Stilkolumne : Endlich sind alle für Transparenz

Tillmann Prüfer über durchsichtige Röcke
Dieser Rock von Chanel versperrt nicht den Blick auf die Landschaft. © Peter Langer

Schon immer haben Frauen mit Röcken Botschaften ausgesendet. Der Rock lenkt die Aufmerksamkeit auf den Unterleib der Frau – und gleichzeitig verhüllt er ihn. Das war schon vor hundert Jahren so, es war ein Spiel mit der Erotik. Denn je mehr der Rock die Aufmerksamkeit auf die Frau lenkte, je größer er ausfiel, desto mehr wurden die Beine der Frau verhüllt. Die Anziehung war also gleichermaßen die Abweisung.

Heute muss sich die Frau nicht mehr verhüllen, um Begehrlichkeiten zu wecken. Im Gegenteil: Es geht um Enthüllung. Bei den vergangenen Schauen in Paris ließ Chanel-Designer Karl Lagerfeld die Models in langen durchsichtigen Röcken über den Laufsteg stöckeln. Unter solchen Stoffen sieht man die Beine und manchmal sogar den Slip. Transparente Röcke sind nicht nur bei Chanel populär. Auch Balenciaga, Michael Kors, Chloé, Dolce & Gabbana haben sie in der Kollektion. Ein Indiz für die totale Sexualisierung der Frau? Wird sie gewissermaßen öffentlich ausgezogen?

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Der Verdacht liegt nahe, aber wenn man den Gesamtzusammenhang betrachtet, wird schnell offenbar, dass es hier nicht allein um Erotik geht. Denn so unsexy war durchsichtig noch nie. Transparente Röcke werden auf den Laufstegen nie in Kombination mit offenherzigen Outfits getragen, sondern stets als Kontrast zu hochgeschlossenen, fast puritanischen Oberteilen. Oft liegen so viele dünne Schichten übereinander, dass kein Durchblick möglich ist. Die Designer suchen nach neuen Ausdrucksformen für Weiblichkeit. Das wurde bei den gerade vergangenen Schauen in Mailand und Paris deutlicher, dort wurde die Idee der Transparenz noch erweitert. Am auffallendsten akzentuiert war der transparente Rock bei der Dior-Schau von Raf Simons. Die Models trugen einen gerade geschnittenen Blazer, der in ein luftiges Röckchen aus in allen Regenbogenfarben changierendem Organza überging.

Die moderne Frau soll gleichzeitig hart und feenhaft sein. Berechnend und verträumt. Das ist schön, bedeutet aber auch, dass der Spagat, der den Männern abverlangt wird, dass sie gleichzeitig durchgreifender Macho und verständnisvoller Softie sein sollen, nun auch den Frauen aufgezwungen wird. Eine Form von Gleichberechtigung.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich halte das nicht für Gleichberechtigung,

sondern eher für Gleichverpflichtung.
'Die moderne Frau soll gleichzeitig hart und feenhaft sein. Berechnend und verträumt. Das ist schön, bedeutet aber auch, dass der Spagat, der den Männern abverlangt wird, dass sie gleichzeitig durchgreifender Macho und verständnisvoller Softie sein sollen, nun auch den Frauen aufgezwungen wird. Eine Form von Gleichberechtigung.'
Im Übrigen ist es auch nicht wirklich neu - Frauen sollten/mußten schon immer gleichzeitig Heilige und Hure sein, um die Männerphantasien zu bedienen.
Ich finde auch die durchsichtigen Röcke nicht besonders reizvoll - aber über Geschmack läßt sich bekanntlich streiten.

Erotik im Alltag, ernsthaft?

"Der Verdacht liegt nahe, aber wenn man den Gesamtzusammenhang betrachtet, wird schnell offenbar, dass es hier nicht allein um Erotik geht."

Publicity, Geld, Modezwang...

Transparente Röcke werden auf den Laufstegen nie in Kombination mit offenherzigen Outfits getragen, sondern stets als Kontrast zu hochgeschlossenen, fast puritanischen Oberteilen.

Ahja, klingt einleuchtend!
Als kleiner Junge versuchte man ja immer einen Blick unter den Röcken bei den Schaufensterpuppen zu erhaschen – jetzt braucht man das nicht mehr.
Ich habe mir mal die Bilder dieser "Röcke" angeschaut, das sieht für mich nicht wie ein Rock aus, sondern einfach eine "verharmloste" Variante die Frau nicht völlig Nackt draußen rum laufen zu lassen.

Die liebe Projektion...

''Schon immer haben Frauen mit Röcken Botschaften ausgesendet. Der Rock lenkt die Aufmerksamkeit auf den Unterleib der Frau – und gleichzeitig verhüllt er ihn. Das war schon vor hundert Jahren so, es war ein Spiel mit der Erotik.''

Frauen mussten früher Röcke tragen!
Sie durften keine Hosen tragen.
Also erst den Frauen etwas aufzwingen und danach ihnen hinterher sagen, sie haben dies mit Absicht gemacht... ist zwar typisch aber ich dachte die Zeiten wären vorbei.
Ich glaube viele können einfach nicht ihre eigenen Wünsche selber reflektieren und müssen das immer auf andere projizieren....

''der Spagat, der den Männern abverlangt wird, dass sie gleichzeitig durchgreifender Macho und verständnisvoller Softie sein sollen''

Von Männern wird nicht abverlangt ein durchgreifender Macho zu sein. Ich denke es wird von Männern Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein verlangt (Dies Verlangen Männer aber auch von sich selbst).
Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein müssen nicht zusammen mit einem Macho auftreten sondern eben auch mit Verantwortung, Empathie und Achtung vor anderen Menschen.
Hier geht also nicht um ein Spagat zwischen Macho und Softie, sondern um ein gesundes selbstsicheres und selbstbewusstes Auftreten OHNE ein Arschloch zu sein.
Man kann nämlich selbstbewusst und empathisch sein.
Ich sehe keinen Widerspruch

Immer diese Projektionen

Also erst den Frauen etwas aufzwingen und danach ihnen hinterher sagen, sie haben dies mit Absicht gemacht... ist zwar typisch...

"Typisch" ist hier die Projektion ihrerseits von wegen "aufzwingen", wenn sie es so formulieren, dass Männer den Frauen das Rocktragen aufgezwungen hätten. Dem war nicht so. Frauen bestimmen, was Frauen tragen dürfen/sollen/müssen. Nicht Männer.

Ich gebe Ihnen aber Recht, dass Herr Prüfer hier etwas fahrlässig argumentiert. "Signale aussenden" ist hier zu aktiv formuliert, während tatsächlich die Frau hier nichts wirklich aussendet, sondern sich lediglich passiv zur Wahrnehmung durch den Mann zeigt. Auch ist "Spiel mit der Erotik" keine allgemeingültige Aussage und - wenn in dem Sinne praktiziert - nur autoerotisch gemeint.

Das "abverlangen von Männern" bezieht sich gleichfalls nur auf den kleinen Lebensausschnitt in dem Männer eine Frau zum Zweck des Geschlechtsverkehrs suchen. Nur in diesem Kontext ist dieser Spagat notwendig, bei asexuellen Kontakten zu Frauen bzw im Alltagsumgang mit anderen Menschen generell sind die von Ihnen benannten Attribute zielführender.