Es geht nicht um das Schlanksein an sich, sondern darum, was damit verbunden wird: Dick bedeutet faul und träge, schlank verbindet man mit Disziplin, Kontrolle und Leistungsbereitschaft. Eine schlanke Frau, so die Assoziation, ist diszipliniert, weil sie ihr Essverhalten kontrolliert und regelmäßig Sport treibt. Die Deutschen gelten im Ausland als besonders gewissenhaft und strebsam im Beruf. Haben wir diese ökonomistische Leistungsethik auf unsere Körper übertragen?

Mit dem Kapitalismus sei der menschliche Körper »vergesellschaftet« worden, sagt der Philosoph Michel Foucault, zunächst »in seiner Funktion als Produktiv- oder Arbeitskraft«. Seither wird im und am eigenen Körper ein Kampf zwischen Fremdbestimmung und Freiheit ausgetragen. Nun, ausgerechnet im Zeitalter des Individualismus, arbeiten alle an ein und derselben Selbstoptimierung, am Erreichen und Einhalten eines weltweit gültigen Schönheitsideals. Es hat nichts mehr mit Fügung zu tun, wie ein Mensch aussieht, seit jede schiefe Nase gerichtet und jede schlaffe Wange gestrafft werden kann.

Noch in den neunziger Jahren warb die Lebensmittelmarke »Du darfst« mit dem Slogan »Ich will so bleiben, wie ich bin«. Inzwischen will keine Frau mehr bleiben, wie sie ist. Und die Töchter leben es ihren Müttern nach. Auch Maries Mutter hatte schon Diäten gemacht. Auch von ihr lernte Marie, dass Frauen Salat essen, nicht weil der schmeckt, sondern weil er sie schlank bleiben lässt.

Nicht jedes Mädchen, das abnimmt, hungert sich an den Rand des Todes. Aber Abnehmen ist Normalität geworden, denn schon normale Körper werden als zu dick empfunden. Laut einer Umfrage der Jugendzeitschrift Bravo – die nicht jedem als seriöse Quelle gilt, aber nach wie vor ein Seismograf für die Stimmungen der Jugend ist – hat fast jedes zweite 14 Jahre alte Mädchen in Deutschland schon mindestens eine Diät gemacht. Und warum? Vielleicht weil jedes zweite Mädchen zwischen 12 und 21 Jahren, das regelmäßig Germany’s next Topmodel sieht, Model werden möchte. Dies geht aus einer Studie des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen hervor. Bereits Fünftklässlerinnen wünschen sich Körper wie die der Models im Fernsehen. Um das zu erreichen, tun sie genau das, was Heidi Klum in ihrer Sendung fordert: an sich arbeiten. Die Show, so ein Ergebnis der Studie, veranlasst Mädchen dazu, weniger zu essen. Deshalb machen schon Zwölfjährige Diät.

Risiken, Schmerzen und Kredite

Für eine Umfrage der Frauenzeitschrift Petra wurden im vergangenen Jahr 1000 Frauen gefragt, ob sie zehn Punkte ihres Intelligenzquotienten opfern würden, wenn sie dafür einen Schönheitsmakel ausgleichen könnten. Fast drei Viertel der Frauen antworteten mit Ja.

Der Blick in den Spiegel kennt keine Gnade mehr. Nicht mehr nur Hässlichkeit, sondern schon Normalität ist Makel.

Ein Drittel aller Schönheitsoperierten in Deutschland ist jünger als 30 – ein Alter, das früher für sorglose Jugend und natürliche Schönheit stand. Jetzt schenken Eltern ihren Töchtern Brustvergrößerungen, manchmal zu Weihnachten, manchmal zum Abitur.

»Sich operieren zu lassen wird in ein paar Jahren so normal sein, wie zum Friseur zu gehen«, sagt die Psychologin Ada Borkenhagen, die über die Gründe und die Auswirkungen der Schönheitschirurgie forscht. Ihrer Meinung nach wird es in zwanzig Jahren ohnehin kaum eine Frau mittleren Alters geben, die nicht operiert ist, egal ob Akademikerin oder Arbeiterin. In ihrer Praxis begegnet Ada Borkenhagen einer Generation von Frauen, die genau weiß, wie ein Körper auszusehen hat: makellos. Dafür nehmen die Patientinnen alles auf sich: Risiken, Schmerzen und Kredite. Und für wen? Für die Männer?

Das Paradoxe ist: Die Überzahl der Männer finden eine operierte Frau nicht besonders anziehend. Akademische Untersuchungen gibt es nicht, aber die Zeitschrift Bild der Frau befragte 1000 Männer unterschiedlichen Alters, ob sie operierte Frauen attraktiver fänden. Drei Viertel der Männer gaben an, dass sie »natürliche Frauen« bevorzugten. Regelrecht abstoßend fanden die Befragten künstlich aufgeblähte Schlauchbootlippen und steife Silikonbrüste. Es sind offenbar nicht die Männer, die die Frauen in die Operationen treiben. Wer aber ist es dann?

Das Streben nach Schönheit hat sich längst von seinem eigentlichen Zweck gelöst. Es braucht den Betrachter, den Mann, nicht unbedingt. Die Frauen wollen sich selbst genügen. All den Ansprüchen, die sie an sich stellen. Sie wollen aussehen wie die tausendmal retuschierten Schönheiten in der Vogue . Wie die 16-jährigen Bikini-Models auf den haushohen Werbefotos von H&M. Wir sind öfter vom Anblick perfekter Körper umgeben als je zuvor. Wir sehen mehr nackte Haut auf Plakaten und in Zeitschriften als im echten Leben. Niemand kann diesen Bildern entkommen, niemand kann ihnen entsprechen.

Brigitte wollte es anders machen. Vor zwei Jahren verkündete die Frauenzeitschrift, ihre Fotostrecken nicht mehr mit Models, sondern mit Frauen »wie Ihnen und uns« produzieren zu wollen. Eine Revolution sollte es werden. Doch das System war stärker. Vor wenigen Wochen kündigte Brigitte an, wieder auf professionelle Models zurückzugreifen. Die offizielle Begründung: Leserinnen hätten sich beschwert. Und tatsächlich kann man auf der Brigitte -Homepage Kommentare wie diesen lesen: »Meist bin ich frustriert von Ihrer Auswahl, da Sie nur superschöne und superschlanke Frauen zeigen.« Oder: »Ich fühle mich von Ihrer Kampagne unter Druck gesetzt.«

Die »normalen Frauen«, die Brigitte zeigte, überschritten selten die Kleidergröße 38 und waren dazu noch erfolgreich im Beruf. Superfrauen, die dem Diktat des Gutaussehens genügten, plus dem der Karriere.

Zum Ende der Alleskönnerinnen in Brigitte führte auch ein wirtschaftlicher Grund: Die Fotoshootings mit normalen Frauen waren aufwendiger und zeitraubender, gleichzeitig war die Zahl der Anzeigen rückläufig. Die Leserinnen, so Brigitte, hätten die Kehrtwende kaum kritisiert. Warum auch? Brigitte zeigt jetzt wieder Abbilder professionell makelloser Frauen. So wie alle. Wir haben diese Bilder verinnerlicht. Wir glauben, dass ein schöner Körper, dass Glück so auszusehen hat.

Auch Katrin Spangenberg wollte glücklich sein. So wie die Frauen in den Zeitschriften, wie die Menschen in den TV-Serien. Es ist zwei Jahre her, da saß Spangenberg, 42 Jahre alt, geschieden, Mutter eines Sohnes, auf dem Sofa ihrer Dreizimmerwohnung und sah im Fernsehen die Ankündigung einer Reality-Dokumentation. Sie sah eine verzweifelte Frau – so wenig perfekt wie sie selbst. Und sie sah einen Schönheitschirurgen, der versprach, mit kleinen Eingriffen große Wirkung zu erzielen. Dann kam wieder die verzweifelte Frau ins Bild – aber jetzt lachte sie, umringt von Freunden und Familie. Sie hatte sich operieren lassen, trug eine neue Frisur, war geschminkt. »Jeder hat das Recht darauf, glücklich zu sein«, sagte der Sprecher aus dem Off.