Silvio BerlusconiStunde null

Die Lauten im Land wüten gegen Europa und die Deutschen, die Leisen schämen sich ihrer politischen Klasse. von 

Geht Silvio Berlusconi jetzt in den Knast? Oder regiert er bald wieder Italien? Weder noch. Ins Gefängnis geht in Italien sowieso keiner über 70, schon gar nicht der 76-jährige Berlusconi. Die nächste Instanz wird die vier Jahre Haft eines Mailänder Gerichts wegen Steuerhinterziehung schon wieder kippen. Mit einer Justiz, die für das erstinstanzliche Urteil zehn Jahre braucht, kann man einen Berlusconi nicht zur Rechenschaft ziehen. Das muss schon die Politik erledigen.

Und da gibt es eine gute Nachricht, nicht nur für die Italiener: Berlusconi hat so gut wie keine Chancen, wieder an die Regierung zu kommen. Seine Drohung, der Regierung von Mario Monti die Unterstützung zu entziehen, provozierte nichts weiter als ein Schulterzucken: Hunde, die bellen, beißen nicht. Dass Berlusconi im gleichen Atemzug gegen den Fiskalpakt wettert und die »deutsche Hegemonie« über Europa attackiert, dürfte also auch kaum Konsequenzen haben. Der Mann Berlusconi ist weg vom Fenster, der Berlusconismus nicht: Was kommen könnte, ist durchaus nicht beruhigend. Schon gar nicht für uns Deutsche. Denn wenn Berlusconis Verbalattacken ziemlich folgenlos verpuffen, weil ihm selbst in der eigenen Partei kaum noch jemand folgen will, gewinnen womöglich andere mit antideutscher Stimmungsmache Wahlen.

Anzeige

Bei der wichtigen Testwahl auf Sizilien wurde die über das Internet geschaffene Protestbewegung »Fünf Sterne« des Ex-Komikers Beppe Grillo soeben stärkste Partei. Sie überholte auch Berlusconi, der dort vor Jahren alle 61 Wahlkreise erobert hatte. Der Erfolg gelang den Fünf Sternen auf der Insel wie anderswo mit einer Mischung aus Entertainment und Anti-Europa-Phrasen. Grillo durchschwamm die Meerenge von Messina, erstürmte den Gipfel des Ätna und wetterte dazu deftig gegen die Regierung von Mario Monti und das Europa von Angela Merkel. Die beiden, sagen Italiens neue Populisten, seien an allem schuld, denn das von Merkel erzwungene und von Monti durchgesetzte Sparprogramm treibe mehr Italiener in den Tod als die Mafia. Uns mag diese Mixtur aus abgedroschener Comedy und abstrusen Thesen lächerlich erscheinen. Aber haben wir nicht auch über Berlusconi viel zu laut und viel zu lange gelacht?

So funktioniert der neue Populismus in Italien: Wir Italiener brauchen Europa und den Euro nicht, im Gegenteil, sie schaden uns nur. Denn wenn Europa nicht wäre, müssten wir nicht sparen und uns schinden, sondern könnten wieder machen, was wir wollen. Ganz wie früher. Im traditionell staatsverdrossenen Italien hat Europa jenes Feindbild vom italienischen Staat ersetzt, den Berlusconi einst gewinnbringend als Konstrukt von Kommunisten bekämpfte. Berlusconi hatte den Italienern noch versprochen, er würde sie vom Staat befreien. Populisten wie Grillo oder die separatistische Lega Nord versprechen jetzt die Befreiung von Europa. Denn dahinter, so argumentieren sie, stünden zwar nicht die Kommunisten. Aber, noch schlimmer, die Deutschen.

Die anderen Parteien treten dem Anti-Europa-Populismus nur halbherzig und zerstreut entgegen. Sie haben zu viel mit sich selbst zu tun. Berlusconis »Freiheitsvolk« versucht gerade, Berlusconi loszuwerden. Damit hat die Rechte ein Führungsproblem, wie es die Linke sowieso schon seit je beschäftigt. Gemeinsam sind Linke und Konservative vollends damit beschäftigt, Monti zu unterstützen und Italien gewissermaßen zu verwalten. Das schafft ein politisches Vakuum, das Populisten nutzen können. Links oder rechts, das seien überholte Begriffe, sagen sie. Es geht ihnen nicht mehr um Ausländerpolitik oder die Reform des Kündigungsschutzes. Denn damit holt man derzeit keine Stimmen.

Es gibt aber noch ein anderes Italien, ein leiseres: In diesem Herbst erlebt man ein Land in einer Stunde null, das sich skeptisch und überraschend still an den eigenen Wiederaufbau gemacht hat. Als ob man akzeptiere, dass nach dem kollektiven Bunga-Bunga eine graue Zeit des Büßens angebrochen ist. Skeptisch, weil die Hoffnung auf schnelle Besserung sehr verhalten ist. Und verhältnismäßig still, weil sich ein lang verdrängtes, sehr unangenehmes Gefühl verbreitet: das Gefühl der Scham über die peinlichste politische Klasse Europas, deren ganze Korruptheit ein Jahr nach dem erzwungenen Abgang von Berlusconi erst jetzt zutage tritt.

Die Regierungen der beiden wichtigsten Regionen, Lombardei und Latium, mussten gerade infolge einer Flut von Skandalen zurücktreten – geführt wurden sie von Berlusconis Vasallen. Die Scham der Bürger macht das noch größer: Genau diese unersättlichen und vulgären Verschwender von Staatsgeldern hatten sie gewählt. Und wen sollen sie morgen wählen? Die Partei der Nichtwähler ist jetzt schon gewaltig groß. Sie wird noch weiter wachsen. Denn die Leisen sind fürchterlich frustriert. Andere wollen sich überhaupt nicht schämen. Sie sehen gar nicht ein, warum sie für die horrende Staatsverschuldung, die erstarrte Wirtschaft, die Generation junger Italiener ohne Zukunft verantwortlich sein sollen. Lieber suchen sie unverdrossen weiter in der Politik, was sie früher bei Berlusconi finden konnten: schlichte Erklärungen und Sündenböcke oder doch zumindest Spielverderber, die in Rom sitzen, in Brüssel und in Berlin.

Mit seiner Attacke gegen die »deutsche Hegemonie« hat Silvio Berlusconi einen Wahlkampf eröffnet, den er verlieren wird. Aber vielleicht auch Europa. Und Berlin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Silvio Berlusconi | Italien
    Service