Rumliegendes Zeug nannte Gerhard Richter seine in Schubladen und Mappen vagabundierenden Fotos. In seiner Dresdener Ausstellung Anfang dieses Jahres hieß das herumliegende Zeug dann Atlas . Und das bedeutet: Mischmasch oder Archiv, jedenfalls ausbaufähiges Material.

Atlas nennt nun auch Christoph Ransmayr sein neues Buch. Es ist eine überbordend reichhaltige Folge von Reiseimpressionen. Hier ist nichts mehr ausbaufähig: Das Material ist verlässlich erforscht. Die Reisen sind abgeschlossen.

Die siebzig Episoden des Buches beginnen jeweils mit der visionär-pathetischen Formel »Ich sah«. Das ist ein Kunstgriff, der parabelhafte Gültigkeit anzeigt. Man weiß von früheren Veröffentlichungen Ransmayrs, dass er furchtlos mit dem Erhabenen Umgang pflegt, was seinen Arbeiten bisher zuverlässig einen gigantischen Hallraum verschaffte. Jetzt wirft Ransmayr seinen Blick auf das Weltchaos: Ein reparaturresistenter Webfehler ist in die Geschichte des Abendlandes eingedrungen. Weltweite Verabschiedungen sind angesagt, ganze Ozeane sind auf dem Rückzug.

Das Buch nimmt uns mit auf seine Reise um die Welt: In Japan verliert sich eine Zikade im winzigen Blattwerk eines Bonsai, die Gestalt eines »urzeitlichen Tieres« annehmend. Der nackte Insasse einer griechischen Irrenanstalt wird von Wärtern über steinige Erde gezerrt und verschwindet in der Finsternis des Gebäudes. Im brasilianischen Urwald flieht eine von einem Lastwagen überfahrene Schlange sterbend ins Dickicht. Am Ende der 36. Episode entfernt sich der Autor selbst aus dem Bild, auf ein verlassenes Haus zugehend, ohne zu wissen, was ihn dort erwartet.

Jeder neue Ort setzt eine neue Geschichte in Gang: eine isländische Lavawüste, ein Gästehaus in Jaipur, eine leere Straße in Valparaíso, der Korridor einer psychiatrischen Anstalt in Wien. Schauplätze, die den Atlas - Geschichten einen begehbaren und von letzten Spuren des Exotismus gereinigten Boden bieten. Das Buch will keine Spaltung zwischen der Sprache des Reporters und der des Dichters anerkennen. Naipaul, Chatwin, Hubert Fichte und andere haben darum gerungen, die alten Genreunterscheidungen aufzugeben, und eine eigene, beide Redeweisen verbindende Sprache gefunden. Ransmayr geht einen anderen Weg, er lässt die beiden Welten aufeinandertreffen, Sprachwelten krass zusammenstoßen.

Oft beginnen die Stücke mit einem hellen, schönen Zauber. Es ist der Augenblick, in dem eine Geschichte erste Lebenszeichen von sich gibt. Man sieht den Dichter bei der Arbeit, sein Blick richtet sich auf Personen, Landschaften, Tiere, auf den Nachthimmel. Ein Fischer setzt ein Schiffchen aus Bambus und Bananenblättern auf die Wasseroberfläche des Mekong. Ein kleinwüchsiger Pianist hat sich mit stelzenartigen Rundhölzern versorgt, um die Pedale seines Instruments zu erreichen. Ein bis zur Brust in einem Graben stehender Straßenarbeiter legt für drei sich nähernde Passanten eine Planke über das aufgerissene Pflaster. Ransmayr macht seine Protagonisten zu Augenblickshelden, meistens sind es Männer, häufig Tiere, Frauen trifft er seltener. Für die Dauer einer Geschichte dürfen sie vor die Augen der Leser treten: der barfüßige Mann in einer Menschenschlange, der mit seinem voll beladenen Tablett zu Boden stürzende Kellner.

Die Art und Weise, wie Ransmayr von ihnen erzählt, verrät sein hyperaktives Formbewusstsein. Zum Beginn jeder Episode gehört ein wiederkehrendes Muster. Auch das Finale folgt einer sich wiederholenden Idee: Es klingt aus in einer liedhaften Weite und verleiht den Geschichten noch im letzten Moment ein Schweben, eine wunderbare Losgelöstheit.