Target-FalleEin Posten ohne Wert?

Hans-Werner Sinn analysiert die Bilanz der Europäischen Zentralbank und fürchtet sich. von 

Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts (Archivbild)

Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo-Instituts (Archivbild)  |  © Michael Gottschalk/AFP/Getty Images

Es ist sein Thema: Vor etwa zwei Jahren hat Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner ifo Instituts, erstmals auf Merkwürdigkeiten in den Bilanzen der europäischen Notenbanken hingewiesen. Jetzt hat er ein Buch dazu geschrieben und seine Thesen in einen größeren Zusammenhang eingeordnet.

Demnach ist nach der Einführung des Euro jede Menge ausländisches Kapital in die Länder Südeuropas geflossen und hat dort eine gewaltige Blase genährt. Mit Ausbruch der Krise hat sich dieses Kapital zurückgezogen. Der Süden trocknete aber nicht aus, weil die Europäische Zentralbank (EZB) eingesprungen ist. Sie versorgt jetzt die Krisenstaaten mit Geld, was sich im Zahlungssystem der Notenbanken mit dem Namen Target 2 niederschlägt.

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Länder, die wie Spanien per Saldo Zentralbankgeld beziehen, bauen Target-Verbindlichkeiten auf. Staaten, die wie Deutschland nicht auf die Notenbank angewiesen sind, dagegen Target-Forderungen. Wenn der Euro zerbricht, dann können diese Forderungen – die sich im Fall Deutschlands auf rund 700 Milliarden Euro belaufen – möglicherweise nicht mehr eingetrieben werden.

Umstritten ist nun, wie schlimm das alles ist.

Sinn argumentiert, dass die Hilfen die notwendige Anpassung im Süden verhindern. Sinns Kritiker halten dagegen, dass die EZB mit ihrer Politik dem Süden die Zeit gekauft habe, die für erfolgreiche Reformen nötig sei – und dass sich die Wettbewerbsfähigkeit des Südens bereits verbessert habe.

Sinn sagt, dass durch den Anstieg der Salden die deutschen Spargelder entwertet und damit die Deutschen um die Früchte ihrer Arbeit gebracht würden. Dazu muss man wissen, dass ein Land mit einem Exportüberschuss wie Deutschland Forderungen gegenüber dem Ausland anhäuft. Die Deutschen verzichten praktisch darauf, das Auto, das sie zusammengebaut haben, auch selbst zu fahren, und liefern es zum Beispiel nach Irland. Dafür erhalten sie Ansprüche an das irische Volksvermögen zum Beispiel durch Aktien oder Anleihen, die sie irgendwann in der Zukunft in irische Waren umtauschen können, die nach Deutschland geliefert werden.

Wenn nun aber der Süden seine Einfuhren zunehmend mithilfe der EZB finanziert, dann steht dem Warenexport keine Aktie oder Anleihe aus Irland mehr entgegen, sondern eine Forderung der Bundesbank an die Europäischen Zentralbank. Diese sei aber nichts wert, wenn der Euro zerbreche, fürchtet der Münchner Ökonom.

Sinns Kritiker halten dagegen, dass die Deutschen ohne die Intervention der Zentralbank ihr im Ausland angelegtes Geld schon längst verloren hätten, weil diese Länder dann im Chaos versunken wären. Insofern habe das Target-System die deutschen Ersparnisse sogar gesichert – denn eine Forderung an die EZB sei immer noch besser als gar nichts.

Für Sinn ist Deutschland erpressbar geworden, weil es wegen der Risiken aus dem Target-System einen Zusammenbruch des Euro nicht hinnehmen kann. Sinns Kritikern zufolge haften die Bundesbürger so oder so, weil die Forderungen vor dem Anschwellen der Target-Salden gegenüber privaten Banken und Unternehmen im Ausland bestanden. Es wären durch die Zentralbank also nur Risiken innerhalb Deutschlands umgeschichtet worden.

Die Target-Salden sind also entweder essenziell für das Verstehen der Krise – oder irrelevant. Genug Stoff für noch mehr Bücher.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf die Verbreitung haltloser Behauptungen. Danke, die Redaktion/fk.

    • WolfHai
    • 10. November 2012 20:38 Uhr

    "Hans-Werner Sinn analysiert die Bilanz der Europäischen Zentralbank und fürchtet sich."

    Natürlich fürchtet sich Herr Sinn nicht. Er fürchtet für Europas und Deutschlans Wirtschaft und Wohlstand.
    Was soll also diese Polemik!

    • WolfHai
    • 10. November 2012 20:57 Uhr

    Autor Schieritz ist zu Gute zu halten, dass er die Problematik der Target-Salden, also der Target-Verbindlichkeiten der Krisenländer, die gleichzeitig Targetforderungen Deutschlands und der anderen Überschussländer sind, einem so einem kurzen Text entsprechend in etwa richtig darstellt.

    • Xdenker
    • 10. November 2012 20:59 Uhr

    Wenn nach Irland oder in andere Euromitgliedsländer bei Eintritt deren drohender Zahlungsunfähigkeit kein Kapital via Target2 geflossen wäre, hätten die deutschen Exporteure möglicherweise weniger Güter dorthin exportiert (so what!), aber weder sie, noch die Bundesbank hätten in auch nur annähernd vergleichbarer Größenordnung, wie heute der Fall, potenziell notleidende Forderungen gegenüber ihren Kunden aus diesen Ländern bzw. deren Zentralbanken aufgebaut.

    Die Aussage von Sinns Kritikern, "dass die Deutschen ohne die Intervention der Zentralbank ihr im Ausland angelegtes Geld schon längst verloren hätten, weil diese Länder dann im Chaos versunken wären", halte ich daher für falsch. Es wäre dort schlicht weniger "Geld angelegt" worden.

  2. nach den Prognosen der letzten Jahre die Sie aufgestellt haben können Sie behaupten was Sie wollen, nur haben Sie bitte Verständnis dafür das ich Ihnen das nicht mehr glauben kann den bisweiln hatten Sie nicht einmal recht damit.

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    lieber Herr Sinn
    nach den Prognosen der letzten Jahre die Sie aufgestellt haben können Sie behaupten was Sie wollen, nur haben Sie bitte Verständnis dafür das ich Ihnen das nicht mehr glauben kann den bisweiln hatten Sie nicht einmal recht damit.

    1) Geht es hier nicht um Glauben, sondern um den Inhalt der Bilanz der Bundesbank.

    2) Gehen Sie hoffentlich nicht ernsthaft davon aus, dass Prof. Sinn kratzt ob Sie irgendetwas glauben oder nicht.

  3. "Wenn nach Irland oder in andere Euromitgliedsländer bei Eintritt deren drohender Zahlungsunfähigkeit kein Kapital via Target2 geflossen wäre, hätten die deutschen Exporteure möglicherweise weniger Güter dorthin exportiert (so what!),"

    So what, wir bekommen ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr, aber wen kümmert's nicht wahr?

    "aber weder sie, noch die Bundesbank hätten in auch nur annähernd vergleichbarer Größenordnung, wie heute der Fall, potenziell notleidende Forderungen gegenüber ihren Kunden aus diesen Ländern bzw. deren Zentralbanken aufgebaut."

    Die Forderungen haben zu dem Zeitpunkt aber bereits existiert - die von der EZB gekauften Anleihen dienen ja im Wesentlichen der Re-Finanzierung älterer Verbindlichkeiten.

    "Die Aussage von Sinns Kritikern, "dass die Deutschen ohne die Intervention der Zentralbank ihr im Ausland angelegtes Geld schon längst verloren hätten, weil diese Länder dann im Chaos versunken wären", halte ich daher für falsch. Es wäre dort schlicht weniger "Geld angelegt" worden."

    Falsch ist eher diese Aussage, denn zum Zeitpunkt der EZB-Intervention WAR das Geld bereits angelegt.

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    • Xdenker
    • 10. November 2012 22:52 Uhr

    "So what, wir bekommen ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr, aber wen kümmert's nicht wahr?"

    Was veranlasst Sie zu dieser Vermutung?

    "Die Forderungen haben zu dem Zeitpunkt aber bereits existiert - die von der EZB gekauften Anleihen dienen ja im Wesentlichen der Re-Finanzierung älterer Verbindlichkeiten."

    Falsch. Die Target2-Forderungen schnellten erst mit Versiegen der privaten Kapitalzuflüsse in die von der Zahlungsbilanz- und/oder Banken- und/oder Staatsschuldenkrise bedrohten Euromitgliedsländer in die Höhe. Diese Forderungen sind nicht die Folge einer gezielten Intervention. Sie entstehen eurosystemisch. Auch die gezielte Intervention der EZB (Kauf von Staatsanleihen insolvenzbedrohter Euromitglieder) begann erst, als die öffentlichen Haushalte bestimmter Euromitglieder in Zahlungsschwierigkeiten gerieten. Das aber hat nichts mit Target2 zu tun.

    Die Target2-Forderungen und die Forderungen aus der gezielten EZB-Intervention sind also erst im Zuge der Krise aufgelaufen. Das Aufwachsen hätte allerdings nur verhindert bzw. eingedämmt werden können, wenn man sich an das No-Bailout-Gebot gehalten und die Zahlungsunfähigkeit einzelner Euromitglieder zugelassen hätte mit der Folge, dass diese aus der Währungsunion ausgeschieden wären - und zwar weit bevor die gigantische Haftungssumme von derzeit 2.179 Milliarden Euro, davon 754 Milliarden Euro zulasten Deutschlands erreicht war (und sie steigt weiter! http://www.cesifo-group.d...).

    "So what, wir bekommen ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr, aber wen kümmert's nicht wahr?"

    Anstatt der oben in den Raum gestellten hunderttausend Arbeitslosen hätte man sich auch die Agenda 2010 sparen können und heute einige Burnout-Patienten aufgrund des gestiegenen Produktivitätsdrucks weniger. Auch die Reallöhne wären ganz nach südeuropäischem Vorbild gestiegen anstatt gesunken. Oder die Deutschen hätten die pyhischen Güter und Dienstleistungen, welche hinter den nicht bezahlten Targetforderungen stehen selbst hierzulande konsumiert bzw. investiert. Kurz und Gut: Die letzte Dekade wäre für die Deutschen dadurch lockerer verlaufen. Das ist der wahre Preis den die Deutschen schon jetzt bitter für die Targetsalden bezahlen. Leider dringt diese Tatsache bis zum einfachen, am stärksten betroffenen Arbeiter im präkeren Arbeitsverhältnis, bis zum abgestiegenen Mittelklässler und bis zum Burnoutpatienten aufgrund der Komplexität nicht durch.

  4. Wer die These Herrn Hans-Werner Sinn für nicht glaubwürdig hält, empfehle ich eine umfassende Lektur zum Thema Euro, und zwar von Herrn Matthias Elbers http://www.human-dignity..... Sechsundvierzig Seiten, die jedem Leser ganz bestimmt zum Nachdenken bringen können und am Ende Herrn Sinn doch Recht geben.

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    Seine Thesen könnten eintreten, WENN der Euro zerbricht. Danach sieht es allerdings nicht aus, oder?

    Geschieht dies nicht, weil bsw. nicht ständig angeblich fachkundige Leute Sprechblasen in die Welt absondern, ist Herr Sinns Geschwafel wie so oft heiße Luft und sein Buch eine Klorolle in unhandlichem Format. Wäre ja nichts Neues.

    Auch wenn deutliche Reformen an der Europäischen Währungsunion und eine länderübergreifende Abstimmung der Wirtschaftspolitik nötig sind, halte ich den Euro für eine sehr gute Währung. Wir profitieren als Exporteur davon, die Wertstabilität stimmt bisher auch (noch? - Monti arbeitet gerade dagegen an). Wozu also mit relativ unrealistischen Untergangsszenarien beschäftigen? Damit kann sich Herr Sinn die Zeit vertreiben.

    • Xdenker
    • 10. November 2012 22:52 Uhr

    "So what, wir bekommen ein paar hunderttausend Arbeitslose mehr, aber wen kümmert's nicht wahr?"

    Was veranlasst Sie zu dieser Vermutung?

    "Die Forderungen haben zu dem Zeitpunkt aber bereits existiert - die von der EZB gekauften Anleihen dienen ja im Wesentlichen der Re-Finanzierung älterer Verbindlichkeiten."

    Falsch. Die Target2-Forderungen schnellten erst mit Versiegen der privaten Kapitalzuflüsse in die von der Zahlungsbilanz- und/oder Banken- und/oder Staatsschuldenkrise bedrohten Euromitgliedsländer in die Höhe. Diese Forderungen sind nicht die Folge einer gezielten Intervention. Sie entstehen eurosystemisch. Auch die gezielte Intervention der EZB (Kauf von Staatsanleihen insolvenzbedrohter Euromitglieder) begann erst, als die öffentlichen Haushalte bestimmter Euromitglieder in Zahlungsschwierigkeiten gerieten. Das aber hat nichts mit Target2 zu tun.

    Die Target2-Forderungen und die Forderungen aus der gezielten EZB-Intervention sind also erst im Zuge der Krise aufgelaufen. Das Aufwachsen hätte allerdings nur verhindert bzw. eingedämmt werden können, wenn man sich an das No-Bailout-Gebot gehalten und die Zahlungsunfähigkeit einzelner Euromitglieder zugelassen hätte mit der Folge, dass diese aus der Währungsunion ausgeschieden wären - und zwar weit bevor die gigantische Haftungssumme von derzeit 2.179 Milliarden Euro, davon 754 Milliarden Euro zulasten Deutschlands erreicht war (und sie steigt weiter! http://www.cesifo-group.d...).

    Antwort auf "@xdenker #4"
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    " Das Aufwachsen hätte allerdings nur verhindert bzw. eingedämmt werden können, wenn man sich an das No-Bailout-Gebot gehalten und die Zahlungsunfähigkeit einzelner Euromitglieder zugelassen hätte mit der Folge, dass diese aus der Währungsunion ausgeschieden wären - und zwar weit bevor die gigantische Haftungssumme von derzeit 2.179 Milliarden Euro, davon 754 Milliarden Euro zulasten Deutschlands erreicht war"

    Offensichtlich scheinen Sie zu glauben, es waere schlicht besser gewesen, man haette die PIIGS Staaten alle bankrott gehen lassen. Ich nehme an, dass haette die groesste Wirtschaftskrise hervorgerufen, die die Welt bisher gesehen hat. Und ich frage mich warum DE dabei ungeschoren davon gekommen waere? Wir leben doch nicht auf einer Insel. Der EUR waere natuerlich sofort verschwunden, alle bestehenden Forderungen gegenueber den PIIGS Staaten waeren zu 100% verloren gewesen, schon allein das haette in DE ein Pleitewelle ausgeloest. Und bis jetzt musste ja so gut wie nichts bezahlt werden.

    "Offensichtlich scheinen Sie zu glauben, es waere schlicht besser gewesen, man haette die PIIGS Staaten alle bankrott gehen lassen. Ich nehme an, dass haette die groesste Wirtschaftskrise hervorgerufen, die die Welt bisher gesehen hat."

    Man hätte es garnicht erst soweit kommen lassen müssen. Der springende Punkt liegt darin, dass wirksame(!) Beschränkungen durch die anderen Euroländer weit vor der Anhäufung der Targetsalden hätten passieren müssen. Das wäre einem "Schuss vor den Bug" gleich gekommen und die betroffenen Staaten hätten aus Eigeninteresse(!)frühzeitig gegenläufige Maßnahmen durchführen müssen. Die negativen Entwicklungen wie die Leistungsbilanzdefizite, die Reallohnanstiege, die Preissteigerungen der im eigenen Land erstellten Güter wären noch nicht so weit fortgeschritten gewesen. Es hätte also noch lange nicht die Rede sein müssen von "bankrott gehen lassen" und "groesste Wirtschaftskrise"...

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  • Schlagworte Ökonomie | Euro-Krise | Finanzkrise | Europäische Zentralbank | Hans-Werner Sinn
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