Trotzdem haben die Shabaab schwere Niederlagen einstecken müssen. So gelang es den Truppen der AU im August 2011, die Islamisten aus Mogadischu zu vertreiben. Ende September dieses Jahres verloren die Shabaab ihre letzte städtische Hochburg, die Hafenstadt Kismayo – und damit die lukrativen Einnahmen aus Zollgeschäften. Zudem haben die USA ihren Drohnenkrieg längst auf Somalia ausgedehnt. Hinzu kommt, dass die Miliz jeglichen öffentlichen Zuspruch durch drakonische Scharia-Urteilen, dem Verbot von Khat-Konsum und Fußball sowie ihrer Quasi-Geiselnahme der Bevölkerung während der letzten Hungersnot verspielt hat.

Al-Shabaab drohen nun mit Terror und Guerilla-Taktik zurückzuschlagen: Autobomben, Selbstmordattentate, politische Morde. Es geht nicht nur gegen Somalia, sondern auch gegen die Länder der Truppensteller – eine für afrikanische Staaten völlig neue Bedrohung. In Uganda, das die meisten Soldaten nach Somalia entsandt hat, gelang bislang ein großer Anschlag: Im Juli 2010 sprengten sich Selbstmordattentäter in zwei voll besetzten Restaurants in der Hauptstadt Kampala in die Luft. Über 70 Menschen starben. In Kenia, seit Jahrzehnten Hauptaufnahmeland für somalische Flüchtlinge, haben Shabaab-Mitglieder Anschläge auf Discos, Bushaltestellen und Kirchen verübt.

Dahinter steckt auch das Kalkül, eine staatliche Überreaktion zu provozieren – und damit einen religiösen Konflikt auszulösen in einem Land, das ohnehin mit innenpolitischen Spannungen zu kämpfen hat. Im Afrika südlich der Sahara haben sich in den vergangenen Jahren genauso wie in der arabischen Welt Protestbewegungen gegen Korruption, Machtmissbrauch und Wahlfälschungen gebildet – in manchen Ländern wie dem Senegal mit Erfolg und friedlich, in anderen wie Kenia entlang ethnischer Fronten und zum Teil mit Gewalt.

Es geht nicht bloß um Ideologie, auch um Geschäfte

Bis vor Kurzem schien Kenia gegen religiöse Konflikte immun. Die muslimische Minderheit ist in Politik und Gesellschaft tief verwurzelt. Doch nun droht die staatliche Verfolgung von Terrorverdächtigen eine Kluft zwischen Christen und Muslime zu treiben. Denn seit kenianische Städte zu Anschlagszielen der Shabaab geworden sind, fühlen sich Muslime zunehmend als Zielscheibe staatlicher Repression – und geraten zwischen die Fronten.

In einem anderen afrikanischen Staat können die Kenianer beobachten, wie ein völlig fehlgeleiteter "Krieg gegen den Terror" ein Land in eine Zerreißprobe treibt: Nigeria. Die islamistische Gruppe Boko Haram, heute Synonym für schreckliche Bombenanschläge, begann vor gut zehn Jahren nicht als Terrororganisation, sondern als fundamentalistische Sekte. Deren charismatische Führer kombinierten abstruse Lehren wie die Überzeugung, die Erde sei eine Scheibe, mit radikalen Predigten gegen die notorische Korruption und die ökonomische Verwahrlosung des überwiegend muslimischen Nordens, während der überwiegend christliche Süden vom anhaltenden Wirtschafts- und Öl-Boom profitiert. Das brachte ihnen Zulauf aus der verarmten Jugend ein und zog immer häufiger Scharmützel mit der Staatsmacht nach sich. Die Gewalt auf beiden Seiten eskalierte. Auf Bombenanschläge folgen regelmäßig blutige Strafaktionen des Sicherheitsapparates, den viele Zivilisten mehr fürchten als die religiösen Fanatiker.

Inzwischen reicht das Spektrum bei Boko Haram vermutlich von Gangs, die Schutzgeld erpressen, bis hin zu radikalisierten Jungmännern sowie Islamisten, die womöglich zu Verhandlungen bereit wären. Teil der Bewegung sind aber zweifellos auch Hardliner, die den Schulterschluss mit Al-Kaida suchen und von einem afrikanischen Kalifat bis nach Mali träumen – in den Trainingscamps in der Sahelzone sind sie schon aufgetaucht.

Mali ist die letzte Station auf dieser virtuellen Reise durch Al-Kaidas neue Einflussgebiete. Hier ist Dschihadisten ein ganz besonderer Coup gelungen, und hier lassen sich Al-Kaidas neue Stärken und Schwächen an einem Ort gebündelt beobachten: Geduld und die Fähigkeit, sich zum richtigen Zeitpunkt über lokale Konflikte zu stülpen, die Bereitschaft, sich mit eher opportunistischen Bündnispartnern einzulassen, sowie das ideologische Ausfransen bis hin zur gewöhnlichen kriminellen Geschäftemacherei.

Im Frühsommer dieses Jahres hängten sich gleich mehrere islamistische Gruppierungen als Trittbrettfahrer an eine Rebellion von Tuareg im Norden Malis – und verjagten anschließend ihre säkularen Bündnispartner. Seither erstreckt sich ihr Einfluss auf ein Gebiet von der Größe Frankreichs.