Politiker Gerhart Baum"Ich entdeckte meinen Beruf wieder"

Gerhart Baum war Bundesinnenminister, bis die Koalition von SPD und FDP zerbrach. Er verlor Freunde und fühlte sich ohnmächtig. von 

Gerhart Baum

Gerhart Baum  |  © getty images/Sean Gallup

ZEITmagazin: Herr Baum, Sie sind ein Bildungsbürger alter Schule, wie man ihn unter Politikern kaum mehr findet. Wie erleben Sie das Verhältnis von Macht und Geist in Deutschland?

Gerhart Baum: Das Verhältnis der Macht zum Geist ist problematisch in unserem Land. Sie werden kaum einen Politiker bei einem Konzert eines zeitgenössischen Komponisten finden. In der bildenden Kunst ist es vielleicht ein bisschen besser. In Frankreich sieht das ganz anders aus: Dort ist man stolz auf die eigene Kultur, und Literaten und Philosophen mischen sich ein – zum Beispiel in den Libyenkonflikt.

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ZEITmagazin: Wie erklären Sie sich das?

Baum: Bei uns herrscht diese merkwürdige Distanz, weil es so ganz unterschiedliche Milieus sind. Ich gehe jetzt nach Donaueschingen zum Musikfestival, da bin ich sozusagen alleine. Da kommt allenfalls noch der Wahlkreiskandidat der CDU zu einem Konzert, das war’s dann auch. Der Einzige, der die Grenzen überschreitet, ist Norbert Lammert, aber der bleibt die Ausnahme.

ZEITmagazin: Warum ist die Kunst für Sie so wichtig?

Baum: Sie ist ein Labor für die Zukunft. Ich bin durch sie bereichert worden, aber auch verschreckt, das leugne ich nicht.

ZEITmagazin: Wodurch sind Sie verschreckt worden?

GERHART BAUM

ist in Dresden geboren. Er wuchs in Köln auf, wo er Jura studierte. 1972 wurde er Bundestagsabgeordneter der FDP, von 1978 bis 1982 war er Bundesinnenminister. 1994 schied er aus dem Parlament aus und arbeitete als Rechtsanwalt. Soeben erschien sein Buch »Meine Wut ist jung«. Am 28. Oktober wird Baum 80 Jahre alt

Baum: Zum Beispiel durch Achternbusch. Dem habe ich mal als Innenminister einen Preis verliehen, welcher dann von meinem Nachfolger Zimmermann wieder aufgehoben worden ist. Ich konnte mit Achternbusch nichts anfangen, ich verstand ihn nicht, aber ich hatte das Urteil der Jury respektiert. Anders Zimmermann, der die Vergabe rückgängig machen wollte, am Ende aber beim Verwaltungsgericht unterlag. Ich habe meinen Beamten immer gesagt: Wir sind keine Kunstrichter, das können wir gar nicht sein. Ich konnte auch mit Beuys zunächst nichts anfangen, heute schätze ich ihn sehr. Das sind Lernprozesse. Und die Literatur hat mich natürlich immer bewegt. Thomas Mann war für mich Wegbereiter für mein Leben und auch für die Politik. Die Deutschen, sagt Mann, haben Freiheit und Nation nicht zueinandergebracht. Das steckt ja auch im Doktor Faustus drin, der mich unglaublich beeindruckt hat – wie schwierig der Umgang der Deutschen mit der Freiheit ist.

ZEITmagazin: Sie sprechen häufig vom Lebensgefühl Freiheit. Wie drückt sich das aus?

Baum: Dass man sich ungern gesellschaftlichen Zwängen aussetzt.

Das war meine Rettung
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Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

ZEITmagazin: Hatten Sie solche Zwangserfahrungen?

Baum: Natürlich. In der Politik ist man immer mit dem Problem konfrontiert, sich einer anderen Meinung oder Machtkonstellation unterordnen zu müssen.

ZEITmagazin: War 1982 ein solcher Moment, als die FDP, die bis dahin mit der SPD koaliert hatte, das Lager wechselte?

Baum: Absolut. Die Sache lief total aus dem Ruder, und ich fühlte mich ohnmächtig. Ich entfremdete mich von einem Teil meiner Freunde, was eine schmerzliche Erfahrung war. Ich musste vor mir selber begründen, warum ich in der Partei blieb. Ich wurde sogar stellvertretender Vorsitzender, aber die Wirkungsmöglichkeiten hatte ich völlig überschätzt. Man hätte etwas beitragen können, aber man wurde nicht mehr gefragt. Meine Kollegen blieben ja im Kabinett, der Zug fuhr weiter, nur ohne mich. Ich musste fertigwerden mit der Situation, dass ich dabeiblieb und doch nicht dabei war.

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