TerrornetzwerkFilialen des Schreckens
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Die alten Kader sind tot, die Nachrücker unbekannt

Diese bislang größte Gebietseroberung darf sich die Organisation al-Qaïda au Maghreb islamique (Aqmi) auf die Fahne schreiben. Aqmi entstand 2006 aus islamistischen Terrorgruppen des algerischen Bürgerkriegs in den neunziger Jahren, ein Labelwechsel, mit dem neue regionale Ambitionen einhergingen. Schon lange ist Aqmi im Norden Malis präsent und pflegt Verbindungen zu Tuareg-Klans, in deren Familien Aqmi-Kader eingeheiratet haben. Seitdem mischt sich bei Aqmi religiöse Propaganda mit profanem Kidnapping-und Schmuggelbusiness.

Legaler wie illegaler Warentransport ist seit Jahrzehnten ein einträgliches Geschäft in der Sahara und in der Sahelregion: Befördert werden afrikanische Migranten, russische Waffen, marokkanischer Haschisch und seit einigen Jahren auch lateinamerikanisches Kokain für den europäischen Markt. Mit diesen Einnahmen, vor allem aber mit Millionen Dollar an Lösegeldern für westliche Geiseln hat Aqmi ihre Kriegskasse gefüllt – was ihr und ihren Ablegern nun bei der Besetzung Nord-Malis zugutekommt: Die Organisation kann derzeit nicht nur ihre Kämpfer gut bezahlen, deren Anzahl auf rund 500 geschätzt wird. Sie ist auch ein attraktiver Arbeitgeber für arbeitslose junge Männer. Und sie kann derzeit zumindest an einigen Orten eine Grundversorgung der Bevölkerung mit Nahrung, Strom, Benzin und Wasser aufrechterhalten inklusive Geldgaben an die Ärmsten, die sie gleichzeitig mit brutalen Scharia-Urteilen, radikaler Geschlechtertrennung, dem Verbot von Musik und Alkohol terrorisiert.

Von einer vollkommenen Kontrolle des Gebiets kann indes keine Rede sein. Aber es ist jeder legitimen Staatsmacht entwunden. Und jeder, der es kann, versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen: Hardcore-Dschihadisten, frömmelnde Drogenschmuggler, Splittergruppen mit lokaler Agenda, opportunistische Klan-Chefs, die mehr Macht und Einfluss in der malischen Politik anstreben. Es handelt sich im Kern um eine geografisch höchst bewegliche Okkupation mit kriminellem Unterbau. Ein »Narco-Dschihad-Regime« nennen es manche Experten.

Der »Global War on Terror« wird nicht die Lösung sein

Mittlerweile steht Mali ganz oben auf der Agenda des UN-Sicherheitsrates sowie europäischer, amerikanischer und afrikanischer Armeestäbe. Eine Militärintervention soll die Einheit des Landes wiederherstellen und eine Konsolidierung der Dschihadisten unterbinden. Afrikanische Länder, so der vage Plan, sollen Soldaten schicken. Die USA, vor allem aber Europa, sollen Geld, Logistik, Ausbilder und Spezialeinheiten stellen (siehe auch den nebenstehenden Artikel). Es gelte, ein zweites Afghanistan zu verhindern, heißt es. Was für ein Menetekel.

Die Rundreise ist beendet, der Befund ernüchternd. Al-Kaida lebt und lässt sich zugleich schwerer fassen. Viele Kader sind tot – aber über ihre Nachrücker ist wenig bekannt. Neue, undurchsichtige Allianzen werden geschmiedet. Sicher ist nur, dass es mehr Leidtragende geben wird – vor allem in Ländern des Südens.

Diese gewandelte Herausforderung verlangt auch nach neuen Antworten. Das Konzept des »Global War on Terror«, der das Jahrzehnt nach 9/11 dominierte, wird nicht die Lösung sein. Al-Kaida und ihre Verbündeten ziehen Legitimation, Motivation und Nachschub verstärkt aus lokalen und nationalen Konflikten. Gegen die hilft keine globale Kriegserklärung. Ob Staatsaufbau in Libyen, Reform der Sicherheitskräfte in Nigeria oder Bekämpfung des Drogenschmuggels in der Sahelregion – der Schlüssel zum Erfolg dürfte ausgerechnet auf jenem Feld liegen, das im weltweiten Antiterrorkampf bislang vernachlässigenswert schien: Politik. Verantwortliche, lokale Politik, die Al-Kaida und Co. das Umfeld entzieht, in dem sie momentan gedeihen.

Das schließt militärische Einsätze als letztes Mittel nicht aus. Aber es wäre naiv und gefährlich, seine Hoffnungen allein auf Repression durch Sicherheitsbehörden, militärische Interventionen oder einen noch weiter ausgebauten Krieg der Drohnen zu setzen – diese vermeintliche Allzweckwaffe, die zwar Individuen töten, aber weder Ideen noch Instabilität oder Ungerechtigkeit bekämpfen kann. Al-Kaida jedenfalls hat vor Granaten ganz sicher weniger Angst als vor guter Regierung und Verwaltung.

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Leserkommentare
  1. "Once upon a time, the CIA trained, financed and supported Osama bin Laden and his mujahidin networks in Afghanistan to repel the Soviet invasion of Afghanistan. After the end of the Cold War, bin Laden turned against the West and we no longer had any use for him. His persistent terrorist attacks against us for more than a decade, culminating in 9/11, provoked our own response, in the form of the ‘War on Terror’. This is the official narrative. And it’s false. Not only did Western intelligence services continue to foster Islamist extremist and terrorist groups connected to al-Qaeda after the Cold War; they continued to do so even after 9/11"
    http://www.newint.org/fea...
    Fox Reality Check: The United States government actually created Al Qaeda?
    http://www.fox19.com/stor...

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    "Niemand weiß genau, wie viele sogenannte foreign fighters in Syrien eingesickert sind, aber Experten gehen von mindestens 1000 aus."

    Wenn das unsere terroristen sein sollen, dann mmöchti ich mal bitte wissen warum man mit Massiven Aufrufen in Internett und den "Lieblingsgebiet" nur Zahlen von 1000 erreicht ?

    Wo sind die 10.000 oder 100.000 oder 1.000.000 ? jeder Flüchtlingstreck ist da ja grösser. Und selbst die Rebellen in Syrien haben da 1000% Mehr leute zu verfügung.

    Villeicht sollten wir Aufhören zu glauben das nur weil Al Kaida schreit " Wir waren es ! " sie es auch wirklich waren, und beginnen zu begreifen das es unterschiedliche Stömungen in den Radikalen gibt die sich auch nicht immer untereinander Leiden können und Al Kaida noch nicht mal die Grösste oder auch nur eine der grossen ist.

  2. dass so getan wird, als ob "Al-Qaida" eine unabhängige Gruppierung sei, während anderweitige Fakten völlig außer Acht gelassen werden.

    All die erwähnten Terroristen, Rebellen, Kämpfer, Dschihaddisten oder wie auch immer man sie nennen mag, wurden von den USA und vom Westen gefördert.

    Vor allem bei den libyschen "Rebellen" ist dies der Fall, wie ich auch mal hier erwähnt habe: http://www.zeit.de/politi...

    Diese ganzen Herrschaften wären nicht das, was sie gerade sind ohne westlicher Hilfe. In Syrien werden die Männer noch als "Rebellen" bezeichnet oder gar als "Aktivisten". Bald werden diese jedoch auch nur in den Medien als "Al-Qaida" bezeichnet.

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    Was erwarten Sie von einem Artikel der mit der Schlagzeile
    "Terrornetzwerk/Filialen des Schreckens" beginnt ? Ob die Autoren in einem Text über US-Drohnen-Stützpunkte ähnliche Formulierungen wählen würden ?

    http://www.guardian.co.uk...

    • lxththf
    • 10. November 2012 13:00 Uhr

    zu lesen, dass gut recherchierte Artikel den inflationären Pressemitteilungen deutlich widersprechen und vor allem verschiedene Perspektiven auszeigen.
    Al Kaida ist ein Begriff, der leider so oft verwendet wird, jedoch ohne wirklich Strukturen, Ziele, Personen oder Inhalte etc. zu beleuchten.
    Das Ziel ist Macht über den Weg der Konfession, denn das Konzept funktioniert schon seit Jahrtausenden (erinnert sei an die Predigten der Päpste) und das eigentlich schlimme ist, dass diese Kräfte permanent westlich unterstützt werden, durch Waffenlieferungen, auf der anderen Seite dann wieder bekämpft werden und da muss man sich die Frage stellen, wer hat eigentlich in den letzten 11 Jahren von dem "Krieg gegen den Terror" tatsächlich profitiert? Firmen wie Exxon brauchen Al Kaida und umgekehrt und die Leidtragenden sind die Zivilisten. Wieviele Menschen sind eigentlich insgesamt im letzten Jahrzehnt diesem Krieg zum Opfer gefallen?

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    "The administration of President Hamid Karzai has assured Pakistan and India that it has reached an ‘understanding’ with Taliban insurgents to ensure the security of the multi-billion-dollar Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India (TAPI) gas pipeline project."

    http://tribune.com.pk/sto...

  3. 4. Nun ja

    Was erwarten Sie von einem Artikel der mit der Schlagzeile
    "Terrornetzwerk/Filialen des Schreckens" beginnt ? Ob die Autoren in einem Text über US-Drohnen-Stützpunkte ähnliche Formulierungen wählen würden ?

    http://www.guardian.co.uk...

  4. "The administration of President Hamid Karzai has assured Pakistan and India that it has reached an ‘understanding’ with Taliban insurgents to ensure the security of the multi-billion-dollar Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-India (TAPI) gas pipeline project."

    http://tribune.com.pk/sto...

    Antwort auf "Interessant"
    • MaxS2
    • 10. November 2012 13:19 Uhr

    Das Problem besteht doch darin, dass diese gewaltbereiten Gruppen immer auch eine religiöse Komponente haben, und z.B. mit den islamischen Lehren für Paradies, Kampf und Jungfrauen im Jenseits werben können.
    (z.B. "Koran 9:111 Gott hat von den Gläubigen ihre eigene Person und ihr Vermögen dafür erkauft, daß ihnen das Paradies gehört, insofern sie auf dem Weg Gottes kämpfen und so töten oder getötet werden. ...")

    Dieser Zusammenhang ist zwar im Grund offensichtlich, aber die notwendigen Konsequenzen daraus werden nicht gezogen: Dass nämlich gewisse islamische Lehren Grundlage des Problems sind. Damit wird das Problem dieser ganzen Jihadistengruppen aus meiner Sicht unlösbar.

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    dass der Islam keine einheitliche Religion ist, abgesehen davon, dass eine gemeinsame Führerperson fehlt, wie auch im Christentum, das aber die Spaltung nach dem 30jährigen Krieg erfolgreich überwunden hat. Heute würde keinem Prostestanten mehr einfallen, mit dem Schwert gegen Katholiken vorzugehen. Diese Toleranz ist aber nicht wirklich alt: In meiner Jugend waren die Prostestanten die Ungläubigen, die dereinst in der Hölle schmoren werden.
    Im Namen Allahs gehen sie derzeit noch immer aufeinander los, ein Kampf um Macht und Führung, denn die strenggläubigen Wahabiten und Salafisten für sich entscheiden könnten, weil hinter ihnen das Kapital Saudi-Arabiens steckt.

    • lxththf
    • 10. November 2012 14:11 Uhr

    Zu sagen, es sind ein paar islamische Grundlagen, die daran Schuld sind? Wenn es nicht der Islam wäre, dann würde eine andere Ideologie herhalten müssen, denn Sie sollten verstehen, dass das Problem vor allem ein soziales ist. Die betroffenen Länder haben schlicht und ergreifend soziale nicht lösbare Probleme, wie z.B. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, eine schlechte Infrastruktur und und und Das sollte einem alles bekannt vorkommen, denn das gab es auch mal in Europa und führte wozu?
    Interessant ist z.B. das SaudiArabien im Artikel mit keiner Silbe erwähnt wird und das generell sehr selten, wenn es um Al Kaida geht. Oder die Vereinigten arabischen Emirate oder Katar. Warum ist das so, obwohl hier der Islam sehr hart und wenig tolerant ausgeübt wird? Warum fasst hier AL Kaida keinen Fuß? Weil soziale Probleme mit ÖlMilliarden weggewischt werden.
    Und dann muss man immernoch die Gegenfrage stellen. repräsentieren der KuKluxKlan oder die AryanBrotherhood, oder ein Breivik in irgendeiner Weise Christen, als Gesamtheit?
    Nein, denn sie pervertieren und instrumentalisieren Religion, genauso wie es radikale islamistische Terroristen tun.

    Das Problem bei diesen gewaltbereiten Gruppierungen ist, dass sie sich -so wie Sie es hier auch machen- aus dem Koran ohne den Zusammenhang zu beachten nur das rauspicken, was ihrer Ideologie entspricht.

    Sie führen hier Sure 9:111 an und zitieren einen Teil davon. Steht da ein bestimmter (böswilliger?) Absicht dahinter, wenn Sie uns den Teil mit "Denjenigen, die sich in Reue (zu Allah) wenden, (Ihn) anbeten (.....)DIE DAS GUTE GEBIETEN und DAS BÖSE VERBIETEN und die Schranken Allahs achten verkünde (diesen) Gläubigen die frohe Botschaft." unterschlagen?

    So ähnlich gehen auch die Rattenfänger der Al Qaida-Truppe mit ihrer -zum großen Teil- analphabeten Anhängerschaft vor.

    Die Konsequenzen, die Sie ansprechen müssen auch die westlichen Staaten ziehen: AL Qaida (und dessen zahlreiche Ableger) ist eine wahhabitische Terrororganisation.
    Wie wäre es, wenn wir die wirtschaftlich und militärisch enge Zusammenarbeit mit unseren wahhabitischen Verbündeten beenden würden? Oder ihnen zumindest keine Waffen mehr liefern würden??

  5. das Terrornetzwerk geschwächt haben, weil seine eigene islamistisch-revolutionäre Theorie widerlegt wurde"

    Dieser Ansicht möchte ich widersprechen: Der Arabische Frühling war eine gezielt vorbereitete Aktion der Moslembrüder (politische Heimat wie die Djihadisten in Saidiarabien) bzw. andere radikale Islamistengruppen, wobei sehr gezielt der Unmut in der jungen, nach Demokratie strebenden Jugend zum eigenen Emporkommen benützt wurde. Dies war leicht möglich, weil den Jungen jede Erfahrung zur politischen Führerschaft fehlte.
    Das war in Tunesien so und in Ägypten. In den anderen Ländern, wie dem Jemen, Libyen und jetzt Syrien hat man sich gleich gar nicht die Mühe des Versteckens hinter jungen Revolutionären gegeben. Da war von Anfang an klar, wohin der Weg geht. Und hinter all dem steckt auch noch der innerislamische Glaubenskonflikt, wobei es jetzt den Anschein hat, als würde Saudiarabien als Sieger hervorgehen, siehe Irak.

    Noch sind sie pro forma Verbündete der USA, aber wehe, wenn sich das ändern sollte. Dann stirbt zuerst Israel und danach geht der Terror in Amerika und Europa so richtig los, bis zum Dritten Weltkrieg. Ein Horrorszenario! Der Westen sollte die Alarmsituation ernster nehmen!

  6. Ich verstehe es einfach nicht. Es werden Milliarden in den Kampf gegen diese Gruppen gepumpt. Man missachtet im kampf gegen den Terror internationales Recht. Der "Drohnenkrieg" ist nur wieder eine neue Abart des verzweifelten Abrückens von Maßstäben an Recht und Gesetz, der diesen Terror nicht bekämpft, sondern neuen Terror schafft.

    Aber all diese unrechtmäßige Einmischung in die Belange anderer Länder, all die Brüche internationen Rechtes um Einzelfiguren dieses Netzwerkes auszuschalten, sind verbunden mit unglaublich vielen zivilen Kollareralopfern.

    Wer ein Mitglied des Terrors mittels einer drohne tötet und dabei 10 zivile Opfer prodziert, bekämpft den Terror nicht. Denn man hat bei den Angehörigen dieses Mordes wieder dutzende neue Rekruten für die Terrorcamps geschaffen.

    Nein, alles in allem schafft die Aussenpolitik und die von der USA dominierte NATO-Politik Terror.

    Nicht nur, dass man diesen Gruppen ständig neue Rekruten beschert - man verfolgt auch deren Finanziers überhaupt nicht.

    "Gelder aus Saudi-Arabien sind die bedeutendste Finanzierungsquelle von sunnitischen Terrorgruppen weltweit."

    Hillary Clinton, Wikileaks Cable

    http://www.dw.de/saudi-ar...

    P.S. Sehr guter Artikel!

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  • Schlagworte Al-Kaida | Islamistischer Terrorismus | Antiterrorkampf | Terrorismus
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