Förster Peter WohllebenDer Rebell im Walde

Er macht fast alles anders als andere Förster. Das nützt der Umwelt und bringt mehr Gewinn. von Pierre-Christian Fink

Ein Waldweg in der Eifel, im Norden von Rheinland-Pfalz. »Schließen Sie mal die Augen«, sagt Peter Wohlleben. »Wo hören Sie die Vögel singen?« Links, eindeutig. Links des Weges wachsen Buchen. Moos breitet sich über den Boden aus. Das ist der Wald von Peter Wohlleben. Rechts des Weges stehen Fichten in Reihen. Ihre Nadeln liegen fünf Zentimeter dick auf dem Boden; sie lassen ihn versauern. Das ist der Wald des Nachbarförsters.

»Das Revier von Peter Wohlleben ist ein guter Wald«, sagt Horst Meister vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Wie viele Naturschützer träumt er von einem Wald, wie er ohne menschlichen Eingriff wäre. Dann würden in Deutschland überwiegend Laubbäume wachsen. Stattdessen stehen überall viele Nadelbäume, meist sind es Fichten. »Die kommen aus Skandinavien«, sagt Meister. »Bei uns ist es ihnen zu warm und zu trocken.« Deshalb sind sie anfällig für Krankheiten, bei Stürmen knicken sie schnell um. Und nicht alle deutschen Vögel können in ihnen nisten.

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Aber Fichten wachsen schneller als Buchen – ihr Holz lässt sich Jahrzehnte früher zu Geld machen. Fichten versprechen höhere Gewinne.

Es sind die Bundesländer, denen rund 30 Prozent des deutschen Waldes gehören. Auch auf die restlichen Flächen haben sie oft Einfluss – etwa weil kleinere Besitzer ihre Waldstücke von den Landesförstern bewirtschaften lassen. Zwar preisen die Forstpolitiker eine naturnahe Waldwirtschaft. Doch viele Länder haben ihre Forstämter in Unternehmen umgewandelt. Die stehen nun stärker als die früheren Behörden unter Druck, Geld zu verdienen.

Seit er kein Beamter mehr ist, nimmt er nur noch auf den Wald Rücksicht

Aber das gelingt kaum. Die Landesforsten Rheinland-Pfalz haben zuletzt 5,5 Millionen Euro Verlust geschrieben. »Viele Förster sehen nur einen Ausweg«, sagt Wohlleben. »Sie pflanzen noch mehr Fichten.« Es sieht aus, als müssten sich die Förster zwischen der Natur und dem Geld entscheiden – und als würde am Ende das Geld siegen.

Peter Wohlleben pflanzt Buchen. Doch er hat im vergangenen Jahr rund 300.000 Euro Gewinn erzielt. Sein kleiner Wald stellt eine große Frage: Kann man die Natur besser schützen und gleichzeitig mehr Geld verdienen?

Wohlleben wuchs in Sinzig auf, einer Kleinstadt am Mittelrhein. Zu Hause züchtet er Frösche, Schildkröten und Salamander. Auf dem Gymnasium liest er den Bericht des Club of Rome über Die Grenzen des Wachstums. Nach dem Abitur will er etwas für die Natur tun. Er studiert Forstwissenschaft. Viele seiner Professoren in Rottenburg lehren, was sie selbst als Studenten gelernt haben. »Ich bin an der Hochschule stromlinienförmig auf Plantagenwirtschaft getrimmt worden«, sagt Wohlleben. »Damals dachte ich: Das muss alles so sein, das sind ja Fachleute.«

Nach dem Diplom tritt er eine Beamtenstelle im Landesforst von Rheinland-Pfalz an. Fünf Jahre Schreibtischarbeit, dann erhält er sein erstes Revier: Hümmel in der Eifel. Die 750 Hektar Wald lässt die Gemeinde vom Landesforst betreiben.

Im Oktober 1991 zieht Wohlleben mit seiner Frau und der sechs Wochen alten Tochter in das Forsthaus von Hümmel, einen zweistöckigen Spitzgiebelbau aus den 1930er Jahren. Im Garten pflanzen die Wohllebens Langhalmroggen, mit dem sie ihr Brot backen. Sie essen die Eier ihrer eigenen Hühner und trinken die Milch ihrer Ziegen.

Im Wald arbeitet Wohlleben, wie er es an der Hochschule gelernt hat. Er fällt alte Buchen. Aber die Bäume tun ihm leid. Er spritzt gegen Käfer. Aber erst, als ihn sein Vorgesetzter dazu zwingt. Er erntet mit einem Harvester. Aber er fürchtet, dass die tonnenschwere Maschine den Waldboden zerstört.

Immer öfter fragt sich Wohlleben: Schütze ich die Natur – oder schade ich ihr?

Er sucht nach einem anderen Modell, fährt in die Schweiz, nach Couvet im Jura, wo 1890 der Förster Henri Biolley einen Plenterwald eingerichtet hat. Darin wachsen heimische Bäume allen Alters – manche sind über hundert Jahre, manche erst einige Monate alt. Näher kann ein Förster einem natürlichen Wald kaum kommen.

Leserkommentare
  1. Was der gute Mann hier als revolutionär verkauft nennt sich "Entrümpelung", nicht "Plenterwald" und wurde in den 70ern und 80ern vom ANW (Arbeitskreis Naturnaher Waldbau) nach Deutschland getragen und propagiert. Der ANW ist über die Landesverbände organsiert und in den verschiedenen Ländern in unterschiedlicher Stärke in den Landesverbänden vertreten.
    Z.B. hier:
    http://www.anw-bayern.de/
    http://www.anw-rlp.de/

    Soweit ich weiß vertreten sie ofiziell seit Mitte 90ern auch nicht mehr die Entrümpelung, manch einem bleibt das natürlich im Blut. Neuere Waldbaukonzepte sehen meist ähnlich wie die hier abschätzig behandelten Zukunftsbaumsysteme aus. Eine gute Erklärungen und Begründungen finden unter anderem sich auf der Seite der BaySF , z.B. die Buchengrundsätze

    http://www.baysf.de/de/home/erlebnis_wald/waldwissen/waldbau.html

    Was einen Plenterwald auszeichnet kann man gut auf Wikipedia nachlesen.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Plenterwald

    So wird eine geisse Waldstruktur bezeichnet die nach mehreren ahrzehnter plenterartiger Bewirtschaftung entsteht. Wie der gute Mann das in vielleicht 10 Jahren erreicht haben will, bleibt offen. Vielleicht hat er es ja als Ziel ausgegeben, was der Reporter nicht so ganz mitgeschnitten hatte.

    Soweit erstmal zum Grundlegenden. Ökonomisch halte ich seine Aussagen für Märchen.

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