An seinem ersten Arbeitstag in der Ambulanz einer größeren Klinik wartet auf den jungen Assistenzarzt Heiko Weber eine Überraschung. Der Oberarzt, der ihn freundlich begrüßt hat, wird zu einem Notfall gerufen, und Weber muss spontan die Sprechstunde übernehmen, den Sprung ins kalte Wasser wagen. Eigentlich nichts Besonderes, sondern ganz normaler Arbeitsalltag in einem deutschen Krankenhaus – für einen Berufsanfänger eine enorme Herausforderung. In diesem Fall ist die Situation aber nur konstruiert; die Patienten, die sich vorstellen, sind Schauspieler, den Oberarzt kennt Heiko Weber, ein fiktiver Medizinstudent, aus der Vorlesung an der Uni-Klinik. Es handelt sich um eine Prüfung, an deren Ende der Oberarzt beurteilen soll, ob er den jungen Kollegen guten Gewissens auf seine Patienten loslassen kann.

Ausgedacht hat sich die neuartige Prüfungssituation mit dem Titel »Bereit für die klinische Praxis?« ein deutsch-niederländisches Team, das geleitet wird von Sigrid Harendza, Professorin für innere Medizin und Ausbildungsforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, und Olle ten Cate vom Medizinischen Zentrum der Universität Utrecht. Sie wollen, dass Studenten besser auf den Alltag vorbereitet werden.

So wie Harendza seit Jahren beharrlich versucht, neue Wege in der Medizinerausbildung zu gehen, experimentieren auch andere Kollegen in den Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften damit, die Lehre zu verbessern. »Man muss einfach Spaß daran haben, mit jungen Leuten zu arbeiten«, sagt sie. Noch vor einigen Jahren stieß die Medizinerin mit ihrer Begeisterung für die Lehre bei vielen Kolleginnen und Kollegen auf Befremden: Ob sie nicht wisse, dass sie sich damit möglicherweise ihre Karriere als Forscherin verbaue?

Uninspirierte Lehre soll endlich der Vergangenheit angehören

Mittlerweile aber rückt die Lehre in immer mehr Fächern und Universitäten in den Vordergrund. Der in Ehren ergraute Ordinarius, der seit Jahrzehnten vor gelangweilten Studenten aus derselben abgegriffenen Kladde liest – dieses Bild uninspirierter, die Bedürfnisse der Studenten missachtender Lehre sollte endgültig der Vergangenheit angehören, darin ist man sich an den Hochschulen inzwischen einig.

Bis vor Kurzem experimentierten die Anhänger dieser Graswurzelbewegung aus enthusiastischen, von ihrem pädagogischen Auftrag beseelten Hochschullehrern, -didaktikern und -managern noch weitgehend isoliert voneinander vor sich hin. Austausch gab es allenfalls auf Eigeninitiative; eine institutionelle Vernetzung fehlte. Dieses Problem ist eine Gruppe von Stiftungen nun angegangen.

Gemeinsam haben sie das Projekt »Lehren – Bündnis für Hochschullehre« aus der Taufe gehoben. Beteiligt sind die Alfred Toepfer Stiftung (ATS), der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft , die Nordmetallstiftung und die Joachim Herz Stiftung . Das Projekt ist nach einer zweijährigen Pilotphase in diesem Jahr an den Start gegangen und soll bis 2017 laufen. An den fünf Programmen, für die in den ersten beiden Jahren zunächst 700.000 Euro zur Verfügung stehen, können jährlich bis zu 70 Personen teilnehmen. Sie treffen sich in außeruniversitären Tagungszentren zu Veranstaltungen, in Sommerakademien sowie einer »Community of practice«, die sich digital und bei Präsenzveranstaltungen an alle Mitglieder des Netzwerkes richtet. Das Ziel: eine Plattform zu etablieren für den systematischen Austausch von Studienreformprojekten und innovativen Lehrangeboten, über die Grenzen von Universitäten, Fächern und Ländern hinweg. Eine solche Möglichkeit fehlt bisher in Deutschland.

» Schweißgebadet war ich «

Zwar sei die Aufmerksamkeit für die Lehre in den vergangenen Jahren gestiegen, sagt Antje Mansbrügge, Mitarbeiterin der ATS und Leiterin von »Lehren«. »Doch der gegenseitige Erfahrungsaustausch findet nach wie vor nur zufällig statt.«

Im Schatten der auf Spitzenforschung ausgerichteten Exzellenzinitiativen spiele die Lehre nach wie vor eine untergeordnete Rolle, sagt auch Wilfried Müller, ehemaliger Rektor der Universität Bremen und im Fachbeirat von »Lehren«. »Dass aus guter Forschung automatisch gute Lehre resultiert, ist nicht mehr als eine Annahme«, sagt Müller. Grund für die Dauermisere seien nicht nur die sich immer weiter verschlechternden Betreuungsrelationen, sondern es sei auch die mangelnde Aufmerksamkeit für Fragen der empirischen Lehr- und Lernforschung. »Was wir vor allem brauchen, ist eine Forschung über uns selbst. Da tappen wir noch völlig im Dunkeln.«

Müller, von Haus aus Chemiker und promovierter Erziehungs- und Sozialwissenschaftler, hat zwar schon längere Zeit nicht mehr an der Tafel im Audimax gestanden, doch auch er hat die Erfahrung gemacht, wie es ist, ohne ausreichendes pädagogisches Handwerkszeug vor 300 erwartungsvollen Studenten zu stehen: »Schweißgebadet war ich.« Als über das Projekt »Lehren« nachgedacht wurde, klinkte sich Müller früh mit ein.