1980 ist das Stahlwerk in Wuhan weit gediehen. Fast vier Jahre lang hat Zhang Dingxian an dem Projekt gearbeitet, zwei in Deutschland, zwei in China. Er dolmetschte in dieser Zeit für chinesische Arbeiter und Ingenieure, auch für die Thyssen-Manager, wenn die nach China fuhren. Später engagierte ihn die Botschaft in Bonn als Übersetzer; sie betreute das Austauschprojekt für das Stahlkombinat Wisco in Wuhan.

Zhangs Heimatland begann sich in diesen vier Jahren zu wandeln: 1976 starb Mao, die »Kulturrevolution« ging zu Ende, und Deng öffnete das Land. 1979 schloss China mit der Bundesrepublik ein Abkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit, bald kommt ein weiteres hinzu. Und bei Volkswagen in Schanghai rollt ein paar Jahre später offiziell der erste Santana vom Band...

Seit 1985 kooperieren auch die Bochumer Uni und die Tongji-Universität in Schanghai. Fast zwei Drittel der Studenten dort lernen jetzt zusätzlich zu ihrem Studium Deutsch. Ein spezieller Germanistik-Studiengang wird eingerichtet, Jahre bevor das erste Goethe-Institut in Peking eröffnet. Bis heute fließt ein Großteil des Geldes, das Deutschland für den Austausch mit China ausgibt, in solche Programme. Dabei blieb das Verhältnis ein ungleiches: Heute studieren rund 25.000 Chinesen in Deutschland, aber nur rund 4000 Deutsche in China.

Die ersten Absolventen in Schanghai werden 1983 fertig. Einer von ihnen: Zhang Dingxian. »Direkt danach gab es zum ersten Mal überhaupt das Angebot der Regierung, für eine Promotion ins Ausland zu gehen, und zwar nach Westdeutschland. Ich habe an das bunte Land gedacht, das ich kannte – und habe mich beworben.« Er bekommt eine Absage. Doch mit einem Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in der Tasche gelangt er schließlich nach Bochum.

Die Versuchung, nach seiner Promotion in Deutschland zu bleiben, ist groß. »China kam zunächst nur langsam voran. Mitte der achtziger Jahre war der Lebensstandard noch kaum gestiegen. Deutschland dagegen war ein modernes Land.«

Zhangs Heimat wurde das Ruhrgebiet

Heute hat Zhang zwar eine Wohnung in Schanghai und verbringt dort jedes Jahr einen Monat. Aber seine Heimat ist die Ruhrgebietsstadt Herne geworden. Der Bochumer Universität blieb er treu. Hier unterrichtet er seit fast 20 Jahren Chinesisch. Damit ist er auch zum direkten Konkurrenten der chinesischen Regierung geworden, die viel Geld in ihre 13 deutschen Konfuzius-Institute investiert. Sie bieten ebenfalls Sprachkurse für Erwachsene an, als Teil der großen »Soft Power«-Initiative Pekings.

Ein bisschen ist Zhang im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte zwischen die Kulturen geraten. Heute fühlt er sich weder als Chinese noch als Deutscher, kennt aber beide Welten. Kennt auch die Tücken des Dialogs zwischen den beiden Ländern, nicht zuletzt, wenn es um die Menschenrechte geht. Hier plädiert er für Umsicht: »Auch wer recht hat, muss nicht lautstark öffentlich belehren. Leise Worte können oftmals mehr bewirken.«

Wie schnell sich die Welt verändert, hat Zhang Dingxian gerade wieder erfahren. Wisco, jenes chinesische Kombinat, dessentwegen er 1976 das erste Mal nach Deutschland reiste, ist mittlerweile einer der mächtigsten Stahlkonzerne der Welt. Vergangenen Monat hat er eine Tochterfirma von ThyssenKrupp gekauft.