Orthografiefeste ZEIT - Leser wissen es: Das Sprichwort hat nichts mit der Frage zu tun, welches Kita-Kind morgens als Erstes mit den Wachsmalstiften spielen darf. Es bezieht sich auf das Mahlen von Korn und regelt die Reihenfolge an der Mühle.

Die Redensart ist nicht nur ein simpler Sinnspruch, sondern sie hatte einmal quasi Gesetzeskraft. Auf Deutsch (beziehungsweise Mittelniederdeutsch) wurde sie erstmals im Sachsenspiegel aktenkundig, einer Sammlung von Rechtsprinzipien, die Eike von Repkow zwischen 1220 und 1235 aufschrieb. Diese war kein Gesetzbuch, sondern eine Systematisierung der in Sachsen herrschenden Rechtsregeln. Das Buch ist auch das erste in deutscher Sprache veröffentlichte Prosawerk. Eine der Regeln: "Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen."

Aber braucht man einen Paragrafen, der eine scheinbare Selbstverständlichkeit formuliert?

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Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht ja auch nicht, wie man sich an der Supermarktkasse anzustellen hat. Im Mittelalter war es aber keineswegs selbstverständlich, dass jeder an der Mühle gleich behandelt wurde. Es gab auch "Herrenmühlen", wo der jeweilige Fürst Vorrang genoss. Aber zumindest für die "Kundenmühlen" legte der Spruch fest, dass sich niemand aufgrund seines Standes vordrängeln durfte.

Hinter dem Sprichwort steckt also eine urdemokratische Rechtsregel.

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