Comiczeichner Robert CrumbAlter Meister!

Robert Crumb ist für Comicfans ein Halbgott. Christoph Niemann hat ihn besucht, befragt – und gezeichnet. von Christoph Niemann

Robert Crumb

Robert Crumb  |  © Lucas Jackson / Reuters

ZEITmagazin: Mister Crumb, viele Ihrer Zeichnungen sind unterwegs entstanden, in Cafés und Hotels. Wie kam es dazu?

Robert Crumb: Früher habe ich nicht viel zu Hause gezeichnet, das meiste habe ich tatsächlich auf Reisen gemacht. Das hatte viel mit meiner Stimmung zu tun. Ich habe vor allem dann gezeichnet, wenn ich deprimiert war und mich fehl am Platz fühlte.

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Aline Crumb: Ich muss mal etwas über Robert sagen: Als ich ihn kennenlernte, war er sehr unsicher und schüchtern, ich glaube, er hat gezeichnet, um den Menschen aus dem Weg zu gehen.

Robert Crumb: Ja, ich habe mich hinter meinem Notizblock versteckt.

Aline Crumb: Statt bei einem Dinner mit den Leuten zu reden, hat er einfach gezeichnet. Nach und nach hat er dann aber auch andere Methoden entwickelt, mit Menschen klarzukommen.

Robert Crumb: Ich musste erst einen sozialverträglichen Charakter entwickeln und sprechen lernen.

ZEITmagazin: Hat sich das auf Ihr Zeichnen ausgewirkt?

Robert Crumb: Ja. Ich habe deswegen dann weniger gezeichnet.

ZEITmagazin: Manche Skizzen haben Sie direkt von Objekten oder Personen gezeichnet, andere sind frei improvisiert. Ich habe gelesen, dass das Gesicht Gottes in Ihrem »Book of Genesis« auf einer waschechten Offenbarung basiert.

Robert Crumb: Ich hatte einmal einen Traum, in dem ich ganz kurz Gott gesehen habe. Er sah ein bisschen aus wie Mel Gibson, aber mit langen Haaren. Es war der strenge Gott aus dem Alten Testament. Er hatte diesen Blick, den Mel Gibson aufsetzt, wenn er ganz wütend sein soll. In die Wut mischte sich bei diesem Gott aber auch etwas Besorgtes.

ZEITmagazin: Und haben Sie ihn in Ihrer Zeichnung exakt getroffen?

Robert Crumb: Nein, nicht mal annähernd. Es war zu komplex, nichts, was man genau treffen könnte. Gott ist zu komplex.

ZEITmagazin: Jeder Zeichner hat sein spezielles Lieblingszeichenpapier. Was ist Ihr Tipp?

Robert Crumb: Ich habe früher dieses dreilagige Papier von Strathmore benutzt, das war so gut, so hart. Selbst das beste heutige Papier von denen ist nicht so gut. Vor zehn Jahren hatte ich dann mit einem Comic-Händler zu tun, der mir sagte, er habe noch Hunderte Seiten von einem ganz schlechten Comic aus den späten Fünfzigern. Ich sagte, da würden mich die Rückseiten interessieren, also hat er mir einen Stapel davon geschickt.

ZEITmagazin: Sie haben also Originalcomicseiten gekauft, nur um an das Papier zu kommen. Haben Sie mehr über den Künstler herausgefunden?

Robert Crumb: Es waren Auftragsarbeiten von mehreren Zeichnern...

Aline Crumb: ...die dafür Stundenlohn bekamen.

Robert Crumb: Ja, ganz dubiose Sachen.

ZEITmagazin: Ihre Art zu zeichnen ist sehr opulent, gleichzeitig sehe ich in Ihren Arbeiten viel Selbstkontrolle.

Robert Crumb: Ich glaube, meine ganze Art zu zeichnen ist total exzentrisch. Ich habe nie eine Kunsthochschule besucht, ich hatte einfach nicht die Möglichkeit dazu. Ich hätte da viel lernen können, insbesondere, wie man den menschlichen Körper zeichnet. Das wäre später hilfreich gewesen.

Aline Crumb: Andererseits werden manche Arbeiten gerade durch solche Nachteile interessanter. Einige sehr gut ausgebildete Künstler machen Sachen, die perfekt sind, aber nicht besonders interessant.

Robert Crumb: Ja, viele professionell gemachte Cartoons sind zwar beeindruckend, aber nicht interessant.

ZEITmagazin: Eine Frauenfigur von Ihnen hat für mich sehr viel mit Architektur zu tun.

Robert Crumb: Ich habe viel Mühe darauf verwendet, die Statik bei diesem Mädchen hinzukriegen, das ist mir sehr wichtig. Mein eigener seltsamer Geschmack kommt allerdings manchmal ins Spiel, wenn ich Frauen male. Manchmal stimmen dann eben die Proportionen nicht, die Beine sind so dick, eigentlich lächerlich, aber...

Aline Crumb: Das sind eben die Prioritäten in seinem Universum.

ZEITmagazin: Noch etwas taucht oft auf: Zeichnungen von Kleidung, insbesondere von deren Falten. Es wirkt wie eine fast schon akademische Beschäftigung mit Kleidung.

Robert Crumb: Mit den Falten in Stoffen hat sich ja sogar Leonardo da Vinci abgemüht. Als ich jung war, habe ich ein Bild gesehen, das Leonardo gemalt hat, als er zwölf war. Er hat sich so um fotografischen Realismus bemüht. Das war damals brandneu, niemand hatte das vorher versucht. Für einen Künstler kann das zur großen Leidenschaft werden: die Realität einzufangen. Was natürlich nicht geht, weil sie zu komplex ist. Fotorealismus kann also ziemlich uninteressant sein. Mach doch einfach ein Foto! Viel weniger Arbeit.

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    • Schlagworte Leonardo da Vinci | Mel Gibson | Zeichnung | Alter | Cartoon | Comic
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