Kann ein Mensch seine Sexualität sein Leben lang unterdrücken? © Photocase/Buntbarsch

Der Mann, der an diesem Tag im September 2011 in das Büro im Institut für Sexualmedizin kommt, sieht aus wie ein Mensch auf dem Weg zur Urteilsverkündung. Zwei Mitarbeiter begleiten ihn. Er hält den Kopf gesenkt, seine Augen fliehen in alle Richtungen. Seine Bewegungen sind eckig, sein Händedruck ist nass. Er scheint vor allem aus Scham zu bestehen. "Sie können mich Jonas nennen", sagt er, seinen echten Vornamen will er nicht preisgeben, zu groß ist die Angst, dass andere von seiner Neigung erfahren. Der Mann, der an diesem Nachmittag einem Konferenztisch Platz nimmt, um von seinem inneren Kampf zu berichten, scheint zu glauben, dass er nichts anderes als Ablehnung, wenn nicht gar Hass zu erwarten hat.

Muss er das? Muss man einen wie ihn verurteilen? Woran misst man einen Menschen überhaupt? An dem Verhältnis seiner guten und schlechten Seiten? Oder daran, wie sehr jemand versucht, die schlechten Seiten zu bekämpfen? Würde man die Abgründe zum Maßstab nehmen, wäre Jonas kein besonders guter Mensch: Er hat in seinem Leben Tausende von Kinderpornos gesehen – Gewaltdarstellungen an Kindern, wie es eigentlich heißen muss. Aber er übernimmt Verantwortung dafür: Er versucht, einen der stärksten Triebe des Menschen zu unterdrücken, mit allen Mitteln.

Einmal in der Woche fährt er mit dem Zug nach Berlin . Dort nimmt er an einer Gruppentherapie teil, die die Charité seit einigen Jahren für Männer anbietet , deren Begehren teilweise oder ausschließlich auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet ist. Jonas ist pädophil, kernpädophil, die einzigen Menschen, die er sexuell anziehend findet, sind Jungen zwischen acht und zwölf. Als er das erste Mal nach Berlin kommt, ist er 27 Jahre alt und hat noch nie ein Kind missbraucht, und er ist sich sicher, auch in Zukunft niemals übergriffig zu werden. Der Missbrauch, den er beenden will, ist indirekter: Nachfrager zu sein für Filme, in denen Kindern großes Leid zugefügt wird. Szenen erregend zu finden, die die Kinder, die dazu gezwungen werden, womöglich für ihr ganzes Leben traumatisieren. Er will damit aufhören. Um das zu lernen, kommt er ein Jahr lang nach Berlin-Mitte. Es ist nicht sein erster Versuch, aber vielleicht sein letzter.

Während dieses Jahres treffen wir uns alle paar Wochen, zwischen Zugankunft und Therapiebeginn. Wir sitzen im Burger King oder bei Pizza Hut , an einem Tisch ohne Nachbarn. Kinderpornografie heißt "K.P." in diesen Gesprächen. So nennt es Jonas auch in seinem kleinen, schwarzen Notizbuch, in dem er seine Fortschritte verzeichnet. Keiner darf davon erfahren, keine sexuelle Abweichung ist gefürchteter als das Hingezogensein zu Kindern. Wer kann sich schon vorstellen, dass einer wie er dauerhaft schaffen kann, was die meisten nicht mal ein paar Wochen lang hinkriegen: seine Lust nicht auszuleben – weder real noch mithilfe von Bildern. Doch wenn er ein guter Mensch sein will, dann wird er das lernen müssen. Mehr verspricht er sich nicht von dem einjährigen Therapieprogramm. "Für mich wird es nie ein Happy End geben", sagt er mit ungerührter Miene, "mit Frau, Kindern, Haus."

"Bitte Helfen Sie mir", steht in der Betreffzeile der E-Mail, die er im Januar 2011 an die Charité schickt. Er beschreibt seine Sucht nach immer härteren Szenen und dass er keinen Weg findet, damit aufzuhören.

Bei einem Vorgespräch am Institut für Sexualmedizin leuchten die beiden Therapeuten des "Präventionsprojekts Dunkelfeld", Till Amelung, ein Arzt, und Gerold Scherner, ein Psychologe, jeden Winkel menschlicher Abgründe aus: Straftaten, Familiengeschichte, erste Selbstbefriedigung, Präferenzalter, Geschlecht, exhibitionistische, voyeuristische, sadistische, masochistische, fetischistische Fantasien: Es geht darum, herauszufinden, ob Jonas wirklich pädophil ist, also ob sein Interesse an Kindern sexuellen Ursprungs ist und nicht etwa eine Ausweichhandlung oder der Wunsch nach Machtausübung, was andere Störungen sind. Der Unterschied liegt in der Motivation: Pädophile verlieben sich in Kinder und suchen ihre Nähe. Manche setzen ihre sexuellen Fantasien auch in die Tat um und reden sich ein, dass die Kinder das so wollten – aber einem anderen Menschen Schaden zuzufügen ist nicht das eigentliche Ziel. Es gibt Studien, nach denen 40 bis 60 Prozent der Inhaftierten, die sich an Kindern vergangen haben, gar nicht pädophil sind. In einem Aufsatz heißt es über Kindesmissbrauch: "Sexualstraftäter haben häufig keine Pädophilie, umgekehrt sind Pädophile nicht gleichzusetzen mit Sexualstraftätern." In das Präventionsprojekt werden nur Männer aufgenommen, die die Kriterien einer Pädophilie erfüllen. Und sie müssen freiwillig kommen. Männer, gegen die ein Verfahren läuft, sind von dem Programm ausgeschlossen. Am Ende bekommt jeder Zweite, der zum Vorgespräch angereist ist, einen Therapieplatz angeboten.

Im Januar 2011 sitzt Jonas allein in seiner kleinen Wohnung in der neuen Stadt, in der er seine erste Arbeitsstelle nach dem Studium angetreten hat. Er liegt nächtelang wach, aus Angst, dass er den Therapieplatz nicht bekommt. "Ich wusste nicht, wer mir dann noch hätte helfen können", sagt er später.

In dieser Zeit ruft er einmal in der Mittagspause seine Schwester an. Er hat den Satz schon auf den Lippen. Stattdessen sagt er: Ich muss heute Abend mit dir sprechen. Abends denkt er: zu kurzfristig, zu unüberlegt. Als sie schließlich telefonieren, erzählt er, dass er in Berlin eine Therapie begonnen habe, wegen Depressionen. Immerhin die halbe Wahrheit, denkt er, oder ein kleiner Teil.

Die ganze Wahrheit ist, dass er schon fast sein halbes Leben lang weiß, dass er pädophil ist. Mit 12 bemerkte er, dass ihm kleinere Jungen gefallen. Als er 17 wurde, waren die Objekte seines Begehrens nicht mitgewachsen. Er begann zu begreifen: dass er festgelegt war. Auf eine Sexualität, mit der er andere schwer verletzen würde, wenn er sie ausleben würde. Schon damals war ihm klar, dass er seine Fantasien nie in die Tat umsetzten würde – Kinderpornografie erlaubte er sich als Ersatzhandlung. Meine Freunde gehen in die Disco, dachte er, ich habe meine Bilder. Bilder, auf denen Jungen von Erwachsenen zur Schau gestellt und zu sexuellen Handlungen gebracht werden. Er fand sie erregend, weil er pädophil ist, und abstoßend, weil er Empathie besitzt. Morgens wachte er oft um fünf auf und spähte durch die Jalousien; er hat gelesen, dass Hausdurchsuchungen immer am frühen Morgen stattfinden. Als er mit dem Studium begann, verließ er manchmal mitten in der Vorlesung die Uni, um nachzusehen, ob ein Einsatzkommando vor seiner Tür steht. Kein Mensch erfuhr von seinen Ängsten. Er wusste ja, wie die Welt über Männer wie ihn denkt. So wie er selbst über sich dachte: krank. pervers. Die Schlimmsten, die es gibt.

"Mein erster Mensch", sagt er, "war ein Uni-Psychologe." Damals war er 23 Jahre alt und hatte sechs Monate lang auf die Bilder verzichtet, sechs Monate, die ihn von dem Mann, der er nicht sein wollte, trennten. Nur mit diesem Abstand fühlte er sich in der Lage, darüber zu reden. Vor dem Termin bei der Beratungsstelle des Studentenwerks konnte er nächtelang nicht schlafen. Er stellte sich immer wieder vor, wie er mit einem anderen Menschen in einem Raum sitzt und das Schlimmste sagt, was man über sich sagen kann. Der Satz, der ihm noch nie über die Lippen kam. Aber er wusste auch: Es geht einfach nicht, ich werde das nicht mein ganzes Leben lang für mich behalten können. Es war, als würde er mit verbundenen Augen an einer Steilküste stehen, und die beste Möglichkeit weiterzumachen sei ein Schritt nach vorne.