Olivenöl aus der Sprayflasche? Ein Messgerät für Spaghettiportionen? Die Errungenschaften der Moderne sind bisweilen von zweifelhaftem Reiz. Wer in Paris von der Rue de Miromesnil aus auf den noblen Boulevard Malesherbes schaut, erblickt eine Reihe repräsentativer Sandsteingebäude. Geschmackvolle Traditionsbauten, deren einzige Modernität in der fragwürdigen Schaufensterauslage eines Fachgeschäfts für gehobene Küchenartikel besteht. Vor fast 140 Jahren sah der Maler Gustave Caillebotte aus einem Fenster im dritten Stock der Rue de Miromesnil 77 auf dieselben Häuser. Und doch war das, was der Künstler erblickte, etwas Grundverschiedenes: Wo wir die vornehme Ästhetik einer ferngerückten Epoche bewundern, sah er den zu Stein gewordenen Fortschritt.

Zwar wirken die Damen in ihren langen Kleidern und die Pferdekutschen, die Caillebotte 1876 in seinem Gemälde Junger Mann am Fenster festhielt, auf uns wie entrückte Gestalten aus einer gemächlicheren Welt. Dem Künstler jedoch scheint es in erster Linie um das verschachtelte Architekturensemble aus fünf- und sechsstöckigen Blöcken gegangen zu sein, die sich aus verschiedenen Richtungen brachial vor den Horizont schieben.

Wir stehen im achten Arrondissement, in einem der Viertel, denen der Stadtplaner Georges Eugène Haussmann Mitte des 19. Jahrhunderts jene radikale Umgestaltung verpasste, die wir längst als Paris-typisch empfinden. Was uns altmodisch-vertraut vorkommt, muss den Menschen damals so futuristisch erschienen sein wie uns heute die kühnsten Architekturentwürfe für Abu Dhabi. Wo vorher ein schmuddeliges Gassengewirr herrschte, sorgten plötzlich vielspurige Boulevards und eine moderne Blockbebauung für Licht, Luft und verwegene Perspektiven. Genau hier, zwischen Champs-Élysées und Gare de Saint-Lazare, war es zum ersten Mal zu erleben, das avantgardistische Metropolen-Gefühl, das die französischen Impressionisten in jenen flirrend bunten Alltagsszenen eingefangen haben, die uns inzwischen eher lieblich vorkommen. Für Zeitgenossen waren bereits die aufgelösten Konturen und skizzenhaften Pinselstriche der Impressionisten ein Schlag ins Gesicht. Doch Caillebotte ging noch einen Schritt weiter. Mit extremen Blickwinkeln und radikalen Bildausschnitten dokumentierte der 1848 geborene Künstler den dramatischen Wandel des alten Paris zur modernen Großstadt.

Eine Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn geht Caillebottes Genie gerade anhand von Gemälden und zeitgenössischen Fotografien nach. Eine Reise an die Originalschauplätze von Caillebottes Malerei verläuft jenseits bekannter Touristenrouten und sorgt für ein aufregendes Vexierbild zwischen seiner und unserer Pariser Gegenwart. Was ist auf den Straßen noch zu spüren von der bahnbrechenden Modernität, die der Maler damals festgehalten hat?

Mit seinen Eltern und zwei Brüdern residierte Caillebotte zwischen 1868 und 1878 in einem historistischen Eckhaus der Rue de Miromesnil. Das Haus sieht mit seinen dezenten Zierelementen und verschnörkelten Fenstergeländern aus wie alle anderen hier – abgesehen von seiner knallrot lackierten Eingangstür, hinter der sich neuerdings das Büro von Nicolas Sarkozy befindet. Zu Haussmanns Zeiten wurde im Haus luxuriös gelebt. Man sieht das auf Jean Bérauds Gemälde Eine mondäne Abendgesellschaft von 1878 aus dem Musée d’Orsay, das einen Empfang bei Caillebottes festhält, voller Rüschenkostüme, Vatermörderkragen und Kristalllüster. Die Familie hatte als Bettwäschelieferant der Armee ein Vermögen gemacht. Doch der Sohn interessierte sich genauso wenig für die Insignien großbürgerlicher Etikette wie für die wohlfeilen Motive arrivierter Salonmalerei. Im Gegenteil. Er beobachtete Die Parkettschleifer (1875), die mit nacktem Oberkörper in seinem Zuhause hölzerne Späne vom Fußboden hobelten – ein Bild, das heute verblüffend zeitgemäß wirkt, damals jedoch als vulgär galt. Meistens aber schaute Caillebotte nach draußen. Der Maler liebte die Aussicht von oben. Stürzende Perspektiven, dramatische Diagonalen, irritierende Aufsichten – Caillebotte mochte es spektakulär, und die nagelneue Bebauung kam ihm dabei zupass. Nie zuvor hatte man das Straßengeschehen im Miniaturformat überblicken können – eine schwindelerregende Sensation, die sich heute naturgemäß kaum noch nachempfinden lässt.

Wo Paris am schönsten ist, lesen Sie in unserem City Guide (bitte auf das Bild klicken). © Bruce Bennett/Getty Images

Mit hellwachem Blick flanierte Caillebotte an den neu errichteten Wohnblöcken entlang, betrachtete Fassaden, die mit ihren Schattierungen von Beige und einer beachtlichen Variationsbreite von Balustraden und Balkongittern die Facetten des Ewiggleichen durchdeklinieren. Noch heute ist die Gegend vom Großbürgertum geprägt: Kunstgalerien und Anwaltskanzleien, Weinhändler und Maßschneidereien verweisen auf die Bedürfnisse einer gut situierteren Klientel, die mittags in schicker Businesskleidung diverse Feinkostgeschäfte frequentiert. Fast scheint es, als habe sich Caillebottes Viertel nicht groß verändert. Bloß war es damals die Faszination für den Fortschritt, die die Bourgeoisie in die Neubauten trieb, während sie heute das feudale Flair von Altbauten schätzt. War man früher stolz darauf, in der Zukunft zu wohnen, schmückt man sich jetzt mit dem gediegenen Charme von Parkett und Pilastern.