Der Zeitgeist dringt immer weiter vor. Der neueste Trend: Schamlippenoperationen. Seitdem Frauen sich im Intimbereich rasieren, seitdem in den Umkleiden der Fitnessstudios und Wellnesstempel alles sichtbar ist, muss auch das weibliche Geschlechtsorgan einem Schönheitsideal entsprechen: Die äußeren Schamlippen sollen die inneren umschließen. Mehr als 1000 Frauen pro Jahr lassen sich in Deutschland die inneren Schamlippen kappen. Andere lassen sich die äußeren aufspritzen oder ihre Vagina verengen. Tendenz steigend. In allen Altersgruppen.

Das Dr.-Sommer-Team, das Sexualberatungsressort der Jugendzeitschrift Bravo, bekommt immer häufiger Briefe wie diesen: »Ich habe ein Problem, und zwar sind meine inneren Schamlippen so groß, dass sie herausschauen. Ich war auch schon bei einer Frauenärztin, die gesagt hat, dass das normal ist. Aber ich schäme mich so. Im Schwimmbad sitze ich nur noch am Rand, weil ich Angst habe, dass mir jemand die Badehose runterzieht und sich über meine Schamlippen lustig macht. Ich habe von einer Operation gehört, bei der man sich die Schamlippen verkleinern lassen kann. Was haltet Ihr davon?« Die Schreiberin ist 14.

»Ich bin gegen Operationen im Intimbereich«, sagt Mang. Trotzdem hat er eine Ärztin angestellt, die nichts anderes tut. »Bevor die Frauen irgendwo anders hingehen, wo es schlecht gemacht ist, sollen sie lieber zu mir kommen.« Der Autor der Verlogenen Schönheit präsentiert sich gern als Ketzer seiner eigenen Religion. Lasset die Frauen zu mir kommen! Rund 3.000 Euro kostet eine Schamlippenverkleinerung. Bevor andere daran verdienen, verdient lieber Mang.

Spielfiguren, die aussehen wie Models

Wie viel der Arzt erwirtschaftet, sagt er nicht. Muss er auch nicht. Seine Villa, seine Boote, seine Oldtimersammlung, all das hat er schon so oft vor den Fernsehkameras gezeigt, dass der Letzte kapiert hat: Mang ist reich. Und nicht nur er. Das Geschäft mit der Schönheit läuft bombastisch: 800 Millionen Euro ließen die Deutschen im vergangenen Jahr bei den Schönheitschirurgen. Die Kosmetikindustrie setzte 1,8 Milliarden um, die Fitnessbranche vier Milliarden.

Diese Zahlen sind erhoben. Aber nicht, wie viele Millionen Stunden Frauen vor dem Spiegel verbringen, grübelnd und gefangen in den Endlosschleifen der Beschäftigung mit sich selbst. Als könnte man ein gelungenes Leben ertrimmen. Als könnte man sich Ausstrahlung spritzen lassen.

In dem Maße, in dem Frauen sich perfektionieren wollen, scheint der Markt der Eitelkeiten zu wachsen: Nachfrage generiert neue Angebote, die wieder Nachfrage wecken – und immer so weiter. In den vergangenen Jahren ist es vor allem die Spielzeugindustrie, die das Thema für sich entdeckt hat. Längst ist es nicht mehr nur Barbie, die Mädchen an die Kaufhausregale lockt. Auf der Spielwarenmesse 2012 stellte Lego eine Serie speziell für Mädchen im Alter von sechs bis zwölf Jahren vor. Lego friends heißt das ganz in Pink und Lila designte Produkt. Die Figuren sind fünf Freundinnen, die aussehen wie Models und – den beiliegenden Spielutensilien nach – nichts anderes zu tun haben, als am Pool zu sitzen, in Handspiegel zu schauen und sich die Haare zu machen.

Die Firma Depesche, die mit der Plüschfigur Diddl-Maus bekannt wurde, vertreibt ein Malbuch mit dem Namen TopModel. In dem Heft für Mädchen ab sieben geht es um das Leben von 13 Models. Die gezeichneten Figuren heißen Christy, Fergie und Candy, haben große, weit auseinanderstehende Augen, Stupsnase, Schmollmund, lange Beine und ein sorgenfreies Leben. Alles, worüber die Models sich den Kopf zerbrechen, sind das nächste Fotoshooting, ein Umstyling und »der süße Fotograf«.

Neben dem Malbuch gibt es noch weitere Produkte wie einen TopModel-Lidschatten, TopModel-Lipgloss und ein eigenes TopModel-Fotobuch. Wie viel Depesche mit TopModel verdient, will die Firma nicht bekannt geben. »Fakt ist, dass wir Fantasiefiguren zeigen und keine Menschen«, teilt die Pressesprecherin mit. Als hätten diese Fantasiefiguren keine Auswirkungen auf das reale Leben von Erstklässlerinnen.

Der Homepage von TopModel ist der folgende Eintrag einer Zwölfjährigen zu entnehmen: »Hey, ich bin 1,64 klein, wiege 46 Kilo und hab BH größe 75 a (ich weiß, leider sehr wenig) und ich fühle mich total dick und zwar laufe ich nicht mehr gern in kurzen Hosen und Bikini herum. Was kann ich dagegen tun?« Und eine Elfjährige fragt: »Habt Ihr Übungen für den schmaleren Po?« Die starke Pippi Langstrumpf wird als Vorbild abgelöst von Candy, dem biegsamen Fotomodell.

In Seligenstadt, einem kleinen Ort in der Nähe von Frankfurt, steht eine Achtjährige vor einer schlanken blonden Frau mit großen Brüsten und aufgespritzten Lippen. Das Mädchen zieht am schlauchförmigen Kleid, das der Frau nur knapp über den Hintern reicht. »Du bist so schön«, sagt das Kind, als die Frau sich zu ihr herunterbeugt. »Du siehst genauso aus wie Barbie.« Die fleischgewordene Barbie lächelt. Es ist Gina-Lisa Lohfink. Die Frau, die es zuletzt im Juni dieses Jahres wegen einer angeblichen Affäre mit dem Fußballnationalspieler Jérôme Boateng in die Schlagzeilen schaffte. Die Bild- Zeitung druckte Fotos, wie sie mit dem Fußballstar in Richtung Hotelzimmer verschwand. »So (ober)weit hat es Gina-Lisa gebracht«, schrieb Bild und zeigte ein Foto dazu: Lohfink nackt am Strand, die Doppel-D-Brüste der Sonne entgegenreckend.

Ihr Beruf ist es, gut auszusehen

Vor fünf Jahren bewarb sich Gina-Lisa Lohfink bei Germany’s next Topmodel und schaffte es unter die besten zwölf. Hier hätte ihre Geschichte enden können. In einem Interview sagte sie damals, sie wolle nach der Sendung ihr Abitur nachmachen. Doch sie entschied sich dann lieber fürs Schönsein als fürs Gescheitsein, dafür, eine Frau zu sein, die ein ganzes Land beim Vornamen nennt. Sie ließ sich die Brust vergrößern, nahm ansonsten aber 15 Kilo ab. Auf die erste Operation folgte der erste Job: ein Werbespot mit dem damals 104-jährigen Schauspieler Johannes Heesters, für eine Mietwagenfirma. Das Honorar investierte Gina-Lisa in noch größere Brüste. Jetzt buchte sie der Playboy . Gina-Lisa ließ sich die Lippen aufspritzen.

Vier Jahre hat sie gebraucht, um sich von einer attraktiven jungen Frau in eine Kunstfigur zu verwandeln. Gina-Lisa gehört nun zu jenen Frauen, die von gemachten Brüsten und aufgespritzten Lippen leben. Ihr Körper ist das Ergebnis eines zum Exzess getriebenen Schönheitswahns.

»Meine Schönheitschirurgen sind Heroes für mich«, sagt Gina-Lisa. »Sie haben mich erschaffen. Wenn du langweilig bist, wenn du so aussiehst wie alle anderen, bekommst du kein Geld und keine Aufträge. Du musst diese Extreme haben, um bekannt und erfolgreich zu sein.« Es stimmt. Wäre Gina-Lisa Arzthelferin in Seligenstadt geblieben, anstatt sich unters Messer zu legen, wäre sie heute ein Niemand. Der Kampf um Attraktivität und Anerkennung, dieser Kampf, den im Stillen auch die Gymnasiastin Marie und die alleinerziehende Mutter Katrin Spangenberg führen – Gina-Lisa hat ihn besonders laut und bis zum Äußersten ausgefochten. Und sie findet: sehr erfolgreich.

Ihr Beruf ist es, gut auszusehen. Sie bietet ihrem Publikum den superoptimalen Reiz. So nennt die Verhaltensforschung einen Reiz, der stärker ist als jeder natürliche.

Gina-Lisa ist heute 26 Jahre. Was macht sie, wenn sie älter wird? »Ich denke nicht so viel übers Alter nach«, sagt sie. »Wenn etwas hängt, kann ich mich ja operieren lassen.«

Jetzt ist Gina-Lisa noch einmal in ihren Heimatort Seligenstadt zurückgekehrt. An einen Ort, an dem alle Schönheit zu Ende ist: ein Altersheim. Gina-Lisas Mutter arbeitet hier als Pflegerin. Heute ist Sommerfest, Gina-Lisa moderiert eine Modenschau. Die Models sind 80-Jährige, die ihre Rollatoren über den Catwalk schieben.

Im Garten steht Gina-Lisa, ein Mikrofon in der Hand. Um sie herum Rentner in Rollstühlen. Das kleine Mädchen hängt noch immer an ihrem Rockzipfel. Gina-Lisa wirft ihrer Managerin einen »Hol mich hier raus«-Blick zu. Die Modenschau beginnt, die erste Frau mit Rollator steht neben Gina-Lisa parat. Eine sehr alte Dame mit faltigem Hals, schlaffen Armen und Wasser in den Beinen. Für ein paar Sekunden treffen sich ihre Blicke, Gina-Lisa schaut der Zukunft ins Gesicht.

»Es ist schön, hier zu sein!«, ruft sie – ein bisschen schrill – ins Mikrofon. Eine halbe Stunde lang präsentieren die Bewohner des Altersheims Strickjacken, Röcke, Hüte einer ortsansässigen Boutique.

Bevor sie geht, will Gina-Lisa in der Lobby noch ein paar Autogramme geben. Doch bis auf das kleine Mädchen, das sie anbetet, kommt kaum einer. Die naturbelassenen Alten wissen mit dieser rätselhaften Frau nichts anzufangen. »Hübsches junges Ding«, flüstert eine betagte Frau der anderen zu, »aber die Arme: So große Brüste.«