Ausstellung "Schwestern der Revolution"Kunst der Zuversicht

Die Avantgarde war weiblich: Eine Ausstellung über russische Revolutionärinnen in Ludwigshafen. von Shirin Sojitrawalla

Gleich zu Beginn blickt uns Natalja Gontscharowa derart selbstsicher entgegen, als wolle sie im nächsten Moment die gelben Lilien, die sie im Arm trägt, dazu verwenden, fremder Leute Autoscheiben einzuschlagen. Doch auf ihrem Selbstporträt steht sie still, und erst 90 Jahre später wird die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist genau das tun. Die 1881 geborene Gontscharowa ist eine der zwölf Schwestern der Revolution, die das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen derzeit hochleben lässt. Künstlerinnen der russischen Avantgarde, deren Werke vom politischen wie ästhetischen Aufbruchsgeist der Jahre zwischen 1907 und 1934 zeugen – und die in Deutschland bislang so gut wie nie zu sehen waren. Der große Aufbruch war auch weiblich, so zeigt sich hier.

Gontscharowas Kunst, die schon mengenmäßig die Ausstellung überstrahlt, lässt sich eindrücklich in all ihrem Stilreichtum bestaunen. Darunter betörende Verherrlichungen des ländlichen Lebens (Kartoffel setzende Bäuerinnen), eigenwillige Porträts (Kopf einer Spanierin), zahllose Modezeichnungen wie auch ihre hinreißende Herbstlandschaft, auf der Gorkis Sommergäste unter drängenden Bäumen dunklen Zeiten entgegenzutrödeln scheinen.

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Wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen arbeitete Gontscharowa auch fürs Theater, und die Ausstellung dokumentiert dankenswerterweise einige der Ausstattungen. Allen voran die Arbeiten von Alexandra Exter, die etwa für Alexander Tairows Inszenierung von Romeo und Julia im Jahr 1921 fürs Moskauer Kammertheater Bühnenbilder und Kostüme entwarf, die vor expressionistischem Ungestüm zu bersten scheinen: waghalsige Bühnenbauten, wie Papierflieger gefaltete Wände, beschwipste Treppenaufgänge, die das dramatische Geschehen gleichermaßen stützen wie formen. In der Ausstellung ist auch die Teilrekonstruktion des Julia-Zimmers aus der damaligen Inszenierung zu sehen. Hauptleihgeber der 112 gezeigten Werke der vor- und nachrevolutionären Zeit ist die Moskauer Tretjakow-Galerie, wo Künstlerinnen traditionsgemäß an vorderster Front hängen. 79 Exponate stammen von dort.

Ausstellung "Schwestern der Revolution"

Bis zum 17. Februar 2013 im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen, Katalog 29,– €

Ganz unter sich bleiben die Frauen in Ludwigshafen allerdings nicht: Kasimir Malewitsch, Lichtgestalt der russischen Avantgarde und Begründer des Suprematismus, ist mit zwei Werken vertreten. Natürlich auch, weil sie zur hauseigenen Sammlung gehören. Jetzt kommen sie mit den beiden in Sichtweite hängenden suprematistischen Kompositionen der unbedingt noch zu entdeckenden Malewitsch-Schülerin Anna Kagan ins Gespräch. Ihr Vorbild ist unverkennbar, und doch entwickelt sie eine ganz eigene Farb- und Formensprache der reinen Empfindung. Das gilt auch für die anderen Künstlerinnen, fast alle aus gutem Hause, sodass sie sich Reisen nach Westeuropa leisten konnten, wo sie sich von Cézanne, Gauguin, Picasso inspirieren ließen.

Aus der Nachahmung formen sie ihren eigenen Stil, der mit der Stilvielfalt spielt und sich oftmals in exzessiver Farbigkeit äußert. Die Befreiung des Menschen geht bei den Künstlerinnen der russischen Avantgarde nicht selten mit der Befreiung der Farben einher; auf den Bildern Gontscharowas explodieren die Farben förmlich, und Warwara Stepanowa bringt ihr abstraktes Gemälde Tanzende Figuren vor weißem Hintergrund derart forsch in Bewegung, dass der Betrachter die leuchtend bunten geometrischen Formen klappern zu hören meint.

Nach der 1999 von Solomon R. Guggenheim organisierten Wanderausstellung Amazonen der Avantgarde, die sechs bekanntere russische Avantgardistinnen um die Welt schickte, rückt die Ludwigshafener Schau auch unbekanntere Namen ins Blickfeld. Etwa Sofia Dymschiz-Tolstaja, mit nur einem kleinformatigen Werk vertreten: Das Oblomow-Syndrom bezieht sich in der Art seiner Gestaltung auf die Kunst der russischen Ikonenmalerei wie auf den Formenreichtum der klassischen Moderne und öffnet dem Betrachter damit interpretatorische Spielräume. Oder Marija Ender, ebenfalls mit einer kleinen Arbeit dabei, einem lautlos schönen Aquarell, beinahe einer Meditation. Genauso berückend, einfach und vage bleiben auch Gontscharowas Violette Wolken in Erinnerung, wie sie auf engstem Raum utopische Zuversicht entfalten.

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Leserkommentare
  1. "Künstlerinnen der russischen Avantgarde, deren Werke vom Aufbruchsgeist des frühen 19. Jahrhunderts zeugen."

    Wer 1880 geboren wurde, kann mit seinen Werken den Aufbruchsgeist des frühen 19. Jahrhunderts nicht bezeugt haben.

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    Redaktion

    Lieber grellseher,

    da haben Sie natürlich recht. Wir haben den Teaser entsprechend geändert.

    viele Grüße, die Redaktion

  2. Redaktion

    Lieber grellseher,

    da haben Sie natürlich recht. Wir haben den Teaser entsprechend geändert.

    viele Grüße, die Redaktion

    Antwort auf "Der Teaser sagt"
  3. Ich glaube, Sie unterschätzen Frauen:

    Treffen sich ein paar Technikerinnen zusammen, um die Probleme von Frauen in technischen Berufen zu besprechen, titeln sie ihre Veranstaltung mit "Technik ist weiblich". Tragen sich Freuen gegenseitig eigene Gedichte vor, um eine angebliche Männerdominanz in der Lyrik zu bestrafen, ist die Zukunft der Lyrik weiblich. Schreiben sie über Bloggerinnen, die weniger gut als die männlichen Blogger ankommen, ist das Internet trotzdem weiblich. Geht es um Fußballerinnen, die etwas einsamer als die Männer in den großen Stadien kicken, ist dennoch der Fußball na? ... Genau!

    Und selbstverständlich ist weiblich die Zukunft Afrikas wie die der Wissenschaft, sogar die der Schmiedekunst; die Zukunft in Cockpits, Operationssälen und kein Ende in Sicht…

    Ich habe mich sehr oft gefragt, wie es sein kann, daß das "begabtere Geschlecht" (Jürgen Trittin) noch nicht kapiert hat, was wir alle schon längst wissen: Nämlich daß alles Hervorragende weiblich war, weiblich ist und weiblich sein wird. OK so?

    3 Leserempfehlungen
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    Guter Versuch.

    Sie hätten aber besser vorher ein kunsthistorisches Buch über die Russische Avantgarde gelesen, denn "die Avantgarde war (zu großen Teilen) weiblich" ist im Hinblick auf den betreffenden Zeitraum in Russland keine Erfindung von ZEIT Online (oder des Ludwighafener Museums), sondern eine etablierte kunsthistorische Einschätzung.

  4. Guter Versuch.

    Sie hätten aber besser vorher ein kunsthistorisches Buch über die Russische Avantgarde gelesen, denn "die Avantgarde war (zu großen Teilen) weiblich" ist im Hinblick auf den betreffenden Zeitraum in Russland keine Erfindung von ZEIT Online (oder des Ludwighafener Museums), sondern eine etablierte kunsthistorische Einschätzung.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Die Avantgarde? "
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    Ach ja, ich hätte etwas gelesen haben müssen, was ich nicht gelesen habe, weswegen Sie automatisch recht behalten. Ziemlich typische Argumentation derer, die keine haben.

    Aber warum sollte ICH etwas lesen? SIE mußten doch den strittigen Satz um die eingeklammerte Ergänzung "zu großen Teilen" erweitern. Gut so! Und ich will auch nicht kleinlich werden und der Frage, wie groß diese Teile nun genau waren, nachzugehen. Falls Ihnen aber die männlichen Werke in den russischen Sammlungen etwas zu viele erscheinen, könnten Sie vorschlagen, so viele von ihnen zu entfernen, bis die Avantgarde wirklich weiblich ist. Für so viel Gendersensibilität könnten heute Putins Leute offen sein.

    • fegalo
    • 15. November 2012 22:57 Uhr

    Die englische Wikipedia führt relevante Künstler der russischen Avantgarde auf, und zwar

    Maler und Designer: 43 Personen, darunter 6 Frauen

    Filmemacher: 6 Personen, darunter 0 Frauen

    Schriftsteller: 4 Personen, darunter 0 Frauen

    Architekten: 8 Personen, darunter 0 Frauen

    Komponisten: 8 Personen, darunter 0 Frauen

    http://en.wikipedia.org/w...

    Die russische Avantgarde war „zu großen Teilen“ weiblich, alles klar.

  5. Ach ja, ich hätte etwas gelesen haben müssen, was ich nicht gelesen habe, weswegen Sie automatisch recht behalten. Ziemlich typische Argumentation derer, die keine haben.

    Aber warum sollte ICH etwas lesen? SIE mußten doch den strittigen Satz um die eingeklammerte Ergänzung "zu großen Teilen" erweitern. Gut so! Und ich will auch nicht kleinlich werden und der Frage, wie groß diese Teile nun genau waren, nachzugehen. Falls Ihnen aber die männlichen Werke in den russischen Sammlungen etwas zu viele erscheinen, könnten Sie vorschlagen, so viele von ihnen zu entfernen, bis die Avantgarde wirklich weiblich ist. Für so viel Gendersensibilität könnten heute Putins Leute offen sein.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "guter Versuch"
    • fegalo
    • 15. November 2012 22:57 Uhr

    Die englische Wikipedia führt relevante Künstler der russischen Avantgarde auf, und zwar

    Maler und Designer: 43 Personen, darunter 6 Frauen

    Filmemacher: 6 Personen, darunter 0 Frauen

    Schriftsteller: 4 Personen, darunter 0 Frauen

    Architekten: 8 Personen, darunter 0 Frauen

    Komponisten: 8 Personen, darunter 0 Frauen

    http://en.wikipedia.org/w...

    Die russische Avantgarde war „zu großen Teilen“ weiblich, alles klar.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "guter Versuch"

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