TerrornetzwerkFilialen des Schreckens

Das Terrornetzwerk Al-Kaida ist nicht besiegt. In Afrika und in der arabischen Welt findet es neue Verbündete und Einflusszonen. von  und

Islamistische Milizen in Mali

Islamistische Milizen in Mali  |  © Adama Diarra/Reuters

Al-Kaida? Ist das noch eine Gefahr? Am 11. September 2012, genau elf Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington, starben bei einem Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi vier amerikanische Diplomaten, darunter der Botschafter Christopher Stevens. Die mutmaßlichen Täter: libysche Dschihadisten aus dem Umfeld von Al-Kaida.

In den USA und Europa hat man zuletzt recht siegessicher den Niedergang des Terrornetzwerks vorausgesagt. Der letzte Kaida-Anschlag im Westen, die Selbstmordattentate auf das Londoner U-Bahn- und Bussystem mit 52 Toten, liegt sieben Jahre zurück. Seither hat Al-Kaida schwere Schläge einstecken müssen: Ein US-Spezialkommando tötete vor anderthalb Jahren Osama bin Laden. Durch ihre hochumstrittenen Drohnenangriffe haben die USA klaffende Lücken in die Führung des Netzwerks gerissen. Weitere Attentatsversuche im Westen scheiterten entweder an den Sicherheitsbehörden oder an der Stümperhaftigkeit der Terroristen. Die Kaida-Zentrale im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet sei »ziemlich zusammengeschmolzen«, sagt etwa William McCants von der Johns Hopkins University. »Sie kann keine Anschläge im Ausland mehr durchführen, sie verliert weiterhin wichtige Führer, das Geld ist knapp.«

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Doch wer über Amerika und Europa als mögliche Anschlagsziele hinausblickt, sieht ein anderes Bild. Fragt man nach der globalen Dschihadisten-Bewegung, so antworten Experten wie McCants: »Der geht es ganz gut! Es gibt derzeit eine erstaunliche Homogenität in diesem Universum, aber noch relativ wenig strategische Kohärenz angesichts der Tatsache, dass Al-Kaida, ihr gemeinsamer Nordstern, allmählich verblasst.«

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Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Ideologisch mag der Arabische Frühling das Terrornetzwerk geschwächt haben, weil seine eigene islamistisch-revolutionäre Theorie widerlegt wurde. Operativ hat er es gestärkt, weil sich nun ganz neue Aktionsfelder und Kooperationsmöglichkeiten bieten. Wer einen Eindruck von der aktuellen Reichweite Al-Kaidas gewinnen möchte, von ihren neuen, diffuseren Formen und Gesichtern, der muss sich mit dem Finger auf der Weltkarte auf eine Reise begeben, die durch den Nahen Osten, Südasien, Ost- und Westafrika führt. Wo fängt man an? Am besten dort, wo Al-Kaida derzeit ihr wichtigstes Schlachtfeld verortet: in Syrien.

Seit dem Abzug der USA nehmen die Anschläge im Irak zu

Syrien – das ist zuallererst der Aufstand gegen ein äußerst brutales diktatorisches Regime. Aber es ist inzwischen auch ein Lieblingskonflikt für Dschihadisten: Baschar al-Assad, von Islamisten als gottlos verabscheut, ist an sich schon ein logisches Ziel. Zudem aber genießt Syrien eine fast mythische Bedeutung als vermeintlicher Ausgangsort für die »Befreiung Jerusalems«. In den vergangenen Monaten ist das Land zum Magneten für selbst ernannte Gotteskrieger geworden– ein neuer Hotspot auf der Weltkarte des Terrorismus. Fast täglich veröffentlichen dschihadistische Webseiten Nachrufe auf dort gestorbene Kämpfer und Selbstmordattentäter. Unter den »Märtyrern« finden sich nicht nur Syrer, sondern auch Libyer, Ägypter, Jordanier, Iraker, sogar Norweger: Niemand weiß genau, wie viele sogenannte foreign fighters in Syrien eingesickert sind, aber Experten gehen von mindestens 1000 aus. Dieser Treck nach Syrien verdeutlicht, dass sich bei Al-Kaida und Co. derzeit die Prioritäten verschieben: Der Krieg gegen den »fernen Feind«, also den Westen, der lange im Vordergrund ihres Trachtens stand, verliert an Attraktivität – denn der Kampf gegen den »nahen Feind«, die vermeintlich gottlosen Regime ihrer Heimatregion, ist erstmals seit Jahren wieder eine reale Option.

In Syrien finden die Freiwilligen Anschluss an etliche im Bürgerkrieg gegründete dschihadistische Gruppierungen. Die wichtigste ist Dschabhat al-Nusra, die »Unterstützungsfront«, die im Januar 2012 erstmals in Erscheinung trat. Heute verübt diese Gruppe täglich Anschläge in Syrien. Die Dschihadisten wollen sich in Syrien festsetzen, sie streben Zonen eigener Kontrolle an. Die »Unterstützungsfront« kämpft keineswegs nur gegen das Regime. Syrische Flüchtlinge berichten übereinstimmend, dass ihre Kämpfer gezielt Christen ermorden – selbst wenn diese zur Opposition zählen. Bislang hat sich die »Unterstützungsfront« zu ihrem Verhältnis zu Al-Kaida nicht geäußert. Aber Experten wie der jordanische Autor Fuad Hussein sehen klare Hinweise darauf, dass die »Front« de facto ein Ableger der Irak-Filiale Al-Kaidas ist.

Dass Al-Kaida im Irak zu solchen Aufbauleistungen in einem Nachbarland in der Lage ist, kündet wiederum von ihrer eigenen Stabilisierung seit dem Abzug der US-Kampftruppen. Irakische und US-Beamte beobachten seit einem Vierteljahr, dass Al-Kaida im Irak wieder mehr Anschläge verübt. Es sind derzeit etwa 140 pro Woche – doppelt so viele wie noch zu Jahresbeginn. Erst vor Kurzem befreiten Kaida-Kämpfer mehrere Gesinnungsgenossen aus einem Gefängnis – die ersten sollen in Syrien eingetroffen sein.

Leserkommentare
  1. dass der Islam keine einheitliche Religion ist, abgesehen davon, dass eine gemeinsame Führerperson fehlt, wie auch im Christentum, das aber die Spaltung nach dem 30jährigen Krieg erfolgreich überwunden hat. Heute würde keinem Prostestanten mehr einfallen, mit dem Schwert gegen Katholiken vorzugehen. Diese Toleranz ist aber nicht wirklich alt: In meiner Jugend waren die Prostestanten die Ungläubigen, die dereinst in der Hölle schmoren werden.
    Im Namen Allahs gehen sie derzeit noch immer aufeinander los, ein Kampf um Macht und Führung, denn die strenggläubigen Wahabiten und Salafisten für sich entscheiden könnten, weil hinter ihnen das Kapital Saudi-Arabiens steckt.

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    • MaxS2
    • 10. November 2012 15:20 Uhr

    "dass der Islam keine einheitliche Religion ist, abgesehen davon, dass eine gemeinsame Führerperson fehlt, wie auch im Christentum"

    Naja, aber grundsätzlich hat natürlich jede Religion und jede Ideologie verschiedene Gruppen und Strömungen. Das ändert aber nichts an den grundlegenden Lehren, die eben mehr oder weniger gut radikale Ideen hervorbringen oder nicht. Der Islam entstand nunmal leider im Kontext einer kriegerischen Eroberung Arabiens mit den "Ungläubigen" als Feind. Da ist es doch kein Wunder, wenn immer wieder Sharia und Jihadisten entstehen.

    Aber im Grunde weisen alle drei Offenbarungsreligionen gewalttätige Inhalte und eine ebensolche Entwicklung auf. Auch die Israeliten haben einst kein menschenleeres Land als ihre Heimstatt auserkoren, und die gewalttätigen Kreuzzügler bzw. die grausam missionierenden Europäer sind kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Christentums. Und von den Djihadisten heutzutage brauchen wir gar nicht erst zu reden: Die sind der beste Beweis, daß Religion als Transportmittel für Macht und Gewalt noch immer tauglich ist. Will Europa eine Zukunft haben, dann nur als laizistisches Staatengebilde mit strengen Regeln zur Einhaltung.

    • scotty7
    • 10. November 2012 13:37 Uhr

    Langsam dämmerts langsam.

    Was in Libyen und Syrien angerichtet wurde:
    Islamisten breiten sich dort aus,und werden ungestört ausgebildet.

    In Afganistan werde solche Ausbildungslager mit Drohnen angegrifen.

  2. ..eine stilistische Frage:

    "Al-Kaida jedenfalls hat vor Granaten ganz sicher weniger Angst als vor guter Regierung und Verwaltung."

    Fehlt da ein Artikel oder soll das die Übersetzung von "Good governance" sein.

    http://de.wikipedia.org/w...

  3. Die Finanzierung dieser Terrorgruppen fließt hauptsächlich durch Länder, die wir als unsere größten partner in der region bezeichnen. Reiche Gönner aus Saudi-Arabien, Katar und Kuweit träumen von der Errichtung eines Kalifats. Stecken Abermillionen in diese Gruppen. Die verzweifelten Versuche der Amis diesen Geldfluss trocken zu legen, werden von den Scheichs politisch abgeblockt.

    Die Golfstaaten dulden nicht nur die Finanzierung des Terrors, sie unterstützen auch Salafisten politisch. Tunesien, Ägypten, Libyen. Egal. Den Scheichs mit ihren Petrodollarn ist jedes Mittel recht um ihren theokratischen Einflussbereich rund um Mekka auszubauen.

    Solange unserer "Partner" in der Region von uns so gebuttert werden, wir Ihnen sogar High-Tech-Waffen liefern für Milliarden, wird der Terror nie besiegt werden.

    Kurz gesagt:

    - Die Golfstaaten sind unsere größten Partner in der Region
    - Wir unterstützen diese als Gegenpol zum Iran
    - Diese Staaten unterstützen Terror weltweit
    - Diese Staaten sind die absolutistischsten Diktaturen weltweit
    - Die Petrodollars der Scheichs stecken in Kernbereichen der europäischen und us- amerikanischen Wirtschaft
    - Die Protestbewegungen in diesen Ländern werden blutig unterdrückt und die Berichterstattung darüber zensiert.

    http://www.telegraph.co.u...

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    ..zusammengefasst.

    "Kurz gesagt:

    - Die Golfstaaten sind unsere größten Partner in der Region
    - Wir unterstützen diese als Gegenpol zum Iran
    - Diese Staaten unterstützen Terror weltweit
    - Diese Staaten sind die absolutistischsten Diktaturen weltweit
    - Die Petrodollars der Scheichs stecken in Kernbereichen der europäischen und us- amerikanischen Wirtschaft
    - Die Protestbewegungen in diesen Ländern werden blutig unterdrückt und die Berichterstattung darüber zensiert."

    • lxththf
    • 10. November 2012 14:11 Uhr

    Zu sagen, es sind ein paar islamische Grundlagen, die daran Schuld sind? Wenn es nicht der Islam wäre, dann würde eine andere Ideologie herhalten müssen, denn Sie sollten verstehen, dass das Problem vor allem ein soziales ist. Die betroffenen Länder haben schlicht und ergreifend soziale nicht lösbare Probleme, wie z.B. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, eine schlechte Infrastruktur und und und Das sollte einem alles bekannt vorkommen, denn das gab es auch mal in Europa und führte wozu?
    Interessant ist z.B. das SaudiArabien im Artikel mit keiner Silbe erwähnt wird und das generell sehr selten, wenn es um Al Kaida geht. Oder die Vereinigten arabischen Emirate oder Katar. Warum ist das so, obwohl hier der Islam sehr hart und wenig tolerant ausgeübt wird? Warum fasst hier AL Kaida keinen Fuß? Weil soziale Probleme mit ÖlMilliarden weggewischt werden.
    Und dann muss man immernoch die Gegenfrage stellen. repräsentieren der KuKluxKlan oder die AryanBrotherhood, oder ein Breivik in irgendeiner Weise Christen, als Gesamtheit?
    Nein, denn sie pervertieren und instrumentalisieren Religion, genauso wie es radikale islamistische Terroristen tun.

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    Behaupten Sie allen ernstes dass die Ideologie keine Rolle spielt? Beim Kommunismus oder den Faschismus wohl auch nicht? Waren es also nur soziale Probleme die zum Gulag und zum KZ geführt haben? Tatsache ist, dass Ideologien und manche Religionen gute Menschen dazu bringen fürchterliches zu tun oder dieses Tun zu dulden. Der Islam, von geburt an als theokratisches System gedacht und umgesetzt, ist und bleibt eine totalitäre Herrschaftsform. Das es innerhalb dieses Glaubens (Ideologie) verschiedene Richtungen gibt tut dabei nichts zur Sache. Die Trotzkisten waren ebenso Kommunisten wie die Stalinisten. Die Leute von Ernst Röhm waren ebenso Nazis wie die um Hitler und die Shiiten sind ebenso islamisch wie die Sunniten. Unterschiede innerhalb dieser ansonsten totalitären Bewegungen finden sich hauptsächlich in der Personalpolitik oder bei der Wahl der Mittel, eindeutig aber nicht beim Ziel den sie zu erreichen Trachten. Im Kommunismus die kommunistische Gesellschaft, im Faschismus die reine Nation und im Islam die Regierung Gottes bzw die Diktatur Gottes und seiner Gesandten auf Erden.

  4. Das Problem bei diesen gewaltbereiten Gruppierungen ist, dass sie sich -so wie Sie es hier auch machen- aus dem Koran ohne den Zusammenhang zu beachten nur das rauspicken, was ihrer Ideologie entspricht.

    Sie führen hier Sure 9:111 an und zitieren einen Teil davon. Steht da ein bestimmter (böswilliger?) Absicht dahinter, wenn Sie uns den Teil mit "Denjenigen, die sich in Reue (zu Allah) wenden, (Ihn) anbeten (.....)DIE DAS GUTE GEBIETEN und DAS BÖSE VERBIETEN und die Schranken Allahs achten verkünde (diesen) Gläubigen die frohe Botschaft." unterschlagen?

    So ähnlich gehen auch die Rattenfänger der Al Qaida-Truppe mit ihrer -zum großen Teil- analphabeten Anhängerschaft vor.

    Die Konsequenzen, die Sie ansprechen müssen auch die westlichen Staaten ziehen: AL Qaida (und dessen zahlreiche Ableger) ist eine wahhabitische Terrororganisation.
    Wie wäre es, wenn wir die wirtschaftlich und militärisch enge Zusammenarbeit mit unseren wahhabitischen Verbündeten beenden würden? Oder ihnen zumindest keine Waffen mehr liefern würden??

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    • MaxS2
    • 10. November 2012 15:31 Uhr

    "Sie führen hier Sure 9:111 an und zitieren einen Teil davon.
    Steht da ein bestimmter (böswilliger?) Absicht dahinter, wenn Sie uns den Teil mit "Denjenigen, die sich in Reue (zu Allah) wenden, (Ihn) anbeten (.....)DIE DAS GUTE GEBIETEN und DAS BÖSE VERBIETEN und die Schranken Allahs achten verkünde (diesen) Gläubigen die frohe Botschaft." unterschlagen?"

    In Sure 9/111 geht es darum, dass "Allah" für "Töten und getötet werden" auf dem "Weg Gottes" das Paradies verspricht. Das ist exakt die Begründung für viele Jihadisten, die deshalb Gewalt anwenden oder Anschläge verüben. Es ist eine Lehre, die Menschen den "Kampf" herbeisehen lässt, und ihnen Morden rechtfertigt.

    Die darauffolgenden Verse machen dies in keiner Weise besser. Sie verstärken nur den Gegensatz der "guten Muslime, die das Rechte gebieten" zu den Ungläubigen.

    Und ehrlich gesagt verstehe ich auch nicht, wie Sie das rechtfertigen können. Ich in meinem ganzen Leben noch nie eine so schlimme Hetzschrift gelesen, wie diese Sure 9 im Koran. Daher wundert es mich auch nicht, dass sich einige Gläubige davon zu Gewalt inspirieren lassen.

    Wer von den Mitlesenden sich überzeugen möchte, die Sure in voller Länge kann man z.B. hier lesen:

    http://de.knowquran.org/k...

    • Gomulka
    • 10. November 2012 14:34 Uhr

    ...lesen wir hier wieder (oder haben seit Monaten gelesen!) vom "blutrünstigen Massenmörder" Assad, der "sein Volk schlachtet", sowie von "heldenhaften demokratischen Oppositionsaktivisten"!

    Ich finde das irgendwie schizophren.

  5. ..zusammengefasst.

    "Kurz gesagt:

    - Die Golfstaaten sind unsere größten Partner in der Region
    - Wir unterstützen diese als Gegenpol zum Iran
    - Diese Staaten unterstützen Terror weltweit
    - Diese Staaten sind die absolutistischsten Diktaturen weltweit
    - Die Petrodollars der Scheichs stecken in Kernbereichen der europäischen und us- amerikanischen Wirtschaft
    - Die Protestbewegungen in diesen Ländern werden blutig unterdrückt und die Berichterstattung darüber zensiert."

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