Pakistan"Symbol der Ungläubigen und der Obszönität"

Der Anschlag auf ein 15-jähriges Mädchen in Pakistan zeigt, dass Frauenhass der wahre Feind der Demokratie ist. von Roya Hakakian

Als vor Kurzem ein pakistanischer Talib auf die 15-jährige Malala Yousafzai schoss, musste ich an meine Jugendjahre in Teheran denken. Auch dort hatten damals theokratische Eiferer die Oberhand. Die Worte des obersten Sprechers der Taliban, Ehsanullah Ehsan, kamen mir erschütternd bekannt vor. Malala habe sich die Kugel im Kopf verdient: »Sie ist in der Region ein Symbol westlicher Kultur geworden; sie hat öffentlich für diese Kultur geworben.« Er bezeichnete Malala als »das Symbol der Ungläubigen und der Obszönität«.

Die Eiferer meiner Zeit, etwa um das Jahr 1982, durchkämmten die Straßen von Teheran in khakifarbenen Geländewagen. Sie kontrollierten Frauen aller Schichten, Altersgruppen und Ethnien. Sie verwarnten uns, wenn unsere Kopftücher zu weit nach hinten gerutscht waren. An guten Tagen entgingen wir der Verhaftung und wurden nur beschimpft: »Um eure Tugend zu beschützen, sterben Irans Männer als Märtyrer im Kampf gegen Saddam.«

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Irans Krieg gegen den Irak dauerte damals schon zwei Jahre. Begonnen hatte ihn, getrieben von Eroberungsträumen, Saddam Hussein. Im Iran aber wurde der Krieg nicht als Auseinandersetzung um Raum und Ressourcen propagiert, sondern als Feldzug zur Verteidigung der Ehre der iranischen Frauen – während sie im Alltag immer schlimmere Formen der Belästigung und Verfolgung erlebten.

Zugleich beschrieben unsere Machthaber den Krieg nicht einmal als den wichtigsten, auf den sich die Iraner einzustellen hätten. Tag für Tag erinnerte uns Ajatollah Chomeini daran, dass der noch größere, noch blutigere, aber letztlich siegreiche Dschihad erst bevorstehe. Diesen Krieg, so sagte er, müssten wir gegen Amerikas »weltverschlingenden Imperialismus« und die »blutsaugenden Zionisten« führen.

Dieser Krieg ist zwar niemals ausgebrochen, hingegen tobt der gegen die Frauen seit jenen Tagen ohne Unterbrechung.

Roya Hakakian

wuchs als Jüdin im Iran auf. Ihr letztes Buch, Assassins of the Turquoise Palace, handelt von Morden an iranischen Oppositionspolitikern 1992 in Berlin.

Schon am Schultor wurden wir jeden Morgen von den Angehörigen einer für die »Verhinderung von Laster und die Förderung der Tugend« zuständigen Moral-Einheit in Empfang genommen. Sie rieben im Gesicht meiner rotbackigen Klassenkameradin herum, bis es blutete, um sicherzugehen, dass sie kein Rouge benutzte. Monatelang fiel bei uns der Mathematikunterricht aus, weil die Schulen neu nach Geschlechtern aufgeteilt wurden und es im Land nicht ausreichend Lehrerinnen gab, um an den weiblichen Schulen zu unterrichten. Zwei Monate vor dem Ende des Schuljahres nahmen einige von uns Nachhilfestunden bei einem Mann. Während des Unterrichts starrte er an die Decke, um mit seinen Blicken nur ja nicht gegen die Geschlechtertrennungsgesetze zu verstoßen.

Die brennenden Bilder von Uncle Sam, die Hasstiraden gegen den Westen – das alles tat seine Wirkung. Die Welt erschauderte und kehrte dem Iran den Rücken. Nun wurde das weibliche Heiratsalter auf neun Jahre gesenkt. Der Aussage einer Frau in einem Strafverfahren wurde nur noch halb so viel Gewicht beigemessen wie der eines Mannes. Die Rechte von Frauen auf Scheidung und Abtreibung wurden massiv eingeschränkt, ebenso ihre Erb- und Sorgerechte. Zu verschiedenen akademischen Fächern und Laufbahnen erhielten Frauen keinen Zugang mehr; die islamische Kleiderordnung wurde wieder eingeführt. Die öffentlichen Räume Teherans, selbst die Busse, wurden nach Geschlecht getrennt, und jeden Freitag reckten die Gläubigen ihre Fäuste und forderten den Tod Amerikas.

Diese bösartige Doppelhelix aus dramatisch in Szene gesetztem Antiamerikanismus und hinterhältigen Angriffen auf Frauen ist seither tief in das Erbgut von Fundamentalisten der gesamten Region eingedrungen. Die »Entdeckung« dieser Formel verdanken wir Ajatollah Chomeini.

Leserkommentare
  1. Ich habe keine Ahnung, ob sich diese Dinge durch den Islam rechtfertigen lassen, oder diese Taten die Folge einer Fehlinterpretation des Islam sind. Im Grunde genommen ist mir dies auch egal. Wer seinen Glauben als Grund für solche Grausamkeiten benennt, hat meines Erachtens einfach kein Recht, sich auf die Glaubensfreiheit zu berufen und ist auch als Feind der Menschenrechte zu betrachten. Und dabei ist es mir egal, ob es sich um Moslems, Christen, Atheisten, Hindus, oder um Anhänger irgendeiner anderen Religion handelt. Wer nicht bereit, ist die Würde aller Menschen zu akzeptieren und wer nicht bereit ist die friedliche Konkurrenz anderer Religionen inklusive des Atheismus zu akzeptieren, vertritt eine völlig inakzeptable Position und sollte dies auch gesagt bekommen.

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