HochschuldidaktikHumor im Hörsaal

"Das Potenzial der Kollegen ist gewaltig", sagt Politikprofessor Michael Suda. von Thomas Röbke

DIE ZEIT: Sie sagen, Wissenschaft verhält sich zu Humor wie Dick zu Doof. Wie meinen Sie das?

Michael Suda: Dick und Doof sind eine Variante des Urformats vom Weißclown und dem dummen August aus dem Zirkus. Der Weißclown ist als Herrscher des Wissens unantastbar, immer klar in den Aussagen, aber letztlich als Figur sehr langweilig. Sein Gegenpart, der dumme August, geht gefühlsmäßig mit der Situation um. Aus dem Wechselspiel dieser beiden entsteht der Humor.

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ZEIT: Im Zirkus oder im Film sicherlich – aber in der Vorlesung?

Suda: Auch da kann ich diese beiden Figuren aufbauen: Auf der einen Seite argumentiere ich klar als Wissenschaftler, auf der anderen Seite gebe ich ab und zu dem August die Chance, dieses Konzept zu hinterfragen, mit diesen typischen Fragen nach dem Warum und Wieso. Der Wechsel der Position macht den Vortrag humorvoll und gleichzeitig kritisch gegenüber der Wissenschaft.

ZEIT: Wie läuft eine solche humorgeladene Vorlesung bei Ihnen ab?

Suda: Ich setze Humor teils spontan ein, teils gut geplant. Die Eröffnung zu einem bestimmten Thema bereite ich entsprechend vor. Beim Klimawandel etwa verstecke ich einen Plüscheisbären hinter einer blauen Papierscholle. Während ich etwas über Eisbären und Klimawandel erzähle, lasse ich ihn plötzlich auftauchen und sage: »Hier ist das Zentralsymbol des Klimawandels...« Dann zeige ich eine PowerPoint-Präsentation darüber, wie der Eisbär für Kampagnen und Spendenaufrufe verwendet wird. Ich gehe auf die gesellschaftlichen Vorstellungen ein und auf die Tatsache, dass der Eisbär momentan gar nicht gefährdet ist. Damit bin ich beim Thema der Vorlesung angekommen: die Rolle von Symbolen in der Politik. Es funktioniert sehr gut, an vorhandene Urteile oder Fehlurteile anzuknüpfen und paradoxe Situationen hervorzurufen. Es gibt eine ganze Reihe von Humortechniken, die man gezielt anwenden kann.

ZEIT: Zum Beispiel?

Suda: Die Summ-Abstimmung beispielsweise. Statt per Handzeichen bitte ich meine Studenten, durch Summen abzustimmen. Je lauter der Ton, desto höher ist die Zustimmung zu einer Frage. Das hat für den einzelnen Studenten den großen Vorteil, dass er sich nicht outen muss. Außerdem ist ein akustisches Meinungsbild ungewöhnlich, darum erfährt es mehr Aufmerksamkeit.

Leserkommentare
  1. nur weil Fakten per se eher trocken sind heißt das ja nicht, dass man das Ganze nicht einfach verbessern kann. Der Zweck dessen muss ja nicht nur sein, die als Bologna-opfer verschriene Generation zu motivieren sondern verbessert an weiteren Stellen die Lehre: Einmal macht eine Vorlesung so dem Dozenten auch mehr Spaß (wie schon von einem anderen Kommentator erwähnt würde Humor eh nur bei Leuten passen, zu denen es passt), es macht den Studierenden mehr Spaß, und es gibt mehr kognitive Marker, an denen man das Wissen festmachen kann und auf diesem Wege bleibt vom Frontalunterricht etwas mehr als die ansonsten magere Transferausbeute übrig.
    Es gibt schon zu viele Profs. die immer nur seit Jahren dieselben Texte runterlabern.

    Ich find's gut.

    • Dieterf
    • 03. November 2012 9:33 Uhr

    Wissenserwerb und Wissensvermittlung müssen spannend sein und vom Lehrenden spannend gemacht werden. Ganz wichtig ist es auch, dass der Lehrende seinen/ihren Enthusiasmus für die Sache erkennen lässt.

    Alberner Schnickschnack zur Auflockerung zeigt meines Erachtens nur, dass der/die Lehrende der modischen Vorstellung aufgesessen ist, dass Lernen "fun" sein muss. Zum Glück hatte ich nie Professoren, die der Meinung waren, man könnte sich als Student nur dann etwas gut merken, wenn man es besonders witzig vorgetragen bekommt.

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    "Fun" trifft es sehr gut, denn Spaß macht ein Studium aus sich selbst heraus, wenn man das für einen passende studiert.

  2. "Fun" trifft es sehr gut, denn Spaß macht ein Studium aus sich selbst heraus, wenn man das für einen passende studiert.

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    • Dieterf
    • 03. November 2012 18:05 Uhr

    Jetzt weiss ich nicht, ob Ihre Antwort auf meinen Kommentar als Kritik oder als Zustimmung gemeint ist. Wenn ich gegen "fun" argumentiert habe, dann habe ich eine Idee gemeint, die von manchen heutigen Pädagogen, einschliesslich einiger Hochschuldidaktiker, vertreten wird. Nämlich die Idee, dass alles Lernen vergnüglich und lustig sein muss und dass es falsch ist, von den Lernenden eine hohe Eigenleistung zu erwarten, d.h. eine Leistung, die Mühe macht und keineswegs immer viel Spass bereitet. Das Vergnügen kommt meines Erachtens eher hinterher, also dann, wenn man das gute Gefühl hat, eine Leistung erbracht zu haben - genau wie bei sportlicher Betätigung.

    • Dieterf
    • 03. November 2012 18:05 Uhr

    Jetzt weiss ich nicht, ob Ihre Antwort auf meinen Kommentar als Kritik oder als Zustimmung gemeint ist. Wenn ich gegen "fun" argumentiert habe, dann habe ich eine Idee gemeint, die von manchen heutigen Pädagogen, einschliesslich einiger Hochschuldidaktiker, vertreten wird. Nämlich die Idee, dass alles Lernen vergnüglich und lustig sein muss und dass es falsch ist, von den Lernenden eine hohe Eigenleistung zu erwarten, d.h. eine Leistung, die Mühe macht und keineswegs immer viel Spass bereitet. Das Vergnügen kommt meines Erachtens eher hinterher, also dann, wenn man das gute Gefühl hat, eine Leistung erbracht zu haben - genau wie bei sportlicher Betätigung.

    Antwort auf "Ein gutes Wort"
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    ich stimme Ihnen zu. Studenten werden durch so etwas wie Kinder behandelt, die ständig bespaßt werden müssen.
    Und dadurch, dass sie ständig "Fun" haben, brauchen sie das auch.

    Humor ist nichts schlechtes, aber ein Studium ist eine ernsthafte Sache. Das heißt nicht, dass es spaßfreie Zone ist.
    Es ist eben nur kein Zirkus und kein Spielplatz.

  3. ich stimme Ihnen zu. Studenten werden durch so etwas wie Kinder behandelt, die ständig bespaßt werden müssen.
    Und dadurch, dass sie ständig "Fun" haben, brauchen sie das auch.

    Humor ist nichts schlechtes, aber ein Studium ist eine ernsthafte Sache. Das heißt nicht, dass es spaßfreie Zone ist.
    Es ist eben nur kein Zirkus und kein Spielplatz.

    Antwort auf "Dafür oder dagegen?"
    • Dieterf
    • 04. November 2012 16:51 Uhr

    Nur noch eine kurze Bemerkung. Ich habe mir inzwischen mal ein paar Vorlesungen von Professor Michael J. Sandel aus Harvard im Internet angeschaut und angehört.

    Sandel ist ein international renommierter Professor für Politische Philosophie und kann vielleicht nicht mit weniger bekannten "Durchschnitts"-Professoren verglichen werden. Trotzdem: Seinen Vorlesungen zuzuhören ist (zumindest für mich) das reine Vergnügen, und zwar nicht deshalb, weil er sie mit allerlei Späßen aufpeppt, sondern weil man in fast jedem Satz die Begeisterung spürt, mit der er bei seiner Lehre und seiner Forschung bei der Sache ist. Dabei ist er keineswegs humorlos. Aber das ist nicht das, was ihm international volle Hörsäle beschert. Es ist seine überaus ansteckende Begeisterung für die Materie - natürlich gepaart mit seinem beeindruckenden Sachwissen.

    Ich kann übrigens auch jedem, der für die Abschaffung von Vorlesungen argumentiert, empfehlen, sich mal eine Vorlesung von ihm anzusehen bzw. hören.

  4. ist der Glaube, Wissenschaft müsse mit einer gewissen "Gravitas" und Seriosität vermittelt werden. Das zieht sich bis hinein in die Lehrbücher. Ein Vergleich mit amerikanischen Lehrbüchern macht schnell deutlich, wie lesbarer, ja fesselnder diese häufig geschrieben sind. Sicher gibt es auch bei uns Ausnahmen. Aber das sind eben solche - und häufig selbst Leute, die im Ausland festgestellt haben, dass es auch anders geht.

    Was soll es denn bitteschön bringen, den Studenten das pure Lernen von Sachverhalten abzuverlangen? Wenn ich denn die nächste Generation von Wissenschaftlern ausbilden will, dann muss ich in ihnen eben genau die Neugier anstacheln, genau den Willen, die Dinge zu hinterfragen, die im Artikel erwähnt sind. Ob ich das "clownistisch" oder anders mache ist letztlich egal - funktionieren muss es.

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    Was Literatur angeht, so ist das sehr stark Geschmackssache.

    Ich finde grade viele deutsche Lehrbücher besser, weil sie meiner Beobachtung nach eher in die Tiefe gehen.

    Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass amerikansiche Lehrbücher an vielen Stellen sich auf Ergebnisse beschränken und Herleitungen eher weniger zeigen.
    Das führt nicht zu einem Verständnis des Themas. Aber wie gesagt, Geschmackssache.

    Ich finde eher, dass eine Darstellung, die mir ein breites Fundament liefert, auf dessen Grundlage ich dann die Ergebnisse verstehe, "Wissenschaft" vermittelt, als pure Ergebnisse, die dann ja doch auswendig gelernt werden müssen, weil der Weg dahin nicht klar ist.

    Gravitas finde ich gut, unsere Welt könnte ein wenig mehr Würde gebrauchen. Heißt ja nicht, dass es kein Humor gibt, dass es keine netten Gespräche oder witzigen Momente gibt.

  5. Was Literatur angeht, so ist das sehr stark Geschmackssache.

    Ich finde grade viele deutsche Lehrbücher besser, weil sie meiner Beobachtung nach eher in die Tiefe gehen.

    Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass amerikansiche Lehrbücher an vielen Stellen sich auf Ergebnisse beschränken und Herleitungen eher weniger zeigen.
    Das führt nicht zu einem Verständnis des Themas. Aber wie gesagt, Geschmackssache.

    Ich finde eher, dass eine Darstellung, die mir ein breites Fundament liefert, auf dessen Grundlage ich dann die Ergebnisse verstehe, "Wissenschaft" vermittelt, als pure Ergebnisse, die dann ja doch auswendig gelernt werden müssen, weil der Weg dahin nicht klar ist.

    Gravitas finde ich gut, unsere Welt könnte ein wenig mehr Würde gebrauchen. Heißt ja nicht, dass es kein Humor gibt, dass es keine netten Gespräche oder witzigen Momente gibt.

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