Das ist kein Zufall, denn seit ihrer Gründung trachtet die Dependance danach, den Irak als Ausgangspunkt für Aktivitäten in der gesamten Region zu etablieren. Das Ziel war stets eine länderübergreifende Struktur, die Angriffe auf Israel möglich machen soll. Mit einer Subfiliale in Syrien rückt dieses Ziel näher.

Ob die Kaida-Zentrale im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet unter Führung von Aiman Al-Sawahiri diesen Expansionskurs stützt, ist unklar. Jedenfalls duldet sie ihn. In seinen Reden hämmert Al-Sawahiri seinen Anhängern ein, dass das Netzwerk in allen Umsturzländern des Arabischen Frühlings jetzt den Weg in neue, gottesfürchtige Gesellschaften ebnen müsse. Nach der Devise: Wenn wir die Revolten schon nicht herbeigeführt haben, sollten wir sie wenigstens nutzen. Und genau das versuchen Dschihadisten nun: manchmal unter dem Label Al-Kaida, manchmal nicht, vermutlich nur sehr selten von der Zentrale aus gesteuert, meistens also in Eigeninitiative – und manchmal bis hin zum internen Wettbewerb um das blutigste Signal für den Wiederaufstieg des Dschihadismus in seiner Ursprungsregion.

Ein solcher Konkurrenzkampf könnte hinter dem tödlichen Anschlag auf die US-Diplomaten in Libyen stecken. Als Hauptverdächtiger gilt der libysche Dschihadist Sufian bin Kumu . Bislang hat sich der Ex-Guantánamo-Insasse zwar nicht zu dem Attentat bekannt. Aber ein Gewährsmann, der Kumu und sein Umfeld kennt, glaubt: "Bin Kumu und andere libysche Dschihadisten liefern sich in diesen Monaten ein Wettrennen um die Gunst der Kaida-Zentrale." Seit dem Konsulatsanschlag liege Bin Kumu dabei "eindeutig vorne" und warte nun in seinem Trainingslager auf das Angebot der Kaida-Zentrale, Statthalter in Libyen zu werden. Der Standort seines Camps sei übrigens bekannt. Aber der schwache libysche Staat wage keinen Angriff – so sieht Al-Kaidas Dividende aus dem postrevolutionären Chaos konkret aus.

Syrien wie Libyen zeigen dabei zweierlei: Anders als früher besteht Al-Kaida heute nicht mehr auf einer unter allen Umständen klaren Abgrenzung zu anderen dschihadistischen Gruppen, sondern sucht ihre Nähe und nutzt sie als Deckung. Zweitens inspirieren die unverhofften Aktionsfreiräume in den Umbruchländern Al-Kaidas Ableger zu neuen Visionen von eigenen Territorien, von Proto-Staaten.

Die Spur führt in den Jemen

Im Jemen, wo der Schwerpunkt der Kaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel liegt, haben Kaida-Dschihadisten es in dieser Hinsicht bemerkenswert weit gebracht – wenn auch vorerst nicht dauerhaft. In den Provinzen Abian und Schabwa kontrollierten sie, inmitten der Wirren der Rebellionen gegen den mittlerweile aus dem Amt getriebenen Präsidenten Saleh, über Monate hinweg Städte und Dörfer. Sie führten Gerichte ein, regierten mit drakonischer Härte. Schließlich vertrieb sie die Armee mit amerikanischer Hilfe aus den Städten, die sie übernommen hatten. Aber für immer? "Die Filiale steht jetzt an einem Scheideweg", sagt der Autor Gregory Johnsen, dessen Buch The Last Refuge über Al-Kaida im Jemen demnächst erscheinen wird. "Entweder versucht sie, die Orte wiederzuerobern. Oder sie wird, was sie zuvor war: eine Guerillatruppe in den Bergen und ländlichen Gebieten, die lokale Anschläge gegen den Staat ausführt, aber auch Anschläge im Westen plant." Ihre Fähigkeit, im Westen zuzuschlagen, stufen Experten im Vergleich zur Kaida-Zentrale als hoch ein: "Wenn Al-Kaida in den USA zuschlägt, wird die Spur in den Jemen führen", meint ein westlicher Geheimdienstler.

Auch Al-Kaida im Jemen lässt sich durch nationale Grenzen nicht einschränken – und demonstriert, wie gut es dem Netzwerk inzwischen gelingt, auf andere Konflikte "aufzuspringen". Die jemenitische Filiale hat ihr Expansionsgebiet gewissermaßen vor der Haustür: Ostafrika. Nur wenige Seemeilen trennen die jemenitische von der somalischen Küste. Über den Golf von Aden wird von jeher legaler und illegaler Handel aller Art abgewickelt, und hier herrscht – in beide Richtungen – auch ein reger Grenzverkehr von s omalischen Shabaab-Kämpfern und jemenitischen Kaida-Mitgliedern .

In Somalia führen Europa und die USA seit Jahren einen "Krieg gegen den Terror" – allerdings nur mittelbar und fast ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Truppen der Afrikanischen Union (AU) mit einem Mandat der Vereinten Nationen, überwiegend bezahlt aus Brüssel und Washington, kämpfen seit rund fünf Jahren gegen die islamistischen Shabaab-Milizen, die phasenweise Süd- und Zentral-Somalia sowie Teile der Hauptstadt Mogadischu kontrollierten.

Al-Shabaab sind kein Produkt der Kaida-Ideologie des globalen Dschihad, sondern des jahrzehntelangen Bürgerkrieges in Somalia. Ähnlich wie die afghanischen Taliban hatten sie anfangs einen gewissen Rückhalt in der Bevölkerung, weil ihre repressive Ordnung vielen Menschen immer noch erträglicher schien als der permanente Straßenkrieg der Klan-Milizen. Nach Jahren der Kooperation haben die Shabaab sich im Februar 2012 Al-Kaida unterstellt, und das Netzwerk nahm die Offerte an.