Als Uwe Mahlkow auf die Idee kam, seine Mitarbeiter zu motivieren, mietete er einen Panzer. 13 Tonnen schwer, 300 PS. Der Panzer steht auf einem schlammigen Feld im Brandenburger Hinterland, zwischen Kuhweiden und Windrädern. Hier wird Mahlkow seine Angestellten gleich hinlotsen, sie wissen von nichts, er will sie überraschen.

Mahlkow, ein kurzer, kräftiger Mann mit festem Händedruck, arbeitet als Bäcker. Im vergangenen Jahr ist er erfolgreich gewesen, seine kleine Bäckereikette hat neue Firmenkunden gewonnen, und so soll es weitergehen. Deswegen der Panzer. »Ich will meine Mitarbeiter belohnen«, sagt Mahlkow, »und ich will das Truppengefühl stärken.«

Es ist ein kalter Samstagnachmittag im Herbst, und es regnet, als Mahlkow und seine Angestellten das Feld erreichen. Der Jüngste ist 21, die Älteste 70. Sie tuscheln miteinander und glucksen vor sich hin, als sie Panzer über das matschige Feld rollen sehen. Eine junge Frau mit pink lackierten Fingernägeln und feinen Lederstiefeln sagt: »Ich bin ein bisschen aufgeregt.«

Der Panzerbesitzer, ein Mann in Tarnjacke, empfängt seine Kunden und erklärt ihnen die Regeln: »Ihr könnt Beifahrer sein oder selbst fahren. Wer Fahrer ist, muss kurz, laut und deutlich sprechen. Nicht zimperlich sein.« Es sind Regeln, an die sich die Mitarbeiter auch im Arbeitsalltag erinnern sollen. Seit acht Jahren vermietet der Besitzer Panzer, acht Jahre, in denen immer mehr Firmen »Panzerfahren als Teambuilding« buchen. Die Kunden sind Versicherungen, IT-Firmen, Automobilhersteller; sie kommen aus allen Branchen. »Im Sommer waren hier sogar 100 indische Finanzmanager mit Turbanen auf dem Kopf.«

Die junge Frau mit den pinkfarbenen Fingernägeln klettert in die Fahrerkabine des BMP-Schützenpanzers. Ihre Kollegin, sie arbeitet erst seit zwei Monaten in der Bäckerei, stellt sich hinter sie in eine offene Luke, als Beifahrerin. Es knattert und röhrt, der Panzer bewegt sich im Zickzack über den Acker, wie auf einer Achterbahn. Schlamm spritzt in die Gesichter. Ob es Spaß macht? Die Neue sagt: »Mein Hintern tut weh!«

Auf den ersten Blick mutet das Röhren im Schlamm nur wie ein Mitarbeiterspaß auf Firmenkosten an. Es steckt aber mehr dahinter: In deutschen Unternehmen ist ein Wettlauf entbrannt, die eigenen Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzuspornen, sie zu motivieren, sie brennen zu lassen für ihren Job.

Erlebnis ist Ergebnis

Früher gab es eine Gehaltserhöhung, wenn Mitarbeiter angestachelt werden sollten; ab und zu ging man gemeinsam essen oder kegeln. Inzwischen wird die Sache professionell organisiert. Arbeitnehmer zelten in Mecklenburger Wäldern, fangen Fische in Alpenbächen, brauen Bier oder klettern in Hochseilgärten herum – um anschließend mit Personalexperten oder Psychologen über die Lehren für die Arbeit zu reden. Beim Herzogenauracher Automobilzulieferer Schaeffler werden Leute übers Wochenende an einen Nebenarm des Mains geschickt, sie basteln gemeinsam ein Floß und testen es im Wasser. Beim Hamburger Versandhändler Otto fahren Teamchefs am Wochenende schon mal in die Lüneburger Heide, streicheln Wölfe und hören einen Vortrag zum Thema: »Was Führungskräfte von Rudeltieren lernen können«.

»Für uns ist das ein wahnsinniger Wachstumsmarkt«, sagt Wolfgang Langmeier, Geschäftsführer der Jochen Schweizer Events GmbH aus München, die einst mit Bungee-Jumping von Fernsehtürmen bekannt wurde. Jetzt organisiere das Unternehmen jeden Tag irgendwo in Deutschland eine Firmenveranstaltung. Interessenten, die Langmeier am Telefon erreichen, sagt er gern: »Erlebnis ist Ergebnis.«

Es ist eine merkwürdige neue Arbeitswelt, die da entsteht. Vorbei die Zeit, als Arbeit Arbeit und Freizeit Freizeit war. Viele Unternehmen wollen heute mehr von ihren Angestellten als je zuvor, sie erwarten vollen Einsatz, Hingebung, Opferbereitschaft und wenn möglich sogar Begeisterung.

Da gibt es offenbar noch eine Menge zu tun und zu holen. »Auch im Jahr 2011 ist es Führungskräften in Deutschland nicht gelungen, ihre Mitarbeiter mitzunehmen«, warnte kürzlich die Unternehmensberatungsfirma Gallup, die sich selbst als »Spezialist für die Schnittstelle zwischen Ökonomie und Psychologie« empfiehlt. »63 Prozent der Arbeitnehmer machen Dienst nach Vorschrift und spulen lediglich das Pflichtprogramm ab«, stellen die Berater fest. Nur 14 Prozent der Angestellten verfügten über eine »emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber«, seien also bereit, sich freiwillig für dessen Ziele einzusetzen. Die Botschaft: Die deutsche Wirtschaft könnte besser laufen, wenn bei den Mitarbeitern all diese schlummernden Potenziale ausgeschöpft würden! Aber wie?

Emotionale Bindung an den Arbeitgeber

Experten kennen im Augenblick zwei Antworten auf diese Frage. »Auf der einen Seite gibt es Tendenzen, die Mitarbeiter stärker zu überwachen«, berichtet Axel Haunschild, Arbeitsforscher an der Universität Hannover. Detaillierte und minutiöse Arbeitsvorgaben gehörten dazu, eine laufende Kontrolle der Leistung, und die werde auch immer einfacher, weil inzwischen so viel an Computern gearbeitet wird. Minderleister werden rausgeworfen. Jeden kann es jederzeit treffen.

Aber es geht auch anders: Man ist als Chef eher gut zu seinen Leuten. Man schafft Erlebnisse, von denen die Mitarbeiter lange sprechen, man lebt eine gemeinsame Geschichte, geht auf in einer spaßigen Arbeitswelt. »Dort kommt die Veränderung im Gewand der Freiheit daher«, sagt Haunschild. »Den Leuten wird gesagt: Habt Spaß! Und erledigt eure Arbeit so, wie ihr das möchtet! Nur müsst ihr am Ende die Ziele erreichen.«

Es sieht so aus, als funktioniere diese Methode deutlich besser.