TraumatherapieErinnerung, lass nach

Menschen, die Schreckliches erlebt haben, quälen die Gedanken daran noch lange. Gegen die Belastungsstörung können Simulationen und Medikamente helfen. von Werner Siefer

Sie erinnert sich, dass sie als Kind öfter auf dem Schoß von Fritze Bär saß. Der Bergarbeiter aus Lengede verfiel dann ins Plaudern. Er erzählte immer wieder die gleiche Geschichte. Wie er überlebt hatte, was später als »Wunder von Lengede« Teil des bundesdeutschen Gedächtnisses wurde.

Bei dem mehrfach verfilmten Grubenunglück im Schacht Mathilde, einer Eisenerzgrube im niedersächsischen Lengede, wurden im Jahr 1963 nach einem oberirdischen Dammbruch 43 Bergleute von Wasser- und Schlammmassen eingeschlossen. Elf Kumpel konnten nach einer tagelangen, dramatischen Rettungsaktion befreit werden.

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Fritze Bär, den alle nur so nannten, war mit seinen Erinnerungen nicht im Reinen. So regelmäßig er ins Reden verfiel, so regelmäßig hielt er inne und begann zu weinen. Immer an der gleichen Stelle. Das verwunderte bereits seine kleine Zuhörerin, die auf seinem Schoß saß. »Ich habe nicht verstanden, warum er seine Geschichte nie zu Ende erzählte«, sagt Tanja Michael, 41, die in Lengede aufwuchs und heute Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität des Saarlandes ist. »Jetzt verstehe ich das.«

Kumpel Bär gehörte zu den Überlebenden des Grubenunglücks. Doch hatte er miterleben müssen, wie sein bester Freund seiner rettenden Hand entglitt und in die Tiefe gespült wurde. Einen Namen für seine Erkrankung gab es in den sechziger Jahren noch nicht. Heute erkennt Tanja Michael das, was den Bergmann sein Leben lang plagte, unschwer als Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS.

Posttraumatische Belastungsstörung

Als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) werden die vielfältigen psychischen Probleme bezeichnet, die Menschen nach Katastrophen heimsuchen können. Wird jemand Opfer eines Angriffs, Zeuge eines großen Unglücks, erleidet er einen schweren Unfall oder einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt – dann schafft das Gehirn es anschließend oft nicht, das Erlebte zu verarbeiten.

Was im internationalen Katalog ICD 10 unter dem nüchternen Code F 43.1 verzeichnet ist, stellt nicht selten das Leben der Betroffenen auf den Kopf. Ein halbes Jahr nach dem Ereignis werden sie von Albträumen heimgesucht und haben Schlafstörungen, ihre Stimmung schwankt, und die Konzentration lässt nach. Sie ziehen sich in die Isolation zurück.

Behandlung

Im Laufe ihres Lebens erleiden in Deutschland 1,5 bis 2 Prozent aller Menschen eine PTBS. Und viele von ihnen wissen nichts von dem Zusammenhang ihrer vielfältigen Symptome mit dem vorausgegangenen Unglück. Auch viele Hausärzte sind überfordert, entsprechend häufig unterbleibt eine Therapie.

Unbehandelt aber führt PTBS oft zu einer Andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung. Im Katalog der Krankheiten ist diese beschrieben als »feindliche oder misstrauische Haltung gegenüber der Welt, sozialer Rückzug, ein Gefühl der Leere oder Hoffnungslosigkeit, ein chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein und Entfremdungsgefühl«. Dann hilft oft nur noch eine längere Behandlung unter anderem mit Psychotherapie und Bewegung in einer Klinik für psychosomatische Erkrankungen.

Wer PTBS hört, denkt zumeist an katastrophale Ereignisse. Die Terroranschläge in New York 2001. Die Tsunami in Südasien an den Weihnachtstagen 2004 sowie im März 2011 in Japan. Oder Kriege wie in Afghanistan oder im Irak. Doch selbst im so friedlich erscheinenden Europa, das belegen Studien, ist jeder Zweite mindestens einmal im Leben einem Ereignis ausgesetzt, das Monate oder gar Jahre danach eine chronische PTBS auslösen kann. In den USA liegt die Rate sogar bei über 80 Prozent.

Häufig ist die Ursache ein Verkehrsunfall oder ein medizinischer Notfall, etwa ein Herzinfarkt. Auch Missbrauch im Kindesalter, Vergewaltigung oder andere Gewaltverbrechen, etwa Folter in Gewahrsam der Stasi, können Menschen so traumatisieren, dass sie die Erinnerung an die schrecklichen Ereignisse nicht mehr loslässt. Von Berufs wegen tragen Rettungssanitäter, Notärzte, Polizisten oder auch Feuerwehrleute ein erhöhtes Risiko.

»Traumatische Erlebnisse sind leider ein normaler Teil unseres Lebens«, erklärt Gustav Schelling, Notfallmediziner am Münchner Klinikum Großhadern. Andererseits, so beanstandet er zusammen mit einer Gruppe europäischer Forscher in einer Art Manifest, werde das Thema sträflich vernachlässigt – in der Öffentlichkeit wie in der Forschung. Während Milliarden von Fördermitteln investiert würden, um Menschen vor Altersdemenzen wie Alzheimer und dem damit einhergehenden Vergessen zu bewahren, finde das überschießende Gedächtnis zu wenig Aufmerksamkeit. »Die Neurobiologie von abnormal starken und extrem widerwärtigen Erinnerungen, ihre biologischen, psychologischen und sozialen Konsequenzen, wurde nie in einem großen Forschungsverbund untersucht«, schreiben Schelling und Kollegen. Die Forscher verleihen dem Leiden einen eigenen Namen: Traumatische Hypermnesie oder Über-Erinnerung an schreckliche Ereignisse.

Leserkommentare
    • Cesna M
    • 03. November 2012 23:04 Uhr

    Es könnte sein, dass diese Art Gedächtnisspeicherung sinnvoll ist zumindest im Tierreich: Die Maus muss beim ersten Anblick dieses grossen Viechs mit dem Fell, den grossen Augen und den riesigen Tatzen realisieren, dass es lebensgefährlich ist. Dieser Lernprozess muss beim ersten Durchgang sitzen, da es sonst oft keinen zweiten Durchgang mehr gäbe.
    Eine spezielle Art der Traumatisierung lässt sich wohl am ehesten als "Psychosauna" beschreiben: Das ständige Hoffen und wieder Verzweifeln bei einem chronisch kranken Kind, das an einer lebensgefährlichen bis letalen Krankheit leidet, wenn der nächste Krankheitsschub durchgeht. Die sorgenvollen Gesichter der Ärzte, die dann wieder hoffnungsfroh werden, wenn sich ein Laborwert wieder bessert, bis der nächste Absturz kommt...
    Die gleiche Situation in der Intensivstation, wo der Patient, als einziger Laie und Hauptdarsteller in der Szene dem Wechselbad der Hoffnung und des nächtlichen Verzweifelns ausgeliefert ist. Dazu kommt eine Art Folter mit Aufwachen beim fälligen medizinischen Check, und das durchaus mehrmals in der Nacht. Die EMRK würde diese Art Schlafentzug durchaus als eine Art Folter ansehen.
    Und danach? Es gibt ein Recht auf Vergessen, Verdrängen, wenn es denn möglich ist. Wenn nicht, hilft es oft, einen Gegenüber, eine Leidensgruppe zu finden, die Ähnliches durchgemacht hat. So ist man mit dem Erlebten wenigstens nicht mehr ganz so einsam. Otto Normalverbraucher kann da oft leider nicht mitreden, da nicht selbst erlebt.

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    • TSHR
    • 04. November 2012 2:02 Uhr

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    • TSHR
    • 04. November 2012 2:02 Uhr
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    Mit den Bachblüten habe ich bei PTBS in beiden Richtungen, also als Leidende und als Heilerin, die allerbesten Erfahrungen gemacht. Letzeres mehrfach bei Hunden, die ich aus schlechter Haltung übernahm. Man konnte jeweils an ihnen beobachten, wie sich nach Einnahme der entsprechend richtig ausgewählten Blütenessenzen die Traumatisierung in Form von Schluchzen auslösenden Träumen löste. Die positive Beeinflussung konnte ich selbst schon spüren, wenn ein Tropfen des richtigen Mittels nur meine Lippe berührte. Die einzige Schwierigkeit dabei ist, das genau passende Mittel zu bestimmen. Eine sensitive Person kann das problemlos mit dem Pendel herausfinden. Für andere gibt es Bücher, in denen jedes einzelne Mittel genau beschrieben wird.

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    Der Glaube des Menschen mag manchmal Wunder vollbringen - der Aberglaube ist jedoch die kleine Schwester der Dummheit. Traumatisierte greifen vielleicht in Hilflosigkeit auch zu abstrusen Strohhalmen. Allerdings sollte man Scharlatanen EINHALT gebieten, hier einen Markt begründen zu wollen.

    Gäbe es tatsächlich verifizierbare Heilungsquoten, würde es differenzierte Studien dazu geben. Ich kenne die wesentlichen Forschungsarbeiten dazu. Es gibt keinen Beleg für, über den Einzelfall hinausgehende, Heilungsmöglichkeiten.

    Quacksalber mögen doch bitte über weniger wichtige Dinge orakeln. Und Ihnen persönlich empfehle ich mehr Mut zur Zurückhaltung.

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  5. Aus eigener Erfahrung weiss ich, ein Trauma zu bewältigen, dauert lange und erfordert Geduld und Stärke, die man oft erst auf dem Weg der Heilung entwickeln muss. Dennoch sind wir evolutionär dafür ausgetattet, mit einem Trauma zu überleben und mit der Zeit auch damit leben zu lernen.

    Mir stellt sich die Frage, wie Cortisolgaben dabei tatsächlich helfen sollten? Eine unkontrollierte Stressreaktion auf ein Trauma hat sowieso einen erhöhten Cortisolspiegel im Blut zur Folge, der mitunter wenn er länger anhält, schwere psychische Entgleisungen zur Folge haben kann, weil er Bahnungen im Gehirn destabilisiert.

    Ich erinnere mich an ein Interview mit einem Überlebenden der Roten Khmer in der "Zeit" vor einigen Jahren: http://www.zeit.de/2010/3... Dessen Sicht auf Trauma und den Umgang mit Leiden hat mich sehr geprägt und mir auch geholfen, trotzdem mit dem oft nicht zu fliehenden Schrecken weiterzuleben, den das Handeln anderer Menschen im eigenen Leben hinterlässt, wenn sie einem Gewalt antun oder man kollektiv Gewalt erfährt in Familie und Gesellschaft.

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    • Jabessa
    • 06. November 2012 12:30 Uhr

    ... ich habe es so verstanden, dass die Erinnerungen wieder und wieder durchgesprochen werden, während die negativen Gefühle durch ein Medikament unterdrückt werden. Normalerweise ist es ja so, dass man die negativen Gefühle durch die ständige Erinnerung wach hält. Durch die (unvermeidbare) Wiederholung verfestigt man sie, die Nervenverbindung (oder was das auch immer ist) wird dadurch aufrecht erhalten. Wie eine Brücke, die ohne Renovierung einbrechen würde, sich aber erhält, weil man ständig daran arbeitet. Bei diesem sehr neuen und noch nicht genau erforschten Ansatz geht es darum, die Gefühle von der Erinnerung zu trennen. Da die Gefühle aufgrund der Erinnerung nicht mehr aktiviert werden, wird das Gehirn dann deshalb nicht mehr in Alarmbereitschaft versetzt, wenn wieder etwas angeblich alarmierendes geschieht.

    Sicherlich lassen sich Traumata auch durch eine "konventionelle" Therapie bewältigen, und es ist auch nicht gesagt, dass das immer falsch ist. Aber es gibt sicherlich so schwere Traumata, die sich nicht einfach so durch eine Therapie behandeln lassen, bzw. könnte man sich dadurch auch viel Zeit sparen. Und, ein paar Monate oder Jahre Lebenszeit mehr ohne Angst, lohnt sich meiner Ansicht nach. Des Weiteren wird ja auch davon gesprochen, Traumata vorzubeugen.

    Aber, am Ende muss jeder seinen eigenen Weg finden, ich denke, dass sich die Behandlungsmethoden von Mensch zu Mensch und von Therapie zu Therapie unterscheiden sollten.

  6. 8. EMDR.

    Abseits medikamentöser Behandlungen gibt es auch psychotherapeutische Anti-Trauma-Methoden. EMDR ist eine davon, eine erste Information http://www.emdr-institut.... Leider gibt es in Deutschland auch nach dem Runden Tisch Sexualisierte Gewalt bei weitem nicht genug qualifizierte Therapeuten, es ist mit langen Wartezeiten zu rechnen. Mir hat diese Technik sehr geholfen.

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  • Schlagworte Trauma | Therapie | Psychologie | Medikament | Gedächtnis | Psychiatrie
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