er hat eine tolle Optik und Machart – das sind zum Beispiel die actionreichen Filme übers Snowboarden oder Mountainbiken. Oder er erzählt ein besonderes Abenteuer und hat einen faszinierenden Protagonisten. Am liebsten einen, der auch Schwächen zeigt. Superhelden, bei denen alles glatt geht, gibt es im wahren Leben ja auch nicht.

ZEIT: Spielt die technische Qualität keine Rolle bei der Entscheidung?

Joachim Hellinger © Moving Adventures

Hellinger: Bei uns hat auch der kleinste und einfachste Film eine Chance. Wir hatten zum Beispiel einmal die Geschichte dreier junger Männer im Programm, die ohne Vorkenntnisse an Feuerland vorbei in die Antarktis gesegelt sind. Die Jungs wären fast in der Drake-Passage gekentert und haben das alles nur mit einer Handy-Cam aufgenommen, ohne jegliches filmerisches Know-how. Aber die Geschichte war spannend, die Protagonisten waren genial – die Zuschauer haben den Streifen geliebt!

ZEIT: Wie kommen im Vergleich dazu die aufwendigeren Produktionen zustande?

Hellinger: Die werden nicht selten über Sponsoren finanziert, denn inzwischen kostet es richtig viel Geld, ein Abenteuer in guter Bild- und Tonqualität auf einer Leinwand zu zeigen. Die großen Wintersportmarken lassen jede Saison neue Kurzfilme drehen, die dann als DVD oder über das Internet an die jeweilige Community gelangen. Der finanzielle Spitzenreiter unserer Filmtour war der Snowboard-Actionfilm The Art of Flight im letzten Jahr, dessen Budget hat sogar die Millionengrenze gesprengt. Helikopter haben an den entlegensten Orten gefilmt, mit speziellen Kameraaufhängungen, die das Bild stabilisieren. Auf diese Weise konnte man mit einer extralangen Brennweite arbeiten und die Snowboarder ganz nah heranzoomen. Eine extrem hochwertige Ästhetik. Die Macher wollten wohl mal das Genre ausloten – zeigen, was für Möglichkeiten existieren.

ZEIT: Welche Grenzen gibt es bei der technischen Umsetzung?

Hellinger: Die Kameras werden immer kleiner, leichter, flexibler handhabbar, man kann sie heute in die extremsten Positionen bringen. Und das auch noch vergleichsweise günstig und umweltfreundlich, etwa mithilfe ferngesteuerter Drohnen. Die Grenzen verschieben sich immer mehr.

 "Die Filme dienen als Ansporn, selbst etwas zu tun"

ZEIT: So wie die des Extremsports auch – wohin geht da die Entwicklung?

Hellinger: Der Abenteurer des 21. Jahrhunderts baut auf die Erfahrungen, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten gemacht wurden. Zusätzlich verfügt er über erstklassige Ausrüstung, ist dank moderner Kommunikationsmittel auch am Ende der Welt noch erreichbar. Heute kann er nachts in der Arktis auf einer sinkenden Eisscholle stehen und in letzter Sekunde noch irgendeinen roten Knopf drücken und gerettet werden. Das erzeugt neuerdings schon wieder den gegenteiligen Effekt: den Trend, bewusst auf Sicherheit zu verzichten, ohne Ausrüstung durchs Amazonasgebiet zu laufen, ohne Seil Steilwände hochzuklettern. 

ZEIT: Welche Sportarten liegen momentan besonders im Trend?

Hellinger: Slacklining, also das Balancieren auf einem Band, erlebt immer noch einen Boom. Wir haben dieses Jahr den Film Sketchy Andy im Programm – über Andy Lewis, einen Fanatiker, der ohne jede Sicherung über Canyons balanciert, auch mal nackt, und in dieser Höhe Rückwärtssalti macht. Auch Base-Jumping hat sich enorm weiterentwickelt. Früher sprang man einfach mit dem Fallschirm von irgendeinem Gebäude herunter. Heute stürzt man sich in einem Anzug mit Flügelflächen zwischen Armen und Beinen von den Klippen und versucht, so nahe wie möglich entlang der Felswand zu fliegen, wie im Film Birdmen. Das nennt sich Wingsuite Proximity Flying.

ZEIT: Gibt es etwas, das Sie als Filmemacher selbst nicht drehen würden, weil es Ihnen zu extrem ist?

Hellinger: Wir haben im vorletzten Jahr einen Film über einen berühmten amerikanischen Kletterer gezeigt, der »free solo«, also ohne Sicherung, im Yosemite-Park eine tausend Meter hohe senkrechte Wand hochkletterte. Es ist ein fantastischer Film – aber ich bin nicht sicher, ob wir diese waghalsige Aktion selbst gedreht hätten.

ZEIT: Mittlerweile besuchen jährlich ungefähr 130.000 Leute Ihr Festival. Wie erklären Sie sich das wachsende Interesse?

Hellinger: Je virtueller unsere Welt wird, desto größer ist die Sehnsucht nach wahren Geschichten und Helden, nach Authentizität und Abenteuer. Hinzu kommt, dass Outdoor-Erlebnisse in gewisser Weise nachvollziehbar sind: Jeder kann sein eigenes persönliches Abenteuer haben, wenn er will. Natürlich nicht unbedingt in dieser extremen Form. Aber die Filme dienen schon als Ansporn, selbst etwas zu tun. Wir bekommen sehr viel Feedback, zum Beispiel Postkarten, auf denen steht, dass die EOFT jemanden zu einer Weltreise inspiriert hat, zu einer Transalp mit dem Mountainbike oder einer Bergtour im Himalaya.

ZEIT: Und was war das letzte Abenteuer, das Sie selbst erlebt haben?

Hellinger: Das größte Abenteuer sind inzwischen meine fünf Kinder. Und meine Firma. Aber es gibt sie noch, die Sehnsucht.