Susan Sarandon"Wir flogen nebeneinanderher und hielten uns an den Händen"

Als ältestes von neun Kindern träumte Susan Sarandon immer wieder, dass sie ihre Geschwister aus größter Gefahr retten musste. Heute träumt sie von ihren eigenen Kindern. von Jörg Böckem

Es wäre schön, wenn wir in unserer Kultur den Träumen einen größeren Stellenwert beimessen würden. Schlafen und Träumen bedeuten nicht Untätigkeit, im Gegenteil, sie sind produktive Tätigkeiten unseres Unbewussten. Wenn wir uns gründlich mit unseren Träumen beschäftigen, liefern sie uns verlässliche Hinweise darauf, was wir während des Tages an den Rand schieben. Deshalb habe ich jahrelang ein Traumtagebuch geführt, nicht nur über meine Träume, sondern sogar über die meiner Kinder – bis sie Teenager wurden und größeren Wert auf ihre Privatsphäre legten.

Susan Sarandon

66, wuchs in einer streng katholischen Familie in New York auf. Zum Weltstar wurde sie durch ihre Hauptrollen in Filmklassikern wie Thelma & Louise und Dead Man Walking. In deutschen Kinos ist sie von dieser Woche an in Robot & Frank zu sehen.

Als Kind habe ich viel in meinem Kopf, in meinen Vorstellungen gelebt. Noch bis zur achten Klasse habe ich mit Puppen gespielt. Ich war davon überzeugt, dass sie um Mitternacht zum Leben erwachen, und habe ihnen deshalb jeden Abend vor dem Schlafengehen Kleidung zum Umziehen zurechtgelegt. Es war mir dabei wichtig, dass nicht eine bestimmte Puppe Nacht für Nacht die schönsten Kleidungsstücke bekam. Schon als Kind konnte ich Ungerechtigkeit schwer ertragen.

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Die meisten meiner Träume sind leider ziemlich durchschaubar. Manchmal wünsche ich mir, sie wären rätselhafter, ungewöhnlicher. Ich bin das älteste von neun Kindern, in meiner Kindheit und Jugend war ich daher immer wieder für meine Geschwister verantwortlich – eine Situation, die mich häufig überfordert hat. Über viele Jahre hinweg hatte ich ständig wiederkehrende Träume, in denen sich meine Geschwister in großer Gefahr befanden, aus der ich sie retten musste – Stürme, Erdbeben, eine Feuersbrunst, eine Springflut oder sogar eine atomare Explosion. Die Bedrohung veränderte sich, aber das Muster wiederholte sich ständig: Sie waren in Gefahr, und ich war für ihre Sicherheit verantwortlich. Nicht immer gelang es mir, sie alle zu retten. Glücklicherweise verschwanden diese Träume, als ich älter wurde und selbst Kinder bekam. Um meine eigenen Kinder habe ich in meinen Träumen nie solche Angst gehabt, vielleicht liegt es daran, dass es deutlich weniger sind als neun.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Als mein jüngster Sohn ungefähr sieben Jahre alt war, sind wir in einem sehr intensiven Traum gemeinsam geflogen. Zu Beginn des Traumes saß er auf meinem Rücken, aber irgendwann wurde er unruhig und wollte selbst fliegen. Den Rest des Traumes flogen wir nebeneinanderher, hielten uns dabei an den Händen und hatten großen Spaß. »Aha«, dachte ich im Traum, »mein Sohn scheint an einem Punkt in seinem Leben angelangt zu sein, an dem er mehr Eigenständigkeit sucht.« Wie gesagt, meine Träume sind meist ziemlich leicht zu deuten.

Kürzlich habe ich davon geträumt, sterben zu müssen. Ich war sehr alt und bereitete mich auf meinen Tod vor, umgeben von meinen Kindern und guten Freunden. Der Tod hatte in diesem Traum keinen Schrecken für mich. Ich fühlte mich geborgen und konnte ihm ohne Angst entgegensehen. Das heißt nicht, dass ich bald sterben werde oder eine Todessehnsucht habe. Aber wenn es so weit ist, wäre es schön, wenn es wie in diesem Traum geschehen würde.

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Leserkommentare
  1. Seele träumt und begeistert selbst dabei - eine sehr begabte Schauspielerin mit Herz.

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Erdbeben | Geschwister | Privatsphäre | Puppe | Susan Sarandon | Tod
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