"Städtebau für Mussolini"Der Terror in modernen Formen

Wie man mit Architektur Politik macht: Ein stupender Band über den Städtebau im italienischen Faschismus. von Robert Kaltenbrunner

Paris in seiner überlieferten Pracht zu erhalten: das erklärte der Dichter Victor Hugo zu einem Ziel, für das zu kämpfen er gewillt war. In seinem Roman Der Glöckner von Notre-Dame – genauer, in dem geschichtsphilosophischen Kapitel mit dem Titel Dieses wird jenes töten – stellte er fest, dass in demokratischen Zeiten für alles Große kein Platz mehr sei und das Leben ästhetisch verarme. Gerade weil Hugo alles andere als ein Feind der Demokratie war, schien es ihm umso dringlicher, all das zu retten, was die Vergangenheit uns an Majestätischem und Schönem hinterlassen hat. Freilich ist dieser Anspruch paradox: Denn hätte der Präfekt Haussmann nicht wenige Jahre nach dem Erscheinen von Hugos Roman ganze Viertel abgerissen, um den grands boulevards Platz zu machen, dann wäre die französische Kapitale nicht jenes Paris, das viele für die schönste Stadt der Welt halten.

Auch Rom wurde einer epochalen Renovation unterzogen, einiges daran erinnert an Napoleon III. und seinen Baumeister Haussmann. Hier aber war der Impulsgeber Benito Mussolini. Als der Diktator 1922 an die Macht kam, setzte er alles daran, in seiner Hauptstadt die Überreste der Antike erneut zur Geltung zu bringen. Dafür ließ er Monumente wie das Kapitol oder das Augusteum freilegen und neue Achsen anlegen, zum Beispiel vom Denkmal des Vittorio Emanuele zum Kolosseum. Wichtige Teile des mittelalterlichen Roms wurden geschleift. Allein die Schneise für die Via della Conciliazione, die auf Sankt Peter zuführt, bedeutete die Vertreibung von 5.000 Menschen.

Anzeige

Zu behaupten, die Archäologie sei so zum eigentlichen Stadtplaner geworden, wäre freilich zu kurz gegriffen. Der forcierte Umbau Roms war nur eine Facette in den Unternehmungen des Duce. Um zu verstehen, was den italienischen Faschismus im Kern ausmacht, muss man seine räumlichen und planerischen Leitbilder analysieren – zumal sie stets auch die propagandistische Aufwertung des Regimes implizierten. Dennoch wurde dieser entscheidende Prozess der Neujustierung bislang nur fragmentarisch dokumentiert und reflektiert. Das Bild zu schärfen ist das Anliegen des renommierten Berliner Städtebau-Historikers Harald Bodenschatz, der nun eine beredte Studie herausgegeben hat. Deren Wert liegt schon darin, zwei getrennt verlaufende Diskursfäden miteinander zu verweben.

Es ist durchaus überraschend, wie sehr das faschistische Regime seine Mittelschichten »urbanisierte«: Viel Wert wurde auf neue Arbeitsplätze und kompakte Wohnquartiere in den umgebauten historischen Zentren gelegt, während parallel etwa in den USA und Deutschland dem vorstädtischen Siedlungsbau der Weg geebnet wurde. Auch dem eiligen Leser wird klar, dass es bei Mussolinis zentral gesteuerter Architektur- und Städtebaupolitik nicht um bloße Machtästhetik ging, sondern sie das Vehikel darstellte, um Gesellschafts- und Sozialpolitik zu betreiben. In kaum einem Land der Welt wurde so viel gebaut wie in Italien. Rathäuser und Postämter, Bahnhöfe und Parteibüros, Schulen und Sitze der Korporationen – bis heute prägen sie, meist in ihrer ursprünglichen Funktion belassen, die Zentren der italienischen Städte.

Die Bildsprache der Architektur war zunächst vielfältig. An der langatmigen Debatte, die über den »einzig richtigen« Stil für den faschistischen Staat geführt wurde, beteiligten sich sowohl Traditionalisten um den Römer Accademico Marcello Piacentini wie auch die sogenannten Rationalisten. Architekten, die der europäischen Moderne verbunden waren, bauten in den dreißiger Jahren fast genauso viel wie ihre historistisch gestimmten Kontrahenten.

Diese Ambivalenz zeigt sich im Werk von Guiseppe Terragni: Obgleich ihm von Bodenschatz nur wenig Platz eingeräumt wird, schwebt sein Mythos doch unverrückbar über der modernen Architektur Italiens, mal bedrohlich wie eine Regenwolke, dann wiederum so glänzend, als werfe er unter der Sonne keine Schatten. Als glühender Faschist realisierte er im Auftrag des Duce epochale moderne Entwürfe. Seine Casa del Fascio in Como (1932 bis 1936) ist ein raffiniertes Gebilde: ein kubischer Solitär, so präzise in den Stadtraum implantiert, dass seine Hauptfront gegenüber der Apsis des Domes platziert und auf die Sichtachse der wichtigsten Straße ausgerichtet war. Sticht der Bau schon aufgrund seiner klaren Form aus der ihn umgebenden Baumasse heraus, verhilft ihm die prominente Stellung gegenüber der historischen Stadt zu einer ungewöhnlichen Präsenz. Und manifestiert den Anspruch, das faschistische Regime vis-à-vis der Institution der katholischen Kirche zu etablieren.

Leserkommentare
  1. Diktaturen nur hier können die ganz großen Würfe umgesetzt werden. Ein Nachteil der Demokratie oder aber auch die Angst der Demokratien vor großer Einheitlichkeit?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    hoffe, das war nicht verharmlosend gemeint.
    in Bozen ein Faschistendenkmal voller Liktorenbündel auf dem "sieges-"platz stehen zu haben bzw. am gerichtsplatz ein ca. 5 m hohes Mussolinirelief mit Faschistenrelief bewundern zu dürfen, ist 90 jahre nach dem marsch auf Rom weder lustig noch vernächlässigenswert. Genauso wie die größtenteils erfundenen italienischen ortsnamen, die laut gesetz gültig sind, während bei den deutschen erst ihr gebrauch nachgewiesen werden muß, steht diese triumphalarchitektur für eine kolonialmentalität, die sich nicht nur immer noch keiner schuld bewußt ist, sondern derartige wahrzeichen weiterhin für die eigene identätsbildung braucht.

    • Azenion
    • 12. November 2012 17:31 Uhr

    Vorzuwerfen ist Haussmann weniger, daß er ein modernes Paris schuf, als daß er dafür auch das letzte Bißchen Alt-Paris zerstört hat.
    Wenigstens auf der Ile de la Cité, um Notre Dame, hätte er das alte Paris belassen können, ohne daß dies seinen Grands Boulevards im Wege gestanden hätte. Nun herrscht gerade im historischen Herzen der Stadt städtebauliche Ödnis.

    Eine Leserempfehlung
  2. hoffe, das war nicht verharmlosend gemeint.
    in Bozen ein Faschistendenkmal voller Liktorenbündel auf dem "sieges-"platz stehen zu haben bzw. am gerichtsplatz ein ca. 5 m hohes Mussolinirelief mit Faschistenrelief bewundern zu dürfen, ist 90 jahre nach dem marsch auf Rom weder lustig noch vernächlässigenswert. Genauso wie die größtenteils erfundenen italienischen ortsnamen, die laut gesetz gültig sind, während bei den deutschen erst ihr gebrauch nachgewiesen werden muß, steht diese triumphalarchitektur für eine kolonialmentalität, die sich nicht nur immer noch keiner schuld bewußt ist, sondern derartige wahrzeichen weiterhin für die eigene identätsbildung braucht.

    Antwort auf "Architekten lieben"
    • reniarr
    • 12. November 2012 23:44 Uhr

    Im Artikel wird am Anfang der Stadtumbau von Paris durch Haussmann angesprochen. Dann wird ausführlich auf den Städtebau in Italien zur Zeit Mussolinis eingegangen.
    Im letzten Absatz wird die (Unter-)Überschrift des Artikels "Was also unterscheidet einen demokratischen Städtebau von einem diktatorischen?" aufgegriffen und als kaum beantwortbar erklärt. Gut Mussolini = Diktatur, ok! Aber wo bitte ist hier das demokratische Gegenbeispiel? Die Zeit Napoleons des III. in Frankreich doch wohl kaum...

  3. 5. Bonmot

    Es soll während der Olympiaden in Rom ein Journalist der New York Times Mussolini gefragt haben wie es sich anfühle Italien zu regieren. Antwort Mussolinis: "Ich habe keine Ahnung. Italien ist nicht zu regieren".
    Wenns nicht wahr ist dann ist es gut erfunden ;)

    • Tiroler
    • 13. November 2012 0:49 Uhr

    Das Originalzitat Mussolinis auf die Frage, ob Italien schwierig zu regieren sei, lautet (übersetzt): "Es ist nicht schwierig, Italien zu regieren, aber es ist vergeblich". Übrigens gab es damals keine "Olympiaden" in Rom. 1936 wurden die Olympischen Spiele an Nazi-Deutschland vergeben, 1940 sollte das faschistische Italien an die Reihe kommen. Da Italien in diesem Jahr Frankreich und Großbritannien den Krieg erklärt hat, wurden die olympischen Spiele in Italien auf 1960 verschoben. Da war Mussolini schon tot. An seinem Grab haben kürzlich 5000 Faschisten den 90. Jahrestag der Machtergreifung des Faschismus gefeiert. Das Ende des Faschismus kann leider noch nicht ´gefeiert werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke für die Klärung.
    Schöne Grüsse aus Innsbruck.

  4. Danke für die Klärung.
    Schöne Grüsse aus Innsbruck.

    Eine Leserempfehlung
    • Tiroler
    • 14. November 2012 22:32 Uhr

    Da es hier um faschistische Architektur geht, vielleicht noch ein Zitat von Mussolini zu diesem Thema: "La donna deve obbedire. [...] Essa è analitica, non sintetica. Ha forse mai fatto dell'architettura in tutti questi secoli? Le dica di costruirmi una capanna, non dico un tempio! Non lo può! Essa è estranea all'architettura, che è la sintesi di tutte le arti, e ciò è un simbolo del suo destino.[...]. Nel nostro Stato essa non deve contare." Übersetzung: "Die Frau muss gehorchen. [...] Sie ist analytisch, nicht synthetisch. Hat sie vielleicht jemals in all diesen Jahrhunderten Architektur betrieben? Sagen sie ihr, so soll mir eine Hütte bauen, geschweige denn einen Tempel! Sie kann es nicht. Sie ist fern der Architektur, die eine Synthese aller Künste ist, und das ist ein Symbol für ihre Bestimmung. [...] Sie darf in unserem Staat nichts zählen."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Architektur | Städtebau | Italien | Sachbuch | Buch | Literatur
Service