TerrornetzwerkFilialen des Schreckens

Das Terrornetzwerk Al-Kaida ist nicht besiegt. In Afrika und in der arabischen Welt findet es neue Verbündete und Einflusszonen. von  und

Islamistische Milizen in Mali

Islamistische Milizen in Mali  |  © Adama Diarra/Reuters

Al-Kaida? Ist das noch eine Gefahr? Am 11. September 2012, genau elf Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington, starben bei einem Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi vier amerikanische Diplomaten, darunter der Botschafter Christopher Stevens. Die mutmaßlichen Täter: libysche Dschihadisten aus dem Umfeld von Al-Kaida.

In den USA und Europa hat man zuletzt recht siegessicher den Niedergang des Terrornetzwerks vorausgesagt. Der letzte Kaida-Anschlag im Westen, die Selbstmordattentate auf das Londoner U-Bahn- und Bussystem mit 52 Toten, liegt sieben Jahre zurück. Seither hat Al-Kaida schwere Schläge einstecken müssen: Ein US-Spezialkommando tötete vor anderthalb Jahren Osama bin Laden. Durch ihre hochumstrittenen Drohnenangriffe haben die USA klaffende Lücken in die Führung des Netzwerks gerissen. Weitere Attentatsversuche im Westen scheiterten entweder an den Sicherheitsbehörden oder an der Stümperhaftigkeit der Terroristen. Die Kaida-Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet sei »ziemlich zusammengeschmolzen«, sagt etwa William McCants von der Johns Hopkins University. »Sie kann keine Anschläge im Ausland mehr durchführen, sie verliert weiterhin wichtige Führer, das Geld ist knapp.«

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Doch wer über Amerika und Europa als mögliche Anschlagsziele hinausblickt, sieht ein anderes Bild. Fragt man nach der globalen Dschihadisten-Bewegung, so antworten Experten wie McCants: »Der geht es ganz gut! Es gibt derzeit eine erstaunliche Homogenität in diesem Universum, aber noch relativ wenig strategische Kohärenz angesichts der Tatsache, dass Al-Kaida, ihr gemeinsamer Nordstern, allmählich verblasst.«

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Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Ideologisch mag der Arabische Frühling das Terrornetzwerk geschwächt haben, weil seine eigene islamistisch-revolutionäre Theorie widerlegt wurde. Operativ hat er es gestärkt, weil sich nun ganz neue Aktionsfelder und Kooperationsmöglichkeiten bieten. Wer einen Eindruck von der aktuellen Reichweite Al-Kaidas gewinnen möchte, von ihren neuen, diffuseren Formen und Gesichtern, der muss sich mit dem Finger auf der Weltkarte auf eine Reise begeben, die durch den Nahen Osten, Südasien, Ost- und Westafrika führt. Wo fängt man an? Am besten dort, wo Al-Kaida derzeit ihr wichtigstes Schlachtfeld verortet: in Syrien.

Seit dem Abzug der USA nehmen die Anschläge im Irak zu

Syrien – das ist zuallererst der Aufstand gegen ein äußerst brutales diktatorisches Regime. Aber es ist inzwischen auch ein Lieblingskonflikt für Dschihadisten: Baschar al-Assad, von Islamisten als gottlos verabscheut, ist an sich schon ein logisches Ziel. Zudem aber genießt Syrien eine fast mythische Bedeutung als vermeintlicher Ausgangsort für die »Befreiung Jerusalems«. In den vergangenen Monaten ist das Land zum Magneten für selbst ernannte Gotteskrieger geworden– ein neuer Hotspot auf der Weltkarte des Terrorismus. Fast täglich veröffentlichen dschihadistische Webseiten Nachrufe auf dort gestorbene Kämpfer und Selbstmordattentäter. Unter den »Märtyrern« finden sich nicht nur Syrer, sondern auch Libyer, Ägypter, Jordanier, Iraker, sogar Norweger: Niemand weiß genau, wie viele sogenannte foreign fighters in Syrien eingesickert sind, aber Experten gehen von mindestens 1000 aus. Dieser Treck nach Syrien verdeutlicht, dass sich bei Al-Kaida und Co. derzeit die Prioritäten verschieben: Der Krieg gegen den »fernen Feind«, also den Westen, der lange im Vordergrund ihres Trachtens stand, verliert an Attraktivität – denn der Kampf gegen den »nahen Feind«, die vermeintlich gottlosen Regime ihrer Heimatregion, ist erstmals seit Jahren wieder eine reale Option.

In Syrien finden die Freiwilligen Anschluss an etliche im Bürgerkrieg gegründete dschihadistische Gruppierungen. Die wichtigste ist Dschabhat al-Nusra, die »Unterstützungsfront«, die im Januar 2012 erstmals in Erscheinung trat. Heute verübt diese Gruppe täglich Anschläge in Syrien. Die Dschihadisten wollen sich in Syrien festsetzen, sie streben Zonen eigener Kontrolle an. Die »Unterstützungsfront« kämpft keineswegs nur gegen das Regime. Syrische Flüchtlinge berichten übereinstimmend, dass ihre Kämpfer gezielt Christen ermorden – selbst wenn diese zur Opposition zählen. Bislang hat sich die »Unterstützungsfront« zu ihrem Verhältnis zu Al-Kaida nicht geäußert. Aber Experten wie der jordanische Autor Fuad Hussein sehen klare Hinweise darauf, dass die »Front« de facto ein Ableger der Irak-Filiale Al-Kaidas ist.

Dass Al-Kaida im Irak zu solchen Aufbauleistungen in einem Nachbarland in der Lage ist, kündet wiederum von ihrer eigenen Stabilisierung seit dem Abzug der US-Kampftruppen. Irakische und US-Beamte beobachten seit einem Vierteljahr, dass Al-Kaida im Irak wieder mehr Anschläge verübt. Es sind derzeit etwa 140 pro Woche – doppelt so viele wie noch zu Jahresbeginn. Erst vor Kurzem befreiten Kaida-Kämpfer mehrere Gesinnungsgenossen aus einem Gefängnis – die ersten sollen in Syrien eingetroffen sein.

Das ist kein Zufall, denn seit ihrer Gründung trachtet die Dependance danach, den Irak als Ausgangspunkt für Aktivitäten in der gesamten Region zu etablieren. Das Ziel war stets eine länderübergreifende Struktur, die Angriffe auf Israel möglich machen soll. Mit einer Subfiliale in Syrien rückt dieses Ziel näher.

Ob die Kaida-Zentrale im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet unter Führung von Aiman Al-Sawahiri diesen Expansionskurs stützt, ist unklar. Jedenfalls duldet sie ihn. In seinen Reden hämmert Al-Sawahiri seinen Anhängern ein, dass das Netzwerk in allen Umsturzländern des Arabischen Frühlings jetzt den Weg in neue, gottesfürchtige Gesellschaften ebnen müsse. Nach der Devise: Wenn wir die Revolten schon nicht herbeigeführt haben, sollten wir sie wenigstens nutzen. Und genau das versuchen Dschihadisten nun: manchmal unter dem Label Al-Kaida, manchmal nicht, vermutlich nur sehr selten von der Zentrale aus gesteuert, meistens also in Eigeninitiative – und manchmal bis hin zum internen Wettbewerb um das blutigste Signal für den Wiederaufstieg des Dschihadismus in seiner Ursprungsregion.

Ein solcher Konkurrenzkampf könnte hinter dem tödlichen Anschlag auf die US-Diplomaten in Libyen stecken. Als Hauptverdächtiger gilt der libysche Dschihadist Sufian bin Kumu . Bislang hat sich der Ex-Guantánamo-Insasse zwar nicht zu dem Attentat bekannt. Aber ein Gewährsmann, der Kumu und sein Umfeld kennt, glaubt: »Bin Kumu und andere libysche Dschihadisten liefern sich in diesen Monaten ein Wettrennen um die Gunst der Kaida-Zentrale.« Seit dem Konsulatsanschlag liege Bin Kumu dabei »eindeutig vorne« und warte nun in seinem Trainingslager auf das Angebot der Kaida-Zentrale, Statthalter in Libyen zu werden. Der Standort seines Camps sei übrigens bekannt. Aber der schwache libysche Staat wage keinen Angriff – so sieht Al-Kaidas Dividende aus dem postrevolutionären Chaos konkret aus.

Syrien wie Libyen zeigen dabei zweierlei: Anders als früher besteht Al-Kaida heute nicht mehr auf einer unter allen Umständen klaren Abgrenzung zu anderen dschihadistischen Gruppen, sondern sucht ihre Nähe und nutzt sie als Deckung. Zweitens inspirieren die unverhofften Aktionsfreiräume in den Umbruchländern Al-Kaidas Ableger zu neuen Visionen von eigenen Territorien, von Proto-Staaten.

Die Spur führt in den Jemen

Im Jemen, wo der Schwerpunkt der Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel liegt, haben Kaida-Dschihadisten es in dieser Hinsicht bemerkenswert weit gebracht – wenn auch vorerst nicht dauerhaft. In den Provinzen Abian und Schabwa kontrollierten sie, inmitten der Wirren der Rebellionen gegen den mittlerweile aus dem Amt getriebenen Präsidenten Saleh, über Monate hinweg Städte und Dörfer. Sie führten Gerichte ein, regierten mit drakonischer Härte. Schließlich vertrieb sie die Armee mit amerikanischer Hilfe aus den Städten, die sie übernommen hatten. Aber für immer? »Die Filiale steht jetzt an einem Scheideweg«, sagt der Autor Gregory Johnsen, dessen Buch The Last Refuge über Al-Kaida im Jemen demnächst erscheinen wird. »Entweder versucht sie, die Orte wiederzuerobern. Oder sie wird, was sie zuvor war: eine Guerillatruppe in den Bergen und ländlichen Gebieten, die lokale Anschläge gegen den Staat ausführt, aber auch Anschläge im Westen plant.« Ihre Fähigkeit, im Westen zuzuschlagen, stufen Experten im Vergleich zur Kaida-Zentrale als hoch ein: »Wenn Al-Kaida in den USA zuschlägt, wird die Spur in den Jemen führen«, meint ein westlicher Geheimdienstler.

Auch Al-Kaida im Jemen lässt sich durch nationale Grenzen nicht einschränken – und demonstriert, wie gut es dem Netzwerk inzwischen gelingt, auf andere Konflikte »aufzuspringen«. Die jemenitische Filiale hat ihr Expansionsgebiet gewissermaßen vor der Haustür: Ostafrika. Nur wenige Seemeilen trennen die jemenitische von der somalischen Küste. Über den Golf von Aden wird von jeher legaler und illegaler Handel aller Art abgewickelt, und hier herrscht – in beide Richtungen – auch ein reger Grenzverkehr von somalischen Shabaab-Kämpfern und jemenitischen Kaida-Mitgliedern.

In Somalia führen Europa und die USA seit Jahren einen »Krieg gegen den Terror« – allerdings nur mittelbar und fast ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Truppen der Afrikanischen Union (AU) mit einem Mandat der Vereinten Nationen, überwiegend bezahlt aus Brüssel und Washington, kämpfen seit rund fünf Jahren gegen die islamistischen Shabaab-Milizen, die phasenweise Süd- und Zentral-Somalia sowie Teile der Hauptstadt Mogadischu kontrollierten.

Al-Shabaab sind kein Produkt der Kaida-Ideologie des globalen Dschihad, sondern des jahrzehntelangen Bürgerkrieges in Somalia. Ähnlich wie die afghanischen Taliban hatten sie anfangs einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung, weil ihre repressive Ordnung vielen Menschen immer noch erträglicher schien als der permanente Straßenkrieg der Klan-Milizen. Nach Jahren der Kooperation haben die Shabaab sich im Februar 2012 Al-Kaida unterstellt, und das Netzwerk nahm die Offerte an.

Trotzdem haben die Shabaab schwere Niederlagen einstecken müssen. So gelang es den Truppen der AU im August 2011, die Islamisten aus Mogadischu zu vertreiben. Ende September dieses Jahres verloren die Shabaab ihre letzte städtische Hochburg, die Hafenstadt Kismayo – und damit die lukrativen Einnahmen aus Zollgeschäften. Zudem haben die USA ihren Drohnenkrieg längst auf Somalia ausgedehnt. Hinzu kommt, dass die Miliz jeglichen öffentlichen Zuspruch durch drakonische Scharia-Urteilen, dem Verbot von Khat-Konsum und Fußball sowie ihrer Quasi-Geiselnahme der Bevölkerung während der letzten Hungersnot verspielt hat.

Al-Shabaab drohen nun mit Terror und Guerilla-Taktik zurückzuschlagen: Autobomben, Selbstmordattentate, politische Morde. Es geht nicht nur gegen Somalia, sondern auch gegen die Länder der Truppensteller – eine für afrikanische Staaten völlig neue Bedrohung. In Uganda, das die meisten Soldaten nach Somalia entsandt hat, gelang bislang ein großer Anschlag: Im Juli 2010 sprengten sich Selbstmordattentäter in zwei voll besetzten Restaurants in der Hauptstadt Kampala in die Luft. Über 70 Menschen starben. In Kenia, seit Jahrzehnten Hauptaufnahmeland für somalische Flüchtlinge, haben Shabaab-Mitglieder Anschläge auf Discos, Bushaltestellen und Kirchen verübt.

Dahinter steckt auch das Kalkül, eine staatliche Überreaktion zu provozieren – und damit einen religiösen Konflikt auszulösen in einem Land, das ohnehin mit innenpolitischen Spannungen zu kämpfen hat. Im Afrika südlich der Sahara haben sich in den vergangenen Jahren genauso wie in der arabischen Welt Protestbewegungen gegen Korruption, Machtmissbrauch und Wahlfälschungen gebildet – in manchen Ländern wie dem Senegal mit Erfolg und friedlich, in anderen wie Kenia entlang ethnischer Fronten und zum Teil mit Gewalt.

Es geht nicht bloß um Ideologie, auch um Geschäfte

Bis vor Kurzem schien Kenia gegen religiöse Konflikte immun. Die muslimische Minderheit ist in Politik und Gesellschaft tief verwurzelt. Doch nun droht die staatliche Verfolgung von Terrorverdächtigen eine Kluft zwischen Christen und Muslime zu treiben. Denn seit kenianische Städte zu Anschlagszielen der Shabaab geworden sind, fühlen sich Muslime zunehmend als Zielscheibe staatlicher Repression – und geraten zwischen die Fronten.

In einem anderen afrikanischen Staat können die Kenianer beobachten, wie ein völlig fehlgeleiteter »Krieg gegen den Terror« ein Land in eine Zerreißprobe treibt: Nigeria. Die islamistische Gruppe Boko Haram, heute Synonym für schreckliche Bombenanschläge, begann vor gut zehn Jahren nicht als Terrororganisation, sondern als fundamentalistische Sekte. Deren charismatische Führer kombinierten abstruse Lehren wie die Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe, mit radikalen Predigten gegen die notorische Korruption und die ökonomische Verwahrlosung des überwiegend muslimischen Nordens, während der überwiegend christliche Süden vom anhaltenden Wirtschafts- und Öl-Boom profitiert. Das brachte ihnen Zulauf aus der verarmten Jugend ein und zog immer häufiger Scharmützel mit der Staatsmacht nach sich. Die Gewalt auf beiden Seiten eskalierte. Auf Bombenanschläge folgen regelmäßig blutige Strafaktionen des Sicherheitsapparates, den viele Zivilisten mehr fürchten als die religiösen Fanatiker.

Inzwischen reicht das Spektrum bei Boko Haram vermutlich von Gangs, die Schutzgeld erpressen, bis hin zu radikalisierten Jungmännern sowie Islamisten, die womöglich zu Verhandlungen bereit wären. Teil der Bewegung sind aber zweifellos auch Hardliner, die den Schulterschluss mit Al-Kaida suchen und von einem afrikanischen Kalifat bis nach Mali träumen – in den Trainingscamps in der Sahelzone sind sie schon aufgetaucht.

Mali ist die letzte Station auf dieser virtuellen Reise durch Al-Kaidas neue Einflussgebiete. Hier ist Dschihadisten ein ganz besonderer Coup gelungen, und hier lassen sich Al-Kaidas neue Stärken und Schwächen an einem Ort gebündelt beobachten: Geduld und die Fähigkeit, sich zum richtigen Zeitpunkt über lokale Konflikte zu stülpen, die Bereitschaft, sich mit eher opportunistischen Bündnispartnern einzulassen, sowie das ideologische Ausfransen bis hin zur gewöhnlichen kriminellen Geschäftemacherei.

Im Frühsommer dieses Jahres hängten sich gleich mehrere islamistische Gruppierungen als Trittbrettfahrer an eine Rebellion von Tuareg im Norden Malis – und verjagten anschließend ihre säkularen Bündnispartner. Seither erstreckt sich ihr Einfluss auf ein Gebiet von der Größe Frankreichs.

Diese bislang größte Gebietseroberung darf sich die Organisation al-Qaïda au Maghreb islamique (Aqmi) auf die Fahne schreiben. Aqmi entstand 2006 aus islamistischen Terrorgruppen des algerischen Bürgerkriegs in den neunziger Jahren, ein Labelwechsel, mit dem neue regionale Ambitionen einhergingen. Schon lange ist Aqmi im Norden Malis präsent und pflegt Verbindungen zu Tuareg-Klans, in deren Familien Aqmi-Kader eingeheiratet haben. Seitdem mischt sich bei Aqmi religiöse Propaganda mit profanem Kidnapping-und Schmuggelbusiness.

Legaler wie illegaler Warentransport ist seit Jahrzehnten ein einträgliches Geschäft in der Sahara und in der Sahelregion: Befördert werden afrikanische Migranten, russische Waffen, marokkanischer Haschisch und seit einigen Jahren auch lateinamerikanisches Kokain für den europäischen Markt. Mit diesen Einnahmen, vor allem aber mit Millionen Dollar an Lösegeldern für westliche Geiseln hat Aqmi ihre Kriegskasse gefüllt – was ihr und ihren Ablegern nun bei der Besetzung Nord-Malis zugutekommt: Die Organisation kann derzeit nicht nur ihre Kämpfer gut bezahlen, deren Anzahl auf rund 500 geschätzt wird. Sie ist auch ein attraktiver Arbeitgeber für arbeitslose junge Männer. Und sie kann derzeit zumindest an einigen Orten eine Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Strom, Benzin und Wasser aufrechterhalten inklusive Geldgaben an die Ärmsten, die sie gleichzeitig mit brutalen Scharia-Urteilen, radikaler Geschlechtertrennung, dem Verbot von Musik und Alkohol terrorisiert.

Von einer vollkommenen Kontrolle des Gebiets kann indes keine Rede sein. Aber es ist jeder legitimen Staatsmacht entwunden. Und jeder, der es kann, versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen: Hardcore-Dschihadisten, frömmelnde Drogenschmuggler, Splittergruppen mit lokaler Agenda, opportunistische Klan-Chefs, die mehr Macht und Einfluss in der malischen Politik anstreben. Es handelt sich im Kern um eine geografisch höchst bewegliche Okkupation mit kriminellem Unterbau. Ein »Narco-Dschihad-Regime« nennen es manche Experten.

Der »Global War on Terror« wird nicht die Lösung sein

Mittlerweile steht Mali ganz oben auf der Agenda des UN-Sicherheitsrates sowie europäischer, amerikanischer und afrikanischer Armeestäbe. Eine Militärintervention soll die Einheit des Landes wiederherstellen und eine Konsolidierung der Dschihadisten unterbinden. Afrikanische Länder, so der vage Plan, sollen Soldaten schicken. Die USA, vor allem aber Europa, sollen Geld, Logistik, Ausbilder und Spezialeinheiten stellen (siehe auch den nebenstehenden Artikel). Es gelte, ein zweites Afghanistan zu verhindern, heißt es. Was für ein Menetekel.

Die Rundreise ist beendet, der Befund ernüchternd. Al-Kaida lebt und lässt sich zugleich schwerer fassen. Viele Kader sind tot – aber über ihre Nachrücker ist wenig bekannt. Neue, undurchsichtige Allianzen werden geschmiedet. Sicher ist nur, dass es mehr Leidtragende geben wird – vor allem in Ländern des Südens.

Diese gewandelte Herausforderung verlangt auch nach neuen Antworten. Das Konzept des »Global War on Terror«, der das Jahrzehnt nach 9/11 dominierte, wird nicht die Lösung sein. Al-Kaida und ihre Verbündeten ziehen Legitimation, Motivation und Nachschub verstärkt aus lokalen und nationalen Konflikten. Gegen die hilft keine globale Kriegserklärung. Ob Staatsaufbau in Libyen, Reform der Sicherheitskräfte in Nigeria oder Bekämpfung des Drogenschmuggels in der Sahelregion – der Schlüssel zum Erfolg dürfte ausgerechnet auf jenem Feld liegen, das im weltweiten Antiterrorkampf bislang vernachlässigenswert schien: Politik. Verantwortliche, lokale Politik, die Al-Kaida und Co. das Umfeld entzieht, in dem sie momentan gedeihen.

Das schließt militärische Einsätze als letztes Mittel nicht aus. Aber es wäre naiv und gefährlich, seine Hoffnungen allein auf Repression durch Sicherheitsbehörden, militärische Interventionen oder einen noch weiter ausgebauten Krieg der Drohnen zu setzen – diese vermeintliche Allzweckwaffe, die zwar Individuen töten, aber weder Ideen noch Instabilität oder Ungerechtigkeit bekämpfen kann. Al-Kaida jedenfalls hat vor Granaten ganz sicher weniger Angst als vor guter Regierung und Verwaltung.

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Leserkommentare
  1. "Once upon a time, the CIA trained, financed and supported Osama bin Laden and his mujahidin networks in Afghanistan to repel the Soviet invasion of Afghanistan. After the end of the Cold War, bin Laden turned against the West and we no longer had any use for him. His persistent terrorist attacks against us for more than a decade, culminating in 9/11, provoked our own response, in the form of the ‘War on Terror’. This is the official narrative. And it’s false. Not only did Western intelligence services continue to foster Islamist extremist and terrorist groups connected to al-Qaeda after the Cold War; they continued to do so even after 9/11"
    http://www.newint.org/features/2009/10/01/blowback-extended-version/
    Fox Reality Check: The United States government actually created Al Qaeda?
    http://www.fox19.com/story/19232163/reality-check-the-us-government-actu...

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    "Niemand weiß genau, wie viele sogenannte foreign fighters in Syrien eingesickert sind, aber Experten gehen von mindestens 1000 aus."

    Wenn das unsere terroristen sein sollen, dann mmöchti ich mal bitte wissen warum man mit Massiven Aufrufen in Internett und den "Lieblingsgebiet" nur Zahlen von 1000 erreicht ?

    Wo sind die 10.000 oder 100.000 oder 1.000.000 ? jeder Flüchtlingstreck ist da ja grösser. Und selbst die Rebellen in Syrien haben da 1000% Mehr leute zu verfügung.

    Villeicht sollten wir Aufhören zu glauben das nur weil Al Kaida schreit " Wir waren es ! " sie es auch wirklich waren, und beginnen zu begreifen das es unterschiedliche Stömungen in den Radikalen gibt die sich auch nicht immer untereinander Leiden können und Al Kaida noch nicht mal die Grösste oder auch nur eine der grossen ist.

  2. dass so getan wird, als ob "Al-Qaida" eine unabhängige Gruppierung sei, während anderweitige Fakten völlig außer Acht gelassen werden.

    All die erwähnten Terroristen, Rebellen, Kämpfer, Dschihaddisten oder wie auch immer man sie nennen mag, wurden von den USA und vom Westen gefördert.

    Vor allem bei den libyschen "Rebellen" ist dies der Fall, wie ich auch mal hier erwähnt habe: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-09/leserartikel-arabischer-herbst

    Diese ganzen Herrschaften wären nicht das, was sie gerade sind ohne westlicher Hilfe. In Syrien werden die Männer noch als "Rebellen" bezeichnet oder gar als "Aktivisten". Bald werden diese jedoch auch nur in den Medien als "Al-Qaida" bezeichnet.

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    Was erwarten Sie von einem Artikel der mit der Schlagzeile
    "Terrornetzwerk/Filialen des Schreckens" beginnt ? Ob die Autoren in einem Text über US-Drohnen-Stützpunkte ähnliche Formulierungen wählen würden ?

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jun/11/obama-drone-wars-nor...

    • lxththf
    • 10. November 2012 13:00 Uhr

    zu lesen, dass gut recherchierte Artikel den inflationären Pressemitteilungen deutlich widersprechen und vor allem verschiedene Perspektiven auszeigen.
    Al Kaida ist ein Begriff, der leider so oft verwendet wird, jedoch ohne wirklich Strukturen, Ziele, Personen oder Inhalte etc. zu beleuchten.
    Das Ziel ist Macht über den Weg der Konfession, denn das Konzept funktioniert schon seit Jahrtausenden (erinnert sei an die Predigten der Päpste) und das eigentlich schlimme ist, dass diese Kräfte permanent westlich unterstützt werden, durch Waffenlieferungen, auf der anderen Seite dann wieder bekämpft werden und da muss man sich die Frage stellen, wer hat eigentlich in den letzten 11 Jahren von dem "Krieg gegen den Terror" tatsächlich profitiert? Firmen wie Exxon brauchen Al Kaida und umgekehrt und die Leidtragenden sind die Zivilisten. Wieviele Menschen sind eigentlich insgesamt im letzten Jahrzehnt diesem Krieg zum Opfer gefallen?

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    "The administration of President Hamid Karzai has assured Pakistan and India that it has reached an ‘understanding’ with Taliban insurgents to ensure the security of the multi-billion-dollar Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India (TAPI) gas pipeline project."

    http://tribune.com.pk/story/382332/tapi-gas-pipeline-kabul-turns-to-tali...

  3. 4. Nun ja

    Was erwarten Sie von einem Artikel der mit der Schlagzeile
    "Terrornetzwerk/Filialen des Schreckens" beginnt ? Ob die Autoren in einem Text über US-Drohnen-Stützpunkte ähnliche Formulierungen wählen würden ?

    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jun/11/obama-drone-wars-nor...

  4. "The administration of President Hamid Karzai has assured Pakistan and India that it has reached an ‘understanding’ with Taliban insurgents to ensure the security of the multi-billion-dollar Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India (TAPI) gas pipeline project."

    http://tribune.com.pk/story/382332/tapi-gas-pipeline-kabul-turns-to-tali...

    Antwort auf "Interessant"
    • MaxS2
    • 10. November 2012 13:19 Uhr

    Das Problem besteht doch darin, dass diese gewaltbereiten Gruppen immer auch eine religiöse Komponente haben, und z.B. mit den islamischen Lehren für Paradies, Kampf und Jungfrauen im Jenseits werben können.
    (z.B. "Koran 9:111 Gott hat von den Gläubigen ihre eigene Person und ihr Vermögen dafür erkauft, daß ihnen das Paradies gehört, insofern sie auf dem Weg Gottes kämpfen und so töten oder getötet werden. ...")

    Dieser Zusammenhang ist zwar im Grund offensichtlich, aber die notwendigen Konsequenzen daraus werden nicht gezogen: Dass nämlich gewisse islamische Lehren Grundlage des Problems sind. Damit wird das Problem dieser ganzen Jihadistengruppen aus meiner Sicht unlösbar.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass der Islam keine einheitliche Religion ist, abgesehen davon, dass eine gemeinsame Führerperson fehlt, wie auch im Christentum, das aber die Spaltung nach dem 30jährigen Krieg erfolgreich überwunden hat. Heute würde keinem Prostestanten mehr einfallen, mit dem Schwert gegen Katholiken vorzugehen. Diese Toleranz ist aber nicht wirklich alt: In meiner Jugend waren die Prostestanten die Ungläubigen, die dereinst in der Hölle schmoren werden.
    Im Namen Allahs gehen sie derzeit noch immer aufeinander los, ein Kampf um Macht und Führung, denn die strenggläubigen Wahabiten und Salafisten für sich entscheiden könnten, weil hinter ihnen das Kapital Saudi-Arabiens steckt.

    • lxththf
    • 10. November 2012 14:11 Uhr

    Zu sagen, es sind ein paar islamische Grundlagen, die daran Schuld sind? Wenn es nicht der Islam wäre, dann würde eine andere Ideologie herhalten müssen, denn Sie sollten verstehen, dass das Problem vor allem ein soziales ist. Die betroffenen Länder haben schlicht und ergreifend soziale nicht lösbare Probleme, wie z.B. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, eine schlechte Infrastruktur und und und Das sollte einem alles bekannt vorkommen, denn das gab es auch mal in Europa und führte wozu?
    Interessant ist z.B. das SaudiArabien im Artikel mit keiner Silbe erwähnt wird und das generell sehr selten, wenn es um Al Kaida geht. Oder die Vereinigten arabischen Emirate oder Katar. Warum ist das so, obwohl hier der Islam sehr hart und wenig tolerant ausgeübt wird? Warum fasst hier AL Kaida keinen Fuß? Weil soziale Probleme mit ÖlMilliarden weggewischt werden.
    Und dann muss man immernoch die Gegenfrage stellen. repräsentieren der KuKluxKlan oder die AryanBrotherhood, oder ein Breivik in irgendeiner Weise Christen, als Gesamtheit?
    Nein, denn sie pervertieren und instrumentalisieren Religion, genauso wie es radikale islamistische Terroristen tun.

    Das Problem bei diesen gewaltbereiten Gruppierungen ist, dass sie sich -so wie Sie es hier auch machen- aus dem Koran ohne den Zusammenhang zu beachten nur das rauspicken, was ihrer Ideologie entspricht.

    Sie führen hier Sure 9:111 an und zitieren einen Teil davon. Steht da ein bestimmter (böswilliger?) Absicht dahinter, wenn Sie uns den Teil mit "Denjenigen, die sich in Reue (zu Allah) wenden, (Ihn) anbeten (.....)DIE DAS GUTE GEBIETEN und DAS BÖSE VERBIETEN und die Schranken Allahs achten verkünde (diesen) Gläubigen die frohe Botschaft." unterschlagen?

    So ähnlich gehen auch die Rattenfänger der Al Qaida-Truppe mit ihrer -zum großen Teil- analphabeten Anhängerschaft vor.

    Die Konsequenzen, die Sie ansprechen müssen auch die westlichen Staaten ziehen: AL Qaida (und dessen zahlreiche Ableger) ist eine wahhabitische Terrororganisation.
    Wie wäre es, wenn wir die wirtschaftlich und militärisch enge Zusammenarbeit mit unseren wahhabitischen Verbündeten beenden würden? Oder ihnen zumindest keine Waffen mehr liefern würden??

  5. das Terrornetzwerk geschwächt haben, weil seine eigene islamistisch-revolutionäre Theorie widerlegt wurde"

    Dieser Ansicht möchte ich widersprechen: Der Arabische Frühling war eine gezielt vorbereitete Aktion der Moslembrüder (politische Heimat wie die Djihadisten in Saidiarabien) bzw. andere radikale Islamistengruppen, wobei sehr gezielt der Unmut in der jungen, nach Demokratie strebenden Jugend zum eigenen Emporkommen benützt wurde. Dies war leicht möglich, weil den Jungen jede Erfahrung zur politischen Führerschaft fehlte.
    Das war in Tunesien so und in Ägypten. In den anderen Ländern, wie dem Jemen, Libyen und jetzt Syrien hat man sich gleich gar nicht die Mühe des Versteckens hinter jungen Revolutionären gegeben. Da war von Anfang an klar, wohin der Weg geht. Und hinter all dem steckt auch noch der innerislamische Glaubenskonflikt, wobei es jetzt den Anschein hat, als würde Saudiarabien als Sieger hervorgehen, siehe Irak.

    Noch sind sie pro forma Verbündete der USA, aber wehe, wenn sich das ändern sollte. Dann stirbt zuerst Israel und danach geht der Terror in Amerika und Europa so richtig los, bis zum Dritten Weltkrieg. Ein Horrorszenario! Der Westen sollte die Alarmsituation ernster nehmen!

  6. Ich verstehe es einfach nicht. Es werden Milliarden in den Kampf gegen diese Gruppen gepumpt. Man missachtet im kampf gegen den Terror internationales Recht. Der "Drohnenkrieg" ist nur wieder eine neue Abart des verzweifelten Abrückens von Maßstäben an Recht und Gesetz, der diesen Terror nicht bekämpft, sondern neuen Terror schafft.

    Aber all diese unrechtmäßige Einmischung in die Belange anderer Länder, all die Brüche internationen Rechtes um Einzelfiguren dieses Netzwerkes auszuschalten, sind verbunden mit unglaublich vielen zivilen Kollareralopfern.

    Wer ein Mitglied des Terrors mittels einer drohne tötet und dabei 10 zivile Opfer prodziert, bekämpft den Terror nicht. Denn man hat bei den Angehörigen dieses Mordes wieder dutzende neue Rekruten für die Terrorcamps geschaffen.

    Nein, alles in allem schafft die Aussenpolitik und die von der USA dominierte NATO-Politik Terror.

    Nicht nur, dass man diesen Gruppen ständig neue Rekruten beschert - man verfolgt auch deren Finanziers überhaupt nicht.

    <em>"Gelder aus Saudi-Arabien sind die bedeutendste Finanzierungsquelle von sunnitischen Terrorgruppen weltweit."</em>

    Hillary Clinton, Wikileaks Cable

    http://www.dw.de/saudi-arabien-partner-oder-terrorfinanzier/a-15153069

    P.S. Sehr guter Artikel!

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