HochschulreformBologna 2012

Die Reform sollte das Studium vereinheitlichen und verbessern. Ist das gelungen? von Friederike Lübke

Jahrhundertelang war es einfach nur der Name der ältesten Universitätsstadt Europas, dann wurde das Wort ein Synonym für Veränderung: Bologna. Im Juni 1999 trafen sich in der italienischen Stadt Bildungsminister aus 29 Ländern, darunter alle damaligen Mitgliedsstaaten der EU, und verpflichteten sich zu einer Reform. Heute nehmen 47 Länder am Bologna-Prozess teil, jüngstes Mitglied ist Kasachstan. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) spricht von einer »europäischen Erfolgsgeschichte«.

War wirklich alles nur positiv? Studien zeigen, was sich seitdem in Deutschland verändert hat.

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Ziel: Vergleichbare Abschlüsse

Was daraus wurde: Bis 2010 sollte das Studiensystem auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt werden. Zum Wintersemester 2011/2012 traf das auf 85 Prozent aller Studiengänge zu, die übrigen endeten meist mit Staatsexamen oder kirchlichem Examen, so eine Statistik der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Die Reform hat die Abschlüsse vereinfacht, das Studienangebot ist allerdings unübersichtlicher geworden. Zum Wintersemester 2011/2012 boten deutsche Hochschulen laut HRK 13.033 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert: »Jede Hochschule setzt eigene Schwerpunkte, erkennt die der anderen aber nicht immer an. Es kann schon schwierig sein, sich innerhalb Deutschlands für einen Master einzuschreiben.«

Ziel: Verkürzung der Studienzeit

Was daraus wurde: An der Universität sind die meisten Bachelorstudiengänge auf drei Jahre angelegt, die meisten Master auf zwei Jahre, so die HRK. Wer schon mit 17 Abitur macht, kann also theoretisch mit 22 Jahren und zwei Abschlüssen auf den Arbeitsmarkt kommen. Ganz so jung beginnen Akademiker ihr Berufsleben aber nicht. Das Durchschnittsalter für Bachelorabsolventen lag 2009 bei 25,5 Jahren, Masterabsolventen waren rund 28 Jahre alt. Auch wenn sie schon nach dem Bachelor anfangen könnten zu arbeiten, lassen sich viele Absolventen Zeit. 77 Prozent der Uni-Bachelorabsolventen des Jahrgangs 2009 studierten ein Jahr nach ihrem ersten Abschluss weiter, ergab eine Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Gerade in traditionell lange dauernden Studiengängen wie Medizin, Psychologie oder Theologie hat sich der Bachelor noch nicht durchgesetzt. Neue Ansätze wie die Medical School der Universitäten Oldenburg und Groningen, bei der Medizinstudenten Staatsexamen und Master machen können, sind eine Ausnahme.

Ziel: Mehr Mobilität

Was daraus wurde: Durch die Trennung in Bachelor und Master können Studenten einen oder beide Studiengänge in einem anderen Land machen oder dazwischen ins Ausland gehen. Die Zahl deutscher Studenten an ausländischen Hochschulen ist seit Beginn des Bologna-Prozesses stark gewachsen: 1999 lag sie bei fast 50.000, im Jahr 2008 war sie mehr als doppelt so hoch, meldet das Statistische Bundesamt. Zu den beliebtesten Ländern gehören Österreich, die Niederlande und Großbritannien. Etwa 27 Prozent aller Uni-Studenten im Bachelor-Master-System verbringen eine Zeit im Ausland, in den Diplom-Studiengängen waren es nur 19 Prozent, wie das Forschungszentrum Incher aus Kassel ermittelt hat. Damit haben deutsche Studenten eine Bologna-Vorgabe schon übertroffen. Ziel war es, dass 20 Prozent der Absolventen von 2020 einen Teil ihres Studiums im Ausland verbracht haben würden.

Allerdings gehen Studenten bislang häufiger im Master- als im Bachelorstudium ins Ausland, und ihre Mobilität hängt immer noch stark von der sozialen Herkunft ab. Auslandssemester sind teuer, und es ist schwierig, im Gastland zu jobben. »Ob ein geplanter Aufenthalt letztlich verwirklicht wird, hängt deshalb in hohem Maße davon ab, ob sich die Studierenden aus ihrer Sicht realistische Formen einer alternativen Finanzierung für die Studienphase im Ausland erschließen können«, heißt es im Bericht über Auslandsmobilität deutscher Studierender vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). »In diesem Zusammenhang wurde auch häufig sichtbar, dass den Studierenden grundlegende Informationen über institutionelle Förderungsmöglichkeiten fehlen«, heißt es weiter.

Wissenschaftler und Hochschulmitarbeiter hätten Schwierigkeiten, sich Arbeitszeiten im Ausland für die Rente anrechnen zu lassen, bemängelt außerdem die GEW.

Leserkommentare
  1. Die OECD-Bildungsquote wäre einfacher zu erreichen gewesen: Die Fachoberschulen werden zu "Collges" und die Medizinisch-Technische Assistentin zum "Bachelor of Medical Management". So ähnlich sieht es nämlich in den Ländern mit den höchsten Akademikerquoten aus.

    Hauptproblem dürfte die Zersplitterung der Studiengänge sein. Konnte früher ein Chemiker nach dem Vordiplom von Köln nach Münster oder Heidelberg wechseln, jetzt ist für den Bachelor in Geowissenschaften von der Uni Bochum der Wechsel zum Master in Geowissenschaften nach Marburg vielleicht schon nicht mehr möglich, weil sich die Schwerpunkte innerhalb des Gebietes zu sehr unterscheiden könnten (willkürliches Beispiel, kann sein, dass es in dieser Konstellation doch möglich ist), selbst ein Wechsel von Bochum nach Essen könnte bei manchem Fach schon ein Problem darstellen. Das ist dann das Gegenteil des vorgeblich gewollten...

    Antwort auf "Ein Glück..."
    • mal
    • 03. November 2012 23:47 Uhr

    Im Untertitel hat die Autorin gefragt: Ist es gelungen, das Studium zu vereinheitlichen und zu verbessern? Zur Antwort arbeitet sie sich dann aber nur an einigen ausgewählten Bologna-Zielen ab und versucht mit Studien zu belegen, inwieweit die Ziele erreicht wurden. Die gewaltigen Veränderungen, die sich als Nebenwirkung des Bologna-Prozesses ergeben haben, werden dabei nicht im mindesten aufgegriffen. Von einer Antwort, ob das Studium durch Bologna verbessert wurde bleibt, die Autorin meilenweit entfernt. Verschiedene Kommentatoren vor mir haben darauf bereits mit weniger Worten sehr viel plausiblere Antworten gefunden.

    Bei zwei mindestens zwei Punkten wurde zu wenig recherchiert:

    1.) Bei der Verkürzung der Studienzeit sollte eine Auswertung des Wissenschaftsrats Beachtung finden: http://www.wissenschaftsr... Regelstudienzeiten werden heute deutlich häufiger eingehalten oder sogar unterschritten, der Bummelstudent ist nahezu ausgestorben. Die Einstellung der Studierenden hat sich also stark geändert, aus mir völlig unerklärlichen Gründen sehen Politiker dies als Erfolg.

    2.) Aussagen zu mehr Mobilität halte ich für fragwürdig, solange nicht zwischen Universitäten und Fachhochschulen differenziert wird. Mir sind Zahlen im Hinterkopf, nach denen insbesondere die Mobilität an Fachhochschulen zugenommen hat.

    Einige Positionierung von Fachschaften zu Bologa: http://www.stuve.uni-muen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • nouraa
    • 04. November 2012 13:36 Uhr

    "1.) Bei der Verkürzung der Studienzeit sollte eine Auswertung des Wissenschaftsrats Beachtung finden: http://www.wissenschaftsr... Regelstudienzeiten werden heute deutlich häufiger eingehalten oder sogar unterschritten, der Bummelstudent ist nahezu ausgestorben. Die Einstellung der Studierenden hat sich also stark geändert, aus mir völlig unerklärlichen Gründen sehen Politiker dies als Erfolg."

    Wundert mich nicht... das ist die pure Angst, die einem eingepeitscht wird. Jeder der nicht regelkonform schnell fertig wird, kriegt keinen Job. Das kriegt man pausenlos zu hören. Ich war trotzdem zweimal im Ausland und habe mir nach den absolvierten Pflichtkursen die übrigen zwei Semester der Regelstudienzeit genommen um noch andere Kurse zu machen, in andere Bereiche reinzuschnuppern und echt mal nach Interesse zu gehen und die Kenntnisse die ich hab zu vertiefen.

    • SPu
    • 03. November 2012 23:58 Uhr

    natürlich ist nicht alles eine Sache der Einstellung des Studierenden, das war eventuell etwas zu provokant formuliert.

    Die Motivation für meinen Kommentar war vor allem, das regelmäßig im Zusammenhang der Bologna-Reform auftretende Bild des sehr einseitig denkenden, möglichst schnell und effizient durchs Studium kommen wollenden, den Prüfungsstoff sofort nach der Prüfung vergessenden Bachelor-Studierenden zu korrigieren.

    Ist es nicht die Sache des Studierenden selbst, wie viel Zeit er/sie sich für das Studium lässt und dabei auch mal nach links und rechts schaut? Natürlich gibt es an vielen Unis neue Fristen, bis wann ein Studium abgeschlossen sein muss, diese sind aber oft immer noch sehr großzügig ausgelegt.

    Und wo bitteschön wird denn heute auswendig gelernt, wo vor der Reform nicht auch schon auswendig gelernt wurde? Zumindest im Bereich der Natur- und Ingenieurwissenschaften hat sich meiner Erkenntnis nach nichts an der Art und Weise des Lernens geändert.

    Wenn Sie ein verschultes Bildungssystem erleben möchten, an dem sogar an den "Elite"-Universitäten regelmäßig "Hausaufgaben" gegeben und "Zwischenprüfungen" währen des Semesters abgehalten werden, dann kommen Sie hier nach Nordamerika, aber in Deutschland ist das meiner Meinung nach nicht die Realität.

    Antwort auf "Wolke sieben?"
    • fooby
    • 04. November 2012 0:26 Uhr

    ich zittiere aus meinem studienführer b.sc. chemie an der uni leipzig - die frage stellt sich ob man nicht einfach den master wie das diplom als standartstudienfach einrichten sollte:

    Im universitären Chemiestudium wird der Bachelor, gesetzlich als erster berufsqualifizierender
    Abschluss definiert, als alleiniger Abschluss aus heutiger Sicht somit nur
    begrenzte Berufseinstiegsmöglichkeiten eröffnen. In der Regel wird sich ein weiterführender
    Masterstudiengang anschließen.

    danke bologna für so viel sinnlosigkeit

    • Visier
    • 04. November 2012 2:26 Uhr

    Was soll ich sagen, ich bin 29 hab 7Jahre gearbeitet, hab mein Fachabitur mit 27 in einem Jahr nachgeholt und befinde mich jetzt im 5ten Semester in Nachrichtentechnik (vgl.Elektrotechnik-Engineering) an einer FH die weit oben im Ranking stand.

    Und ich kann sagen das man überhaupt gar keine Zeit ,noch nicht mal ansatzweise für das hat mit dem man bombadiert wird. Und ich möchte behaupten das ich mich mit meine fast 30 zu den Studenten zähle die wissen was für eine Bedeutung hinter dem steckt was man zu lernen erreicht und das Studium nicht auf die leichte Schulter nehmen.
    Da wird man einer Seits mit Labor-Übungen überrannt dessen Stoff noch nicht bestandteil irgendwelcher Vorlesungen war und anderer Seits bekommt man über die Semester vollkommen unterschiedliche Bereiche wo jeder einzelne bei 60% "angenommener Vorkenntnis" bereits beginnt.
    Wenn damit die vorkenntnis aus vorherigen Semestern gemeint ist so kann ich bezeugen das davon nur wenig überhaupt hängen geblieben ist - nämlich das was verstanden wurde, aber "Zeit zum Verstehen" hat man zu keinem Zeitpunkt!! Man hat sie einfach nicht! Man ist nicht faul, man ist ständig nur gehetzt und lebt unter Druck und Angst das Ende nicht zu erreichen. Man lebt von Prüfungsvorleistung zu Prüfungsvorleistung und am zum Schluss nur von Prüfung zu Prüfung. Alles andere darf nicht zählen sonst scheitert man!

    Ein Ingenieur in 3Jahren?

    Die Erschaffer dieser Vorgabe waren einfach nur eins: töricht!

    • Kurwa
    • 04. November 2012 3:27 Uhr

    Der Bologna-Prozess ist grundsätzlich ein Müll.
    Für ein ernsthaftes Studium bräuchte man viel Zeit, viel Geduld, Ruhe, Gelassenheit, Fleiß, Disziplin und Eigeninitative.

    Sind die meisten Bachelorstudenten wirklich so fleißig, weil sie jeden Tag alle gelernten Stoffe wieder verinnerlichen?

    Tun sie das, weil sie gezwungen sind oder freiwillig aus ihrem eigenen Interesse?

    Es ist schon ein Fehler, dass man ein Studium als Berufsqualifikation sieht.

    Wer soll denn später in der akademischen Welt arbeiten und Professor werden, wenn man alle Inhalte sinnlos in kurzer Zeit irgendwie ins Gehirn hineinkriegen soll?

    Es ist schon ein Fehler, dass man jemand nur durch ein Studium als berufsqualifiziert sieht.

    Für einen Beruf (Investmentbanker, Unternehmensberater, Steuerberater ec.) braucht man kein Studium.. Da bräuchte man eine anständige Ausbildung.

    Jetzt kommt nicht mit irgendwelchen geschmacklosen Argumenten wie "Vergiss dene Ideologie oder ein Studium in kurzer Zeit abzuschließen ist sinnvoll für das spätere Berufsleben etc..".

    Ein Mann kann am besten dann und nur dann arbeiten, wenn man es will.

    Zwang hilft auch nicht weiter.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • lxththf
    • 04. November 2012 3:40 Uhr

    man braucht primär auch Geld ;)

    • lxththf
    • 04. November 2012 3:38 Uhr

    sie sind einfach überfordert und fallen durch viele Prüfungen oder müssen Prüfungen schieben, weil schon im voraus abzusehen ist, dass sie es nicht packen, was wieder zu der Grundsatzfrage führt, ob es sich lohnt, wenn die Absolventen quasi genauso lang studieren, wie vorher (ca. 8Semester Bachelor und 5 Master = 13 = wie bei Diplom und Magister).

    • lxththf
    • 04. November 2012 3:40 Uhr

    man braucht primär auch Geld ;)

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