»Alles rot!« Das war Zhang Dingxians erster Eindruck. »Der grelle Lippenstift der Frauen! Und überhaupt: Dieses ganze Deutschland war so bunt für mich.«

Zhang Dingxian, heute 57 und Sprachlehrer an der Universität in Bochum, ist 20 Jahre alt, als er Ende Januar 1976 in Frankfurt am Main landet. Er ist einer der Ersten, die Maos Reich in Richtung Bundesrepublik verlassen dürfen. Man hat ihn mit einem Koffer ausgestattet, mit zwei westlichen Anzügen – statt des Mao-Anzugs – und zwei Paar Lederschuhen. »Alle, die in den Westen reisen durften, bekamen diese Schuhe. Daran konnte ich sie später sofort erkennen.«

Als Zhang die roten Lippen, Schlaghosen und Blümchenblusen des bunten Westdeutschland zum ersten Mal sieht, ist die BRD noch nicht allzu lange auf der politischen Landkarte der Chinesen. Erst im Herbst 1972, also vor genau 40 Jahren, wurden zwischen Bonn und Peking überhaupt diplomatische Beziehungen aufgenommen. Drei Jahre später besuchte Helmut Schmidt als erster deutscher Bundeskanzler China und traf sich mit Mao Zedong und Deng Xiaoping.

Gemäß Maos »Drei-Welten-Theorie« hatten Chinas Diplomaten seit Anfang der Siebziger die Annäherung an die Bundesrepublik gesucht. Der Große Vorsitzende teilte die Welt in drei Teile. Die USA und die Sowjetunion bilden danach die »Erste Welt«, die Entwicklungsländer in Asien, Afrika, Lateinamerika und anderen Regionen sind die »Dritte Welt«. Dazwischen befindet sich die »Zweite Welt«, zu der Westeuropas Staaten gehören.

Offiziell machte China diese Theorie 1974 zum Grundgerüst seiner Außenpolitik. Nach dem katastrophal gescheiterten »Großen Sprung nach vorn« Ende der fünfziger Jahre, der rund 36 Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, und der nicht minder verheerend verlaufenden »Kulturrevolution«, die gerade erst zu Ende ging, benötigte Chinas Wirtschaft unbedingt westliches Know-how. Doch dazu brauchte es Dolmetscher.

Zhang Dingxian versteht zufällig etwas Deutsch, es gibt familiäre Verbindungen in die ehemalige Kolonie Tsingtau. »Eigentlich konnte ich es nur lesen. Bis ich nach Deutschland kam, hatte ich noch nie einen Deutschen gesehen.« Doch das reicht der Partei. Zhang wird mit 70 weiteren Chinesen fast ein Jahr lang auf den Einsatz bei Thyssen in Duisburg vorbereitet. Ziel der Kooperation ist die Errichtung eines Stahlwerks in Wuhan, in Zentralchina. »Ich war kein Mitglied der Partei. Dass ich ausgewählt wurde, bedeutete für meine Familie damals eine Ehre. Es durfte ja kaum jemand aus dem Land.«

Noch in Wuhan lernt er das Nötigste über das Hüttenwesen. Die Grundbegriffe kennt Zhang heute noch: »Verzinkung, Verchromung, Verzinnung, alles, was mit Blech zu tun hat.« Danach folgen ein Monat politische Ausbildung in Peking, zur ideologischen Festigung, und eine Art Benimmkurs mit über 100 Regeln, die auswendig zu lernen sind. »Ganz wichtig: Nicht spucken!« Um Farbbilder für seinen Pass zu besorgen, muss Zhang zwei Tage lang mit dem Zug nach Schanghai fahren, denn Fotostudios, die Farbfotos machen, sind rar in China.

Auch die Reise nach Deutschland dauert fast eine Woche. Direktflüge gibt es erstmals 1980. Von Peking fliegt Zhang mit seiner Gruppe zunächst nach Teheran, von dort nach Bukarest. »Am Flughafen in Rumänien habe ich zum ersten Mal im Leben einen Fernseher gesehen«, erinnert er sich. Von Bukarest bringt ihn eine Lufthansa-Maschine nach Frankfurt am Main.

»Als wir im Dunkeln landeten, sah ich, wie das Land leuchtete. Städte, Straßen, alles war hell. Zu Hause gab es damals noch kaum Straßenlaternen.« Das sei der Moment gewesen, in dem die Fragen begonnen hätten, sagt Zhang. Die Fragen, die ihn auch heute, fast 40 Jahre später, beschäftigen, während er in seinem Bochumer Büro sitzt. Denn sosehr Geheimdienst, Partei und das Ministerium für Hüttentechnik den jungen Mann vor seinem Abflug schulten – auf die »Schweinebraten-Offensive«, die ihn in der Bundesrepublik erwartete, konnten sie ihn nicht vorbereiten. »In China herrschte das Chaos der Kulturrevolution. Viele hungerten. In Duisburg lebten wir in einem Wohnheim, und unsere deutschen Nachbarn luden uns sonntags zum Bratenessen ein und machten mit uns Ausflüge an den Rhein. Da habe ich mich schon gefragt: Wieso sind wir eigentlich so ein armes Land? Was bringt China der Kommunismus? Für mich sah es so aus, als ob sich in Deutschland alle Arbeiter, selbst die zugewanderten Gastarbeiter aus Südeuropa, ein Haus leisten konnten.«

Dann und wann fährt Zhang mit seinen chinesischen Kollegen in die DDR. Gerne – allerdings nicht weil sie dort unter Genossen sind, sondern weil die D-Mark in Ost-Berlin mehr wert ist. »Wir konnten uns für fünf Mark ein Festessen im russischen Restaurant leisten. Aber dort zu leben und arbeiten? Das wäre mir nie in den Sinn gekommen.« Ideologisch hatte die DDR bereits mit Peking gebrochen. Die SED-Führung wirft den Chinesen die Spaltung der internationalen kommunistischen Bewegung vor. Doch die Machthaber in Peking stört das wenig. Sie sind längst entschlossen, bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit auf Deutschland-West zu setzen.

Heute fühlt sich Zhang weder als Chinese noch als Deutscher

1980 ist das Stahlwerk in Wuhan weit gediehen. Fast vier Jahre lang hat Zhang Dingxian an dem Projekt gearbeitet, zwei in Deutschland, zwei in China. Er dolmetschte in dieser Zeit für chinesische Arbeiter und Ingenieure, auch für die Thyssen-Manager, wenn die nach China fuhren. Später engagierte ihn die Botschaft in Bonn als Übersetzer; sie betreute das Austauschprojekt für das Stahlkombinat Wisco in Wuhan.

Zhangs Heimatland begann sich in diesen vier Jahren zu wandeln: 1976 starb Mao, die »Kulturrevolution« ging zu Ende, und Deng öffnete das Land. 1979 schloss China mit der Bundesrepublik ein Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit, bald kommt ein weiteres hinzu. Und bei Volkswagen in Schanghai rollt ein paar Jahre später offiziell der erste Santana vom Band...

Seit 1985 kooperieren auch die Bochumer Uni und die Tongji-Universität in Schanghai. Fast zwei Drittel der Studenten dort lernen jetzt zusätzlich zu ihrem Studium Deutsch. Ein spezieller Germanistik-Studiengang wird eingerichtet, Jahre bevor das erste Goethe-Institut in Peking eröffnet. Bis heute fließt ein Großteil des Geldes, das Deutschland für den Austausch mit China ausgibt, in solche Programme. Dabei blieb das Verhältnis ein ungleiches: Heute studieren rund 25.000 Chinesen in Deutschland, aber nur rund 4000 Deutsche in China.

Die ersten Absolventen in Schanghai werden 1983 fertig. Einer von ihnen: Zhang Dingxian. »Direkt danach gab es zum ersten Mal überhaupt das Angebot der Regierung, für eine Promotion ins Ausland zu gehen, und zwar nach Westdeutschland. Ich habe an das bunte Land gedacht, das ich kannte – und habe mich beworben.« Er bekommt eine Absage. Doch mit einem Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in der Tasche gelangt er schließlich nach Bochum.

Die Versuchung, nach seiner Promotion in Deutschland zu bleiben, ist groß. »China kam zunächst nur langsam voran. Mitte der achtziger Jahre war der Lebensstandard noch kaum gestiegen. Deutschland dagegen war ein modernes Land.«

Zhangs Heimat wurde das Ruhrgebiet

Heute hat Zhang zwar eine Wohnung in Schanghai und verbringt dort jedes Jahr einen Monat. Aber seine Heimat ist die Ruhrgebietsstadt Herne geworden. Der Bochumer Universität blieb er treu. Hier unterrichtet er seit fast 20 Jahren Chinesisch. Damit ist er auch zum direkten Konkurrenten der chinesischen Regierung geworden, die viel Geld in ihre 13 deutschen Konfuzius-Institute investiert. Sie bieten ebenfalls Sprachkurse für Erwachsene an, als Teil der großen »Soft Power«-Initiative Pekings.

Ein bisschen ist Zhang im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte zwischen die Kulturen geraten. Heute fühlt er sich weder als Chinese noch als Deutscher, kennt aber beide Welten. Kennt auch die Tücken des Dialogs zwischen den beiden Ländern, nicht zuletzt, wenn es um die Menschenrechte geht. Hier plädiert er für Umsicht: »Auch wer recht hat, muss nicht lautstark öffentlich belehren. Leise Worte können oftmals mehr bewirken.«

Wie schnell sich die Welt verändert, hat Zhang Dingxian gerade wieder erfahren. Wisco, jenes chinesische Kombinat, dessentwegen er 1976 das erste Mal nach Deutschland reiste, ist mittlerweile einer der mächtigsten Stahlkonzerne der Welt. Vergangenen Monat hat er eine Tochterfirma von ThyssenKrupp gekauft.