Berufungsverfahren "Zum Lohn den Lehrstuhl erben"
Wer wird heute eigentlich Professor? Nicht unbedingt die Besten, sagt der 37-jährige Historiker Caspar Hirschi, sondern die Angepassten.
DIE ZEIT: Herr Professor Hirschi, fühlen Sie sich als Lottogewinner?
Caspar Hirschi: Nein, aber ich weiß, ich hatte viel Glück in meiner Karriere. Die Eigenleistung war jedoch größer als beim Kauf eines Lottoscheins.
ZEIT: Sie haben aber mal gesagt, eine akademische Karriere in der Schweiz gleiche einer Lotterie.
Hirschi: Und dabei bleibe ich. Ich kenne genug hervorragende Wissenschaftler, die auf dem akademischen Abstellgleis gelandet sind.
ZEIT: Sie sind nun 37 Jahre alt, und haben seit Anfang August einen Lehrstuhl für Geschichte an der Universität St. Gallen. Wie macht man das?
Hirschi: Es gibt in der Schweiz – und im ganzen deutschsprachigen Raum – keine klaren Regeln, wie man eine Uni-Karriere planen soll. Ich kenne Leute, die haben alles richtig gemacht, sind weit herumgekommen, haben an führenden Universitäten gelehrt, in renommierten Verlagen publiziert – und stehen heute vor dem Aus. Und ich kenne andere, die haben ein Leben lang am Rockzipfel ihres Doktorvaters gehangen, nichts Umwerfendes veröffentlicht und zum Lohn den Lehrstuhl geerbt.
ZEIT: An Schweizer Unis ist es üblich, dass Professoren ihre zukünftigen Kollegen selbst vorschlagen. Ich saß als Student selbst in einer solchen Kommission: ein sehr undurchsichtiges Prozedere.
Der 37-jährige ist Professor für Geschichte an der Universität St. Gallen. Zuvor forschte er in Cambridge und an der ETH Zürich.
Hirschi: Ja, da staunt man. Es gibt Kommissionen, die für die Stellenausschreibung den Lebenslauf der Hauskandidatin eindampfen; es gibt Kommissionsmitglieder, die ihren Lieblingsbewerber während des Verfahrens coachen; und es gibt Kommissionspräsidenten, die der unabhängigen Gutachterin die Stellungnahme diktieren. Worüber ich am meisten staune: Alle wissen es, und die Beteiligten kommen ungeschoren davon. Mir ist nur ein Fall bekannt, in dem ein Verfahren kassiert wurde, weil allzu wörtlich protokolliert worden war: »Professor XY wird gebeten, ein negatives Gutachten zu schreiben.«
ZEIT: Müssten die Verfahren transparenter sein?
Hirschi: Mehr Transparenz würde wohl nicht viel bringen. Sind alle Abläufe einsehbar, gerinnen die Verfahren zu Ritualen, in denen eine Entscheidung zelebriert, aber nicht gefällt wird. In Schweden, wo man solche gläsernen Verfahren kennt, wird mittlerweile alles Wichtige am Telefon besprochen.
ZEIT: Was wäre denn der richtige Weg?
Hirschi: An der Verfahrenskultur zu arbeiten. Dass man in den Ausstand tritt, wenn Freunde oder eigene Schüler zur Diskussion stehen, anstatt sie nach Kräften zu pushen; dass man Verfahren nicht von außen manipuliert, egal, ob man der Kommission angehört oder nicht; und schließlich das Wichtigste und Schwierigste, dass man das Verfahren als ergebnisoffenen Prozess ernst nimmt und sich erst dann für eine Person entscheidet, wenn der vorgesehene Zeitpunkt gekommen ist.
ZEIT: Vielfach wählen die Professoren jene Kandidaten, die ihnen nicht vor der Sonne stehen.
Hirschi: Das dürfte an mediokren Universitäten öfters geschehen, an Spitzenuniversitäten weniger. Mir scheint ein anderes Problem verbreiteter: Man wählt Leute, die man kennt und gut mag. Alte Weggefährten, Schüler von geschätzten Kollegen oder Zuchterfolge aus dem eigenen Stall. Dann erhält die Sache definitiv ein Geschmäckle.
ZEIT: Hausberufungen sind eigentlich verpönt.
Hirschi: Ja, aber gerade in der Schweiz kommen sie noch häufig vor, weil Schweizer Forscher zu selten die Universitäten wechseln. In Deutschland sind Hausberufungen verboten, und darum werden interne Favoriten ein Jahr vor der Stellenbesetzung an eine andere Universität geschickt. Somit können sie »von außen« zurückberufen werden.
- Datum 29.10.2012 - 09:15 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 25.10.2012 Nr. 44
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Ein Vergleich: Wenn einer eine grosse Reise tun will, kann er den Koffer vom Schrank holen, den Krempel hineinwerfen und zum Flugplatz eilen. Der Rest dürfte dann später unter der Rubrik "Abenteuer" abzubuchen sein.
Daher ein paar Ideen:
1. Konkurrenz belebt das Geschäft, die Heimlichtuerei dabei lässt dann halt "das Rad mehrfach erfinden". Das dürfte hier zu teuer sein. Dafür wird man wohl besser, wenn man ein Gebiet sauber absteckt und vernetzt systematisch bearbeitet. Die Kommunikation zwischen den Partnern können durchaus Spezialisten übernehmen. Sie sollen auch die verschiedenen Dialekte der Partner gegenseitig übersetzen.
2. Langzeit versus Kurzzeit: Macht man es wie bei den Politikern, dann ist ab drittem Jahr spätestens Werbung für die Wiederwahl statt Produktivität angesagt. Der Mensch braucht klare Zeitperspektiven, nur so bleibt er ruhig, was zu einer besseren Funktion seines Kopfes führt.
3. Vernetzte Durchlässigkeit: Es ist dumm, einen klugen Kopf nach der Arbeit auf der Strasse stehen zu lassen, er könnte nebenan weiter produktiv sein. Das kann auch eine Firma sein. Damit müssen sich die Arbeitsweisen und Kulturen etwas ähneln oder entsprechend gemacht werden.
4. Vernetzung nach extern: Wenn ein Mitarbeiter ein Gebiet verlässt, könnte es die Aufgabe von Spezialisten sein, ihn woanders wieder unter zu bringen. Eiersuchen ist zu Ostern nett, das muss man hier aber nicht unbedingt selber müssen, das Feld ist doch zu gross.
5. Erst köpfeln, dann Leute dafür suchen!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren