Ölkonzern RosneftDie Geburt der Putin Oil

Der Staatskonzern Rosneft schluckt die Ölfirma TNK-BP – zum Ärger russischer Liberaler. von 

Dies ist der zweitgrößte Unternehmenskauf in der Geschichte der Erdölbranche, und mit ihm formt sich ein neuer Gigant auf dem Weltmarkt: Für 28 Milliarden Dollar kauft der russische Staatskonzern Rosneft die Anteile des Energieunternehmens BP an der britisch-russischen Ölfirma TNK-BP, weitere 28 Milliarden werden für die andere Hälfte von TNK-BP fällig, die bislang im Besitz eines Konsortiums russischer Oligarchen ist. An dem nun größeren Staatskonzern wird BP einen Anteil von 19,75 Prozent halten. Die entscheidenden Verhandlungen wurden am Montagabend erfolgreich abgeschlossen.

Noch am vergangenen Donnerstag wurde ein Direktor des übernommenen Unternehmens in Moskau wegen Betrugsverdachts verhaftet. Möglich, dass dies der Beschleunigung der Verhandlungen diente – denn Rosneft wird aus dem Kreml kontrolliert; und der hilft gerne etwas nach, besonders wenn es um globalen Einfluss geht. Jedenfalls wird Rosneft nach dem 56 Milliarden Dollar schweren Coup mit einer täglichen Förderung von 4,7 Millionen Fass Öl künftig ein entscheidender Spieler auf dem Weltmarkt sein. Nur Saudi-Arabien holt derzeit mehr Öl aus der Erde.

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Hinter dem Geschäft stehen zwei Männer: Russlands Präsident Wladimir Putin und ein Dunkelmann, der mal als Darth Vader, mal als grauer Kardinal des Kremls tituliert wurde – der heutige Rosneft-Chef Igor Setschin. Er und Putin kennen sich seit ihrer Zusammenarbeit in der Stadtverwaltung von Sankt Petersburg Anfang der 1990er Jahre. Vor seinem Wechsel zu Rosneft im Mai dieses Jahres war Setschin im Kreml vorübergehend Vizechef der Präsidialverwaltung und stellvertretender Premierminister mit besonderen Vollmachten für die Energiebranche und trug zeitweise auch den Spitznamen »Schlagbaum«, weil er streng überwachte, wer Zugang zum Präsidenten bekam. Er ist vor allem loyal, was Putin über alles schätzt.

Setschin gilt als der Organisator der Zerschlagung des Ölkonzerns Yukos, die den Ölmilliardär Michail Chodorkowski hinter Gitter brachte. Das Filetstück von Yukos wurde im Dezember 2004 in einer Auktion, die einer Posse auf einer Provinztheaterbühne glich, einer unbekannten Firma ohne Büroraum zugesprochen und bald darauf von Rosneft geschluckt. So katapultierte sich die Ölfirma, die zuvor kaum jemand wahrnahm, unter die führenden Ölförderer Russlands.

Schon während seiner Kreml-Zeit verfolgte Setschin das Ziel, einen staatlichen Megakonzern zu formen. 2007 gab es erstmals Hinweise darauf, dass die Regierung aus Rosneft einen global einflussreichen Ölförderer machen wollte. Der Kauf eines privaten russischen Unternehmens, Surgutneftegas, war zeitweise im Gespräch, scheiterte aber.

Nach Ansicht des Rosneft-Chefs ist der Staat als Ressourcenverwalter effektiver als die Privatwirtschaft. Einer Zusammenarbeit mit privaten Partnern stimmt Setschin nur zu, wenn sie unumgänglich ist und begrenzt bleibt. BP kommt ihm dafür gerade recht. Der britische Ölmulti garantiert das nötige Know-how für die komplizierte Förderung in der Arktis und bringt seinen weltweit bekannten Namen ein. Nebenbei legalisiert BP mit seinem Einstieg als Großaktionär endgültig Rosnefts Plünderkäufe aus der Yukos-Konkursmasse.

Aber auch BP geht aus dem Milliardengeschäft als Gewinner hervor. »Das ist der letzte Schritt aus dem Sumpf von Louisiana«, sagt ein Manager in London, der damit an die Katastrophe an der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon erinnert, bei der im Sommer 2010 im Golf von Mexiko elf Menschen umkamen und Tausende Tonnen Rohöl die Umwelt verseuchten. BP musste damals knapp 40 Milliarden Dollar für Entschädigungen und Aufräumarbeiten aufbringen, dafür Beteiligungen und Tochterfirmen verkaufen und drohte in die zweite Liga der globalen Energiekonzerne abzusteigen. Mit der Chance, die Rohstoffe in der Arktis gemeinsam mit Rosneft auszubeuten, ist diese Gefahr gebannt.

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