Sie erinnert sich, dass sie als Kind öfter auf dem Schoß von Fritze Bär saß. Der Bergarbeiter aus Lengede verfiel dann ins Plaudern. Er erzählte immer wieder die gleiche Geschichte. Wie er überlebt hatte, was später als »Wunder von Lengede« Teil des bundesdeutschen Gedächtnisses wurde.

Bei dem mehrfach verfilmten Grubenunglück im Schacht Mathilde, einer Eisenerzgrube im niedersächsischen Lengede, wurden im Jahr 1963 nach einem oberirdischen Dammbruch 43 Bergleute von Wasser- und Schlammmassen eingeschlossen. Elf Kumpel konnten nach einer tagelangen, dramatischen Rettungsaktion befreit werden.

Fritze Bär, den alle nur so nannten, war mit seinen Erinnerungen nicht im Reinen. So regelmäßig er ins Reden verfiel, so regelmäßig hielt er inne und begann zu weinen. Immer an der gleichen Stelle. Das verwunderte bereits seine kleine Zuhörerin, die auf seinem Schoß saß. »Ich habe nicht verstanden, warum er seine Geschichte nie zu Ende erzählte«, sagt Tanja Michael, 41, die in Lengede aufwuchs und heute Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität des Saarlandes ist. »Jetzt verstehe ich das.«

Kumpel Bär gehörte zu den Überlebenden des Grubenunglücks. Doch hatte er miterleben müssen, wie sein bester Freund seiner rettenden Hand entglitt und in die Tiefe gespült wurde. Einen Namen für seine Erkrankung gab es in den sechziger Jahren noch nicht. Heute erkennt Tanja Michael das, was den Bergmann sein Leben lang plagte, unschwer als Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS.

Wer PTBS hört, denkt zumeist an katastrophale Ereignisse. Die Terroranschläge in New York 2001. Die Tsunami in Südasien an den Weihnachtstagen 2004 sowie im März 2011 in Japan. Oder Kriege wie in Afghanistan oder im Irak. Doch selbst im so friedlich erscheinenden Europa, das belegen Studien, ist jeder Zweite mindestens einmal im Leben einem Ereignis ausgesetzt, das Monate oder gar Jahre danach eine chronische PTBS auslösen kann. In den USA liegt die Rate sogar bei über 80 Prozent.

Häufig ist die Ursache ein Verkehrsunfall oder ein medizinischer Notfall, etwa ein Herzinfarkt. Auch Missbrauch im Kindesalter, Vergewaltigung oder andere Gewaltverbrechen, etwa Folter in Gewahrsam der Stasi, können Menschen so traumatisieren, dass sie die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse nicht mehr loslässt. Von Berufs wegen tragen Rettungssanitäter, Notärzte, Polizisten oder auch Feuerwehrleute ein erhöhtes Risiko.

»Traumatische Erlebnisse sind leider ein normaler Teil unseres Lebens«, erklärt Gustav Schelling, Notfallmediziner am Münchner Klinikum Großhadern. Andererseits, so beanstandet er zusammen mit einer Gruppe europäischer Forscher in einer Art Manifest, werde das Thema sträflich vernachlässigt – in der Öffentlichkeit wie in der Forschung. Während Milliarden von Fördermitteln investiert würden, um Menschen vor Altersdemenzen wie Alzheimer und dem damit einhergehenden Vergessen zu bewahren, finde das überschießende Gedächtnis zu wenig Aufmerksamkeit. »Die Neurobiologie von abnormal starken und extrem widerwärtigen Erinnerungen, ihre biologischen, psychologischen und sozialen Konsequenzen, wurde nie in einem großen Forschungsverbund untersucht«, schreiben Schelling und Kollegen. Die Forscher verleihen dem Leiden einen eigenen Namen: Traumatische Hypermnesie oder Über-Erinnerung an schreckliche Ereignisse.