ZEITmagazin: Mister Crumb, viele Ihrer Zeichnungen sind unterwegs entstanden, in Cafés und Hotels. Wie kam es dazu?

Robert Crumb: Früher habe ich nicht viel zu Hause gezeichnet, das meiste habe ich tatsächlich auf Reisen gemacht. Das hatte viel mit meiner Stimmung zu tun. Ich habe vor allem dann gezeichnet, wenn ich deprimiert war und mich fehl am Platz fühlte.

Aline Crumb: Ich muss mal etwas über Robert sagen: Als ich ihn kennenlernte, war er sehr unsicher und schüchtern, ich glaube, er hat gezeichnet, um den Menschen aus dem Weg zu gehen.

Robert Crumb: Ja, ich habe mich hinter meinem Notizblock versteckt.

Aline Crumb: Statt bei einem Dinner mit den Leuten zu reden, hat er einfach gezeichnet. Nach und nach hat er dann aber auch andere Methoden entwickelt, mit Menschen klarzukommen.

Robert Crumb: Ich musste erst einen sozialverträglichen Charakter entwickeln und sprechen lernen.

ZEITmagazin: Hat sich das auf Ihr Zeichnen ausgewirkt?

Robert Crumb: Ja. Ich habe deswegen dann weniger gezeichnet.

ZEITmagazin: Manche Skizzen haben Sie direkt von Objekten oder Personen gezeichnet, andere sind frei improvisiert. Ich habe gelesen, dass das Gesicht Gottes in Ihrem »Book of Genesis« auf einer waschechten Offenbarung basiert.

Robert Crumb: Ich hatte einmal einen Traum, in dem ich ganz kurz Gott gesehen habe. Er sah ein bisschen aus wie Mel Gibson, aber mit langen Haaren. Es war der strenge Gott aus dem Alten Testament. Er hatte diesen Blick, den Mel Gibson aufsetzt, wenn er ganz wütend sein soll. In die Wut mischte sich bei diesem Gott aber auch etwas Besorgtes.

ZEITmagazin: Und haben Sie ihn in Ihrer Zeichnung exakt getroffen?

Robert Crumb: Nein, nicht mal annähernd. Es war zu komplex, nichts, was man genau treffen könnte. Gott ist zu komplex.

ZEITmagazin: Jeder Zeichner hat sein spezielles Lieblingszeichenpapier. Was ist Ihr Tipp?

Robert Crumb: Ich habe früher dieses dreilagige Papier von Strathmore benutzt, das war so gut, so hart. Selbst das beste heutige Papier von denen ist nicht so gut. Vor zehn Jahren hatte ich dann mit einem Comic-Händler zu tun, der mir sagte, er habe noch Hunderte Seiten von einem ganz schlechten Comic aus den späten Fünfzigern. Ich sagte, da würden mich die Rückseiten interessieren, also hat er mir einen Stapel davon geschickt.

ZEITmagazin: Sie haben also Originalcomicseiten gekauft, nur um an das Papier zu kommen. Haben Sie mehr über den Künstler herausgefunden?

Robert Crumb: Es waren Auftragsarbeiten von mehreren Zeichnern...

Aline Crumb: ...die dafür Stundenlohn bekamen.

Robert Crumb: Ja, ganz dubiose Sachen.

ZEITmagazin: Ihre Art zu zeichnen ist sehr opulent, gleichzeitig sehe ich in Ihren Arbeiten viel Selbstkontrolle.

Robert Crumb: Ich glaube, meine ganze Art zu zeichnen ist total exzentrisch. Ich habe nie eine Kunsthochschule besucht, ich hatte einfach nicht die Möglichkeit dazu. Ich hätte da viel lernen können, insbesondere, wie man den menschlichen Körper zeichnet. Das wäre später hilfreich gewesen.

Aline Crumb: Andererseits werden manche Arbeiten gerade durch solche Nachteile interessanter. Einige sehr gut ausgebildete Künstler machen Sachen, die perfekt sind, aber nicht besonders interessant.

Robert Crumb: Ja, viele professionell gemachte Cartoons sind zwar beeindruckend, aber nicht interessant.

ZEITmagazin: Eine Frauenfigur von Ihnen hat für mich sehr viel mit Architektur zu tun.

Robert Crumb: Ich habe viel Mühe darauf verwendet, die Statik bei diesem Mädchen hinzukriegen, das ist mir sehr wichtig. Mein eigener seltsamer Geschmack kommt allerdings manchmal ins Spiel, wenn ich Frauen male. Manchmal stimmen dann eben die Proportionen nicht, die Beine sind so dick, eigentlich lächerlich, aber...

Aline Crumb: Das sind eben die Prioritäten in seinem Universum.

ZEITmagazin: Noch etwas taucht oft auf: Zeichnungen von Kleidung, insbesondere von deren Falten. Es wirkt wie eine fast schon akademische Beschäftigung mit Kleidung.

Robert Crumb: Mit den Falten in Stoffen hat sich ja sogar Leonardo da Vinci abgemüht. Als ich jung war, habe ich ein Bild gesehen, das Leonardo gemalt hat, als er zwölf war. Er hat sich so um fotografischen Realismus bemüht. Das war damals brandneu, niemand hatte das vorher versucht. Für einen Künstler kann das zur großen Leidenschaft werden: die Realität einzufangen. Was natürlich nicht geht, weil sie zu komplex ist. Fotorealismus kann also ziemlich uninteressant sein. Mach doch einfach ein Foto! Viel weniger Arbeit.

"Ich zwinge mich, meine Sachen nicht zu Tode zu schattieren"

ZEITmagazin: In manchen Ihrer Bilder sind die Linien sehr sparsam, beim Zeichnen gehen Sie nur so weit wie nötig.

Robert Crumb: Ich zwinge mich, meine Sachen nicht übermäßig zu bearbeiten, sie nicht zu Tode zu schattieren. Wenn man sein Leben lang gezeichnet hat, weiß man irgendwann intuitiv, wann man aufhören sollte. Andererseits: Ich halte mich auch nicht für den Supertypen, der jederzeit eine perfekte Zeichnung raushauen kann, ohne sie zwanghaft auszufüllen. Manchmal benutze ich also auch Schatten, um Schwächen in einer Zeichnung zu überdecken.

ZEITmagazin: In einigen Zeichnungen ist zu erkennen, dass Sie auch mit Pinseln gemalt haben.

Robert Crumb: Ja, das war in den Achtzigern, etwa fünf Jahre lang, bei einigen Comics. Mir gefiel das, weil man damit sehr gut eine düstere Atmosphäre schaffen kann.

Aline Crumb: Du hast es aber bereut, dass du das Genesis-Buch mit dem Pinsel gemacht hast, oder?

Robert Crumb: Ja, ohne Pinsel wäre es viel schneller gegangen.

ZEITmagazin: Aber für den Betrachter ist es oft aufregend, die Spuren der Mühen zu sehen.

Aline Crumb: Unbedingt, die Entstehung der Kunst unter Schmerzen, damit kann ich immer etwas anfangen.

Robert Crumb: Man betrachtet gern diesen Kampf. Kunst, die jemandem offensichtlich leichtgefallen ist, ist nie so interessant.

ZEITmagazin: Können Sie schnell zeichnen?

Robert Crumb: Nein, ich bin sehr langsam. Gelegentlich muss ich bei einem dieser Comic-Kongresse auftauchen. Den Fans da reicht ein Autogramm nicht, sie wollen Zeichnungen. Ich kann aber keine Quickiebilder machen. Als ich jung war, habe ich es versucht: Ich habe mich für jeden 15 Minuten hingesetzt und die Seite mit ganz komplexen Zeichnungen gefüllt. Wenn ich das 50-mal gemacht hatte, fiel mir fast die Hand ab. Aber da warteten ja immer noch mehr Leute, die dann böse wurden. Am Ende stand ich da mit all diesen bösen Leuten. Also habe ich einfach ganz damit aufgehört.

ZEITmagazin: Überarbeiten Sie manchmal Ihre alten Skizzen?

Aline Crumb: Ja, viele Zeichnungen aus den Skizzenbüchern hat er noch mal verbessert. Tage hat er damit verbracht...

Robert Crumb: ...Wochen.

Aline Crumb: Wochenlang hat er die Sachen verbessert, die ihm nicht gefallen hatten.

Robert Crumb: In den frühen Siebzigern habe ich viel Marihuana geraucht. Ich habe ganze Notizbücher mit sehr schlampigen Zeichnungen gefüllt.

Aline Crumb: Je älter er wird, desto penibler wird er mit seinen Zeichnungen.

ZEITmagazin: Worum geht es Ihnen letztlich: um die Zeichnung oder um die gedruckte Seite?

Robert Crumb: Für mich war es schon immer die gedruckte Fassung, die zählt. Die Originalzeichnungen bedeuten am Ende nicht viel.

ZEITmagazin: Sie sind nur ein Mittel...

Robert Crumb: ...zum endgültigen Zweck. Wenn ich das Ding gedruckt sehe: Das ist der magische Moment, nicht wenn ich das Original fertig habe. Deswegen ist es auch so wichtig, die Sachen gut gedruckt zu kriegen.

ZEITmagazin: Wenn Sie einen Comic zeichnen, denken Sie dann an ein bestimmtes Publikum?

Robert Crumb: Eigentlich nicht. Ich kann mir nicht richtig vorstellen, für wen ich das mache. Vor allem für mich selbst, vermutlich.

ZEITmagazin: Sie haben mal von Ihrem Bruder erzählt und davon, dass Sie als Kinder immer zusammen gezeichnet haben. Mit meinem Bruder war es auch so, und es gab immer eine gewisse Rivalität.

Robert Crumb: Jetzt, da Sie’s sagen, fällt mir ein: Ich stelle mir oft die Reaktionen meines Bruders vor, wenn ich zeichne. Und dann hatte ich noch einen Mentor, als ich ganz jung war, Marty Pauls – die beiden sind das Publikum, das ich mir beim Zeichnen vorstelle.

ZEITmagazin: Bekommen Sie mit, welche Wirkung Ihre Arbeiten auf Ihre Fans haben?

Robert Crumb: Als ich mal in Serbien war, wurde ich von einem jungen Journalisten interviewt, der mir sagte: »Sie hatten einen großen Einfluss auf meinen Frauengeschmack. Ich war 16, als ich zum ersten Mal Ihre Zeichnungen sah. Seitdem habe ich mich immer für Frauen interessiert, die dem Typ entsprechen, den Sie zeichnen.« Ich sagte: »Also Frauen mit dicken, starken Beinen?« Und er sagte: »Ja, ich hab eine davon zu Hause.«

"Retrospektive? Dann kann ich ja jetzt sterben"

ZEITmagazin: Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit den Jahren besser werden? Oder eher, dass Sie im Alter manche Fähigkeiten verlieren?

Robert Crumb: Wenn man älter wird und immer weiterarbeitet, dann gewinnt man technische Fähigkeiten hinzu. Und man wird ernsthafter und achtet mehr auf Dinge, die einem egal waren, als man jung war. Gleichzeitig verliert man diese Spontaneität der Jugend. Wenn ich mir heute meine frühen Sachen ansehe, dann kann ich nur darüber staunen, wie sorglos, wie rücksichtslos sie gemacht sind.

Aline Crumb: Wenn wir älter werden, müssen wir uns auch nicht mehr so beweisen wie früher. Man zeichnet aus anderen Gründen.

Robert Crumb: Und die Erfahrung wirkt sich auf die Zeichnungen aus. Es ist wie mit Sinatras Stimme: Im Alter hat sie diesen Klang der Erfahrung. Sie ist heiserer und hat mehr Tiefe.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich diese Skizzenbücher ansehen oder »Genesis«, empfinden Sie dann Stolz?

Robert Crumb: In manchen Momenten empfinde ich Stolz, in anderen eher etwas wie: Bäh, ist das schrecklich! Deswegen habe ich ja auch so viele Zeichnungen von früher überarbeitet.

ZEITmagazin: In der großen Retrospektive, die zurzeit in Paris zu besichtigen ist, sind etwa 700 Bilder von Ihnen zu sehen.

Robert Crumb: Und das ist nur ein Bruchteil meines Gesamtwerks. Trotzdem kann man sich das alles unmöglich in einem Durchgang angucken.

Aline Crumb: Normalerweise gibt es solche Ausstellungen erst, wenn der Künstler tot ist.

Robert Crumb: Dann kann ich ja jetzt sterben.

ZEITmagazin: Es klingt wie eine alberne Frage, aber ich meine sie ganz konkret: Macht das Zeichnen Sie glücklich?

Robert Crumb: Na ja, ich schätze, es gibt mir so etwas Ähnliches wie Glück. Es ist wie beim Abwaschen des Geschirrs: Man weiß, dass man etwas Nützliches tut und dass man es ganz gut kann. Das ist besser, als völlig gehemmt zu sein und sich nutzlos zu fühlen oder etwas Sinnloses zu tun. Man weiß immerhin, dass man irgendeinem Zweck dient. Hoffentlich.