DIE ZEIT: Sie sagen, Wissenschaft verhält sich zu Humor wie Dick zu Doof. Wie meinen Sie das?

Michael Suda: Dick und Doof sind eine Variante des Urformats vom Weißclown und dem dummen August aus dem Zirkus. Der Weißclown ist als Herrscher des Wissens unantastbar, immer klar in den Aussagen, aber letztlich als Figur sehr langweilig. Sein Gegenpart, der dumme August, geht gefühlsmäßig mit der Situation um. Aus dem Wechselspiel dieser beiden entsteht der Humor.

ZEIT: Im Zirkus oder im Film sicherlich – aber in der Vorlesung?

Suda: Auch da kann ich diese beiden Figuren aufbauen: Auf der einen Seite argumentiere ich klar als Wissenschaftler, auf der anderen Seite gebe ich ab und zu dem August die Chance, dieses Konzept zu hinterfragen, mit diesen typischen Fragen nach dem Warum und Wieso. Der Wechsel der Position macht den Vortrag humorvoll und gleichzeitig kritisch gegenüber der Wissenschaft.

ZEIT: Wie läuft eine solche humorgeladene Vorlesung bei Ihnen ab?

Suda: Ich setze Humor teils spontan ein, teils gut geplant. Die Eröffnung zu einem bestimmten Thema bereite ich entsprechend vor. Beim Klimawandel etwa verstecke ich einen Plüscheisbären hinter einer blauen Papierscholle. Während ich etwas über Eisbären und Klimawandel erzähle, lasse ich ihn plötzlich auftauchen und sage: »Hier ist das Zentralsymbol des Klimawandels...« Dann zeige ich eine PowerPoint-Präsentation darüber, wie der Eisbär für Kampagnen und Spendenaufrufe verwendet wird. Ich gehe auf die gesellschaftlichen Vorstellungen ein und auf die Tatsache, dass der Eisbär momentan gar nicht gefährdet ist. Damit bin ich beim Thema der Vorlesung angekommen: die Rolle von Symbolen in der Politik. Es funktioniert sehr gut, an vorhandene Urteile oder Fehlurteile anzuknüpfen und paradoxe Situationen hervorzurufen. Es gibt eine ganze Reihe von Humortechniken, die man gezielt anwenden kann.

ZEIT: Zum Beispiel?

Suda: Die Summ-Abstimmung beispielsweise. Statt per Handzeichen bitte ich meine Studenten, durch Summen abzustimmen. Je lauter der Ton, desto höher ist die Zustimmung zu einer Frage. Das hat für den einzelnen Studenten den großen Vorteil, dass er sich nicht outen muss. Außerdem ist ein akustisches Meinungsbild ungewöhnlich, darum erfährt es mehr Aufmerksamkeit.

"Wissenschaftler sind insgesamt zu ernst"

ZEIT: Ein anderes Ihrer typischen Stilmittel ist der vorgetäuschte Handyanruf – wie funktioniert der?

Suda: Wenn ich erzählen will, was in der Vorlesung vorkommt, tue ich so, als ob ein Student aus der U-Bahn bei mir anruft und erzähle ihm, was er heute verpasst.

ZEIT: Allein dass Sie in ein Handy sprechen, erhöht schon die Aufmerksamkeit?

Suda: Es ist gar kein Handy. Meistens nehme ich die Fernsteuerung des Beamers. Das funktioniert. Was man anwendet, muss aber zum Stoff passen. Es geht nicht um Klamauk, sondern in erster Linie darum, Aufmerksamkeit zu wecken, zu halten oder wiederzugewinnen.

ZEIT: Haben Sie sich diese Art der Wissensvermittlung selber beigebracht?

Suda: Ich habe in der Schweiz, bei Emil Herzog, eine Ausbildung zum Manager of Business-Entertainment gemacht.

ZEIT: Wie ist die Reaktion der Kollegen? Sieht Sie mancher als Klassenkasper?

Suda: Es gibt sicherlich das ein oder andere Kopfschütteln. Manche Kollegen sind neugierig, den anderen sind ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen wichtig, und wieder andere machen humorlose, aber trotzdem sehr gute Vorlesungen. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich gebe aber auch zusammen mit meiner ehemaligen Kollegin Renate Mayer Kurse über »Humor in der Wissensvermittlung«. Das Potenzial der Kollegen ist gewaltig, da haben wir schon viele wunderbare »Auftritte« erlebt.

ZEIT: Besteht eine reelle Chance, dass sich Humor in der Wissenschaft auf breiterer Front durchsetzt?

Suda: Der kleine Überlappungsbereich hat durchaus das Potenzial, etwas größer zu werden. Aber gänzlich werden sich Wissenschaft und Humor niemals überlappen. Dazu sind die Wissenschaftler insgesamt zu ernst. Humor erfordert auch, von sich selber Abstand zu nehmen, sich selber nicht so ernst zu nehmen.

ZEIT: Gibt es ein typisches Element, mit dem Sie die Vorlesung beenden?

Suda: Ja, die »Schlagzeile«. Ich teile die Studenten in Vierergruppen ein und sage: »Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer Redaktion und sollen über die heutige Stunde eine Schlagzeile entwickeln. Sie haben 60 Sekunden Zeit.« Dann frage ich die einzelnen Gruppen ab: Welche Zeitung, welche Schlagzeile? Schließlich sage ich: »Der Chefredakteur hat jetzt jede Menge gute Vorschläge, vielen Dank, kommen Sie gut nach Hause.«