DIE ZEIT: Herr Professor Hirschi, fühlen Sie sich als Lottogewinner?

Caspar Hirschi: Nein, aber ich weiß, ich hatte viel Glück in meiner Karriere. Die Eigenleistung war jedoch größer als beim Kauf eines Lottoscheins.

ZEIT: Sie haben aber mal gesagt, eine akademische Karriere in der Schweiz gleiche einer Lotterie.

Hirschi: Und dabei bleibe ich. Ich kenne genug hervorragende Wissenschaftler, die auf dem akademischen Abstellgleis gelandet sind.

ZEIT: Sie sind nun 37 Jahre alt, und haben seit Anfang August einen Lehrstuhl für Geschichte an der Universität St. Gallen. Wie macht man das?

Hirschi: Es gibt in der Schweiz – und im ganzen deutschsprachigen Raum – keine klaren Regeln, wie man eine Uni-Karriere planen soll. Ich kenne Leute, die haben alles richtig gemacht, sind weit herumgekommen, haben an führenden Universitäten gelehrt, in renommierten Verlagen publiziert – und stehen heute vor dem Aus. Und ich kenne andere, die haben ein Leben lang am Rockzipfel ihres Doktorvaters gehangen, nichts Umwerfendes veröffentlicht und zum Lohn den Lehrstuhl geerbt.

ZEIT: An Schweizer Unis ist es üblich, dass Professoren ihre zukünftigen Kollegen selbst vorschlagen. Ich saß als Student selbst in einer solchen Kommission: ein sehr undurchsichtiges Prozedere.

Hirschi: Ja, da staunt man. Es gibt Kommissionen, die für die Stellenausschreibung den Lebenslauf der Hauskandidatin eindampfen; es gibt Kommissionsmitglieder, die ihren Lieblingsbewerber während des Verfahrens coachen; und es gibt Kommissionspräsidenten, die der unabhängigen Gutachterin die Stellungnahme diktieren. Worüber ich am meisten staune: Alle wissen es, und die Beteiligten kommen ungeschoren davon. Mir ist nur ein Fall bekannt, in dem ein Verfahren kassiert wurde, weil allzu wörtlich protokolliert worden war: »Professor XY wird gebeten, ein negatives Gutachten zu schreiben.«

ZEIT: Müssten die Verfahren transparenter sein?

Hirschi: Mehr Transparenz würde wohl nicht viel bringen. Sind alle Abläufe einsehbar, gerinnen die Verfahren zu Ritualen, in denen eine Entscheidung zelebriert, aber nicht gefällt wird. In Schweden, wo man solche gläsernen Verfahren kennt, wird mittlerweile alles Wichtige am Telefon besprochen.

ZEIT: Was wäre denn der richtige Weg?

Hirschi: An der Verfahrenskultur zu arbeiten. Dass man in den Ausstand tritt, wenn Freunde oder eigene Schüler zur Diskussion stehen, anstatt sie nach Kräften zu pushen; dass man Verfahren nicht von außen manipuliert, egal, ob man der Kommission angehört oder nicht; und schließlich das Wichtigste und Schwierigste, dass man das Verfahren als ergebnisoffenen Prozess ernst nimmt und sich erst dann für eine Person entscheidet, wenn der vorgesehene Zeitpunkt gekommen ist.

ZEIT: Vielfach wählen die Professoren jene Kandidaten, die ihnen nicht vor der Sonne stehen.

Hirschi: Das dürfte an mediokren Universitäten öfters geschehen, an Spitzenuniversitäten weniger. Mir scheint ein anderes Problem verbreiteter: Man wählt Leute, die man kennt und gut mag. Alte Weggefährten, Schüler von geschätzten Kollegen oder Zuchterfolge aus dem eigenen Stall. Dann erhält die Sache definitiv ein Geschmäckle.

ZEIT: Hausberufungen sind eigentlich verpönt.

Hirschi: Ja, aber gerade in der Schweiz kommen sie noch häufig vor, weil Schweizer Forscher zu selten die Universitäten wechseln. In Deutschland sind Hausberufungen verboten, und darum werden interne Favoriten ein Jahr vor der Stellenbesetzung an eine andere Universität geschickt. Somit können sie »von außen« zurückberufen werden.