Es ist das teuerste Gesundheitssystem der Welt. Das US-Gesundheitssystem verschlingt 2,83 Billionen Dollar jährlich – 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Tendenz: enorm steigend. Trotzdem landen die USA in internationalen Qualitätsvergleichen regelmäßig auf den hinteren Plätzen. Die Säuglingssterblichkeit gilt zum Beispiel als Indikator für eine funktionierende Gesundheitsversorgung. Hier stehen die USA in einem Vergleich mit 34 anderen Industrienationen auf Platz 31, knapp vor Chile, Mexiko und der Türkei (Deutschland liegt auf Platz 13).

Weitere Belege für die Misere: Mehr als 48 Millionen Amerikaner haben keine Krankenversicherung, und die Rezession hat diese Zahl noch einmal anschwellen lassen. 45.000 Menschen sterben jedes Jahr, weil sie keine Absicherung haben, schätzt eine Studie der Universität Harvard. Hunderttausende melden privaten Konkurs an, weil sie die Behandlungskosten vor allem bei Krebs, Nierenversagen und Herzleiden nicht mehr bezahlen können.

Diese Missstände anzugehen war eines der Versprechen von Barack Obama im Jahr 2008. »Change we can believe in« lautete sein Slogan, und die Verbesserung des Gesundheitswesens war ein wichtiger Teil seines Reformversprechens. Und er hielt Wort.

Inzwischen ist jedoch ausgerechnet Obamacare mit zum größten Hindernis für Obamas Wiederwahl geworden. Selbst bei Parteigängern der Demokraten macht der republikanische Herausforderer Mitt Romney durch Obamacare Boden gut. Wie kann das sein?

Zum Teil liegt es an der Reform selbst. Obama führte eine Versicherungspflicht ein. Wer sich die Prämien nicht leisten kann, erhält einen Zuschuss. Wer trotzdem keine Police erwirbt, zahlt Strafe. Ziel ist es, die Zahl der Unversicherten deutlich zu senken. Das Kalkül dahinter: Weil sich die Kosten auf mehr Versicherte verteilen, sinken die anteiligen Kosten – der Ausbau des Versicherungsschutzes finanziert sich quasi selbst. Außerdem verspricht Obama Einsparungen an den richtigen Stellen, also da, wo es den Patienten nicht schadet. Aber nicht nur Republikaner haben Zweifel daran, dass Obamacare tatsächlich mehr und bessere Leistungen bieten und zugleich als Kostenbremse wirken kann. Viele Selbstständige und Kleinunternehmer sehen höhere Belastungen auf sich zukommen – in einer Zeit wirtschaftlicher Unsicherheit. Zu den lautstärksten Gegnern der Reform gehören ältere Arbeitnehmer und Rentner. Sie haben jahrzehntelang Pflichtbeiträge in die staatliche Gesundheitskasse Medicare gezahlt. Jetzt fürchten sie, dass ihre Leistungen gekürzt werden, um die Neuversicherten zu finanzieren. Mitt Romney wirft dem Präsidenten vor, er plündere Medicare zugunsten von Obamacare.

Dass es bei einer Reform dieser Größenordnung Opposition gibt und viele lieber den Status quo beibehalten möchten, ist wenig überraschend. Doch es gibt eine grundlegendere Ablehnung. Um sie zu verstehen, muss man in die Wochen nach dem Amtsantritt von Obama zurückgehen. Die Wirtschaft war nach der Pleite der Investmentbank Lehman in freiem Fall. Allein in den ersten drei Monaten 2009 strichen US-Unternehmen rund zwei Millionen Stellen. Während die normalen Bürger um ihre Existenz rangen, pumpte Obamas Regierung enorme Staatsmittel in die Finanzindustrie. Um die kleinen Leute, so schien es vielen, kümmerte sich der Präsident kaum.