SchönheitsidealeSchöner, als die Natur erlaubt

Frauen aller Schichten perfektionieren ihren Körper heute mit allen Mitteln: Mit Diäten, Sport und zur Not mit dem Skalpell. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der plastischen Operationen verdoppelt. Der Wahn, ideal auszusehen, erfasst schon Kinder. Reise durch eine gnadenlos schöne neue Welt. von Nadine Ahr

Makellose Taille: Heidi Klum bei den Emmy Awards in Los Angeles im September 2012

Makellose Taille: Heidi Klum bei den Emmy Awards in Los Angeles im September 2012  |  © Frazer Harrison/Getty Images

Wie eine Märchenprinzessin steht sie da: die Haare lang und blond, die Beine schlank und glatt, die Nase schmal, die Lippen voll, die Augen grün. Wer könnte sie ignorieren, einfach so an ihr vorübergehen?

Gerade steht sie in Halle 10 der Düsseldorfer Messe und verkauft Parfum. Sie ist jung, erst 21 Jahre, und heißt Isabel Gülck. Gülck wie Glück, nur zwei Buchstaben sind vertauscht. Seit Februar trägt Isabel ein Prädikat: Miss Germany. Dieser Rang ist ein Versprechen – es lautet: Ein Jahr lang bist du die Schönste im ganzen Land. Alle werden dich für deinen Glanz bewundern. Du darfst als Model paradieren, auf roten Teppichen flanieren.

Anzeige

In Halle 10 ist die Auslegware nicht rot, sondern schmuddelig grau mit Kaffeeflecken. Das silberglänzende Abendkleid, das Isabel ihre märchenhafte Aura verleiht, gehört nicht ihr selbst, sondern der Miss Germany Corporation Klemmer GmbH & Co KG. In dieser Robe verkauft Miss Germany Parfum. Ihre Vorgängerin aus dem Jahr 2011 hat die gleichen Flakons auch schon verkauft. Die Prinzessinnen wechseln, der Duft bleibt. »Haben Sie schon mein neues Parfum probiert?«, fragt Isabel all die vorbeiziehenden Besucherinnen, Kosmetikerinnen und Nageldesignerinnen auf der Beauty, der größten Kosmetikmesse Deutschlands. Ihre Frage klingt abgenutzt. Seit sechs Uhr früh ist sie auf den Beinen, jetzt ist es später Nachmittag, ihre Füße sind geschwollen, ihr Magen knurrt. Das Make-up fängt an zu zerfließen.

Acht Stunden lang hat Isabel an diesem Tag ihre Schönheit an ein Parfum verliehen. Am Ende ihrer Schicht zieht sie sich in einem Abstellraum der Messehalle zwischen Saure-Gurken-Gläsern, Buletten und Putzzeug die Schuhe aus und blickt auf ihre Schärpe, die ihr von der Schulter über die Hüfte reicht. »Miss Germany 2012« steht darauf, hinterlegt mit Schwarz-Rot-Gold.

»Ich lebe den Traum aller Mädchen«, sagt sie.

In einer Stunde muss Isabel Gülck den Zug nach Hannover nehmen, dort soll sie eine Misterwahl schmücken. Bis nachts um zwei. In der knappen Zeit, die ihr zwischen den Terminen bleibt, versucht sie ihren Lebensweg aus dem holsteinischen Dorf Horst in diese Düsseldorfer Messehalle zu erklären. Das, was sie »den Traum aller Mädchen« nennt: Um sich diesen Traum zu erfüllen, hat die Tochter einer Friseurin und eines Versicherungskaufmanns lange und hart gekämpft. Die Sehnsucht nach Wertschätzung, die Freude an dem zufälligen Glück, schöner als die anderen zu sein – vermutlich hat Isabels Mutter diese Gefühle geweckt, als sie eine Zusatzausbildung zur Visagistin machte und aus Mangel an Modellen ihre damals zwölfjährige Tochter schminkte. Anschließend machte ein befreundeter Fotograf Aufnahmen von ihr: Isabel als Engel mit halb geöffneten roten Lippen, als sexy Vamp in zerrissenen Jeans. Die Bilder hängen heute noch im Laden der Muter. »Das machst du toll«, sagte der Fotograf. »Was für ein bildschönes Mädchen«, raunten die Kunden. Isabel hörte es und spürte zum ersten Mal: Ich bin etwas Besonderes. Ich werde für mein Aussehen gelobt.

Miss Germany Isabel Gülck

Isabel Gülck wird im Februar 2012 zur schönsten Frau Deutschlands gewählt. Sie setzte sich gegen 6530 Mitstreiterinnen durch.  |  © Patrick Seeger dpa/lsw

Isabel Gülcks Geschichte ist eine wie keine, und doch ist sie die Geschichte der Frau an sich. Die Frau ist »das schöne Geschlecht«. Ihr Zeichen ist das Venussymbol, weltweit verwendet in der Wissenschaft wie in feministischen Zeitschriften: Der Kreis mit dem angehängten Kreuz stellt den Handspiegel der Venus dar. Immer geht es um die Frage: Sehe ich gut aus? Schönheit – oder eben Nichtschönheit – war immer eine entscheidende Eigenschaft aller Frauen und Mädchen.

Schon Homer erzählt, wie ein zehnjähriger Krieg zwischen Griechen und Trojanern entbrennt, der eine einzige Ursache hat: den Raub der schönsten Frau Griechenlands, Helenas – einer Art antiker Isabel Gülck.

Vielleicht kennt Isabel die uralte Geschichte der Helena nicht, aber ihre Botschaft trägt auch sie tief in sich: Eine schöne Frau hat Bedeutung. Eine schöne Frau wird geliebt. Um eine schöne Frau kämpfen die Männer. Deshalb arbeiten Millionen Frauen bis heute mit allen Mitteln daran, schön zu werden oder schön zu bleiben. Obwohl sie wissen, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Denn die Schönheit hat einen hässlichen, welken Bruder: den Verlust. Und der bleibt immer Sieger, zuletzt.

Im Grimmschen Märchen Schneewittchen versucht die böse Königin, ihre jugendliche Konkurrentin zu liquidieren – um dem eigenen Niedergang nicht ins Auge blicken zu müssen.

Leserkommentare
    • WolfHai
    • 10. November 2012 17:42 Uhr

    Denken und argumentieren hilft bei der Frage der Schönheit nicht. Einmal hinkucken (nicht zweimal) und man weiß, was man attraktiv findet und wo man sich hingezogen fühlt. Und frau weiß das ebenso. (Bei Männern kommt es oft übrigens weniger auf die Schönheit im Sinne eines Adonis an, sondern auf Zeichen von Status - Körperhaltung, Kopfhaltung, Größe, Blick... - wahrscheinlich um so wichtiger, je älter und "gestandener" der Mann ist).

    Also: nicht reden, nicht denken, sondern einmal hinkucken und sich nicht selbst betrügen. Violà!

    Antwort auf "Oha..."
    • WolfHai
    • 10. November 2012 17:48 Uhr

    "Wenn man jemanden lange genug kennt relativiert sich die Schönheit."

    Richtig. Aber dann ist es oft eben zu spät: Man hat nur eine Chance, einen guten ersten Eindruck zu machen.

    Antwort auf "Mal ehrlich"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • siar
    • 10. November 2012 18:06 Uhr

    Heißt das, Sie sprechen noch nicht mal mit Menschen die nicht Ihrem Schönheitsideal entsprechen?
    Wow, dann ist Ihre Auswahl aber extrem eingeschränkt.
    Normalerweise lernt man Menschen auch außerhalb der Clubs kennen und ist nicht nur auf die Möglichkeit der Partnerschaft eingegrenzt.
    Was machen Sie, wenn Ihre Partnerin hässlich altert? Es gibt Menschen die mit dem Alter schöner und andere die immer hasslicher werden. Ich kann Ihnen da gerne ein paar Fotos von Klassenkameraden zeigen.

    • omnibus
    • 10. November 2012 18:00 Uhr

    hatte ihr Feld, auf dem sich Neurosen bevorzugt manifestierten. Zu Zeiten Chracots und Freuds war es die Hysterie, heute sind es Magersucht und Schönheitswahn.

    Sicher spielen Medieneinflüsse eine Rolle, aber inzwischen weiss jeder, dass keines der veröffentlichten Mode-Fotos mehr authentisch ist - nicht nachbearbeitete Fotos kommen gar nicht in den Druck.

    Dass viele Frauen trotzdem versuchen, um jeden Preis ein solches Aussehen zu erreichen, zeugt von einem Perfektionswahn (kombiniert mit einem schwachen Selbstbewusstsein), dessen Ursache in der Persönlichkeit und nicht im Äußeren liegt.

    Der Mutter der elfjährigen Magersüchtigen sollte besser so schnell wie möglich Hilfe für ihre psychisch kranke Tochter holen, statt die Schuld auf die Medien zu schieben.

    Schönheitsideale machen sich immer an Merkmalen fest, die nur wenige haben. Deswegen glaube ich auch nicht, dass in 20 Jahren alle operiert sein werden. Wenn nur noch falsche Blondinen wie die Schönheitskönigin oder aufgepolsterte und aufgespritzte Models wie diese Gina Lisa zu sehen sind, würde bald die Suche nach authentischen Gesichtern einsetzen.

    Schönheitsideale orientieren sich nie am Aussehen der Mehrheit, nur so kann man maximale Geschäfte mit ihnen machen.

    Eine Leserempfehlung
    • siar
    • 10. November 2012 18:06 Uhr

    Heißt das, Sie sprechen noch nicht mal mit Menschen die nicht Ihrem Schönheitsideal entsprechen?
    Wow, dann ist Ihre Auswahl aber extrem eingeschränkt.
    Normalerweise lernt man Menschen auch außerhalb der Clubs kennen und ist nicht nur auf die Möglichkeit der Partnerschaft eingegrenzt.
    Was machen Sie, wenn Ihre Partnerin hässlich altert? Es gibt Menschen die mit dem Alter schöner und andere die immer hasslicher werden. Ich kann Ihnen da gerne ein paar Fotos von Klassenkameraden zeigen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Der erste Eindruck"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • WolfHai
    • 10. November 2012 18:16 Uhr

    Es gibt Situationen, in denen der erste Eindruck extrem wichtig ist, und andere, wo das nicht der Fall ist. Das ist nicht nur in meinem Leben so, das ist im Leben von (fast) jedem so. So einfach ist das.

    • Nest
    • 10. November 2012 18:07 Uhr

    insbesondere was Magermodels betrifft, wird man keine signifikante Menge an Männern zusammenkriegen, um dieses als Körperideal zu manifestieren.
    Stutzig gemacht hat mich die Stelle: "In keinem anderen Land der Welt, das belegt eine Studie der Universität Bielefeld, gibt es so viele normalgewichtige junge Frauen, die sich zu dick finden."
    ,da ich den Eindruck hatte, Natürlichkeit und Gesundheit hätten hierzulande einen vergleichsweise hohen Stellenwert.
    Wenn man sich vor Augen hält, dass gleichzeitig in D Flirten und Komplimente stark tabuisiert sind (hierzu gab es auch einige vieldiskutierte Leserartikel), könnte man auf den Gedanken kommen, dass es gerade das fehlende Feedback der Männerwelt ist, das die jungen Frauen derart abseitigen Schönheitsidealen in die Arme treibt.

    3 Leserempfehlungen
    • WolfHai
    • 10. November 2012 18:16 Uhr

    Es gibt Situationen, in denen der erste Eindruck extrem wichtig ist, und andere, wo das nicht der Fall ist. Das ist nicht nur in meinem Leben so, das ist im Leben von (fast) jedem so. So einfach ist das.

    Antwort auf "seltsame Sichtweise"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • siar
    • 10. November 2012 18:33 Uhr

    Klar, wenn Sie zu einem Vorstellungsgespräch gehen, und nur diese Chance haben, ist das wichtig.
    Doch im Privatleben laufen Begegnungen durchaus anders ab.

    Jetzt sagen Sie doch mal, was machen Sie wenn bei Ihrer Partnerin die Attraktivität im Laufe der Zeit abnimmt? Wird Sie einfach ersetzt oder ist Sie Ihnen als Person so wichtig, dass es für Sie kein Problem ist damit zu leben?

    • siar
    • 10. November 2012 18:33 Uhr

    Klar, wenn Sie zu einem Vorstellungsgespräch gehen, und nur diese Chance haben, ist das wichtig.
    Doch im Privatleben laufen Begegnungen durchaus anders ab.

    Jetzt sagen Sie doch mal, was machen Sie wenn bei Ihrer Partnerin die Attraktivität im Laufe der Zeit abnimmt? Wird Sie einfach ersetzt oder ist Sie Ihnen als Person so wichtig, dass es für Sie kein Problem ist damit zu leben?

    Eine Leserempfehlung
    • WolfHai
    • 10. November 2012 19:09 Uhr

    "Doch im Privatleben laufen Begegnungen durchaus anders ab."

    Wenn es denn so wäre. Für die Partnerwahl ist die körperliche Schönheit der Frau schon ein wichtiges, wenn auch nicht das einzige, Kriterium. Das ist so offensichtlich, dass man sich fragt, warum es überhaupt noch gesagt werden muss.

    Das ist natürlich nicht in allen Fällen gleichermaßen der Fall; nicht alle Menschen und nicht alle Mileus sind gleich. Man kann natürlich jeden verachten, der auf Schönheit Wert legt; aber was bringt das, außer die eigene Seele zu vergiften? Fazit: wer auf größere Auswahl bei der Partnerwahl Wert legt, achtet auf sein Äußeres. Besonders wenn er (sie) in einem schönheitssensiblen Milieu bewegt oder bewegen will.

    All das gilt statistisch allgemein. Einzelbeispiele können so etwas nun nicht widerlegen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • siar
    • 10. November 2012 19:27 Uhr

    Geben Sie mir doch eine Antwort auf meine Frage.

    Wenn es so wäre wie Sie es darstellen, fänden ca. 50 % der Menschen keinen Partner.
    Vor allem wenn man sich anschaut wieviele hässliche Männer attraktive Frauen haben. Und nicht nur reiche Männer.
    Ist es nicht eher so, dass gerade Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen sich selbst mit der Schönheit des Partners aufwerten wollen? Das ist in allen gesellschaftlichen Schichten ähnlich verteilt und reduziert die Frauen zum Statussymbol.

    • Palm86
    • 10. November 2012 19:47 Uhr

    Warum bewegt man sich denn überhaupt in einem schönheitssensiblen Milieu? Zumindest nach der Schulzeit kann man sich sein Umfeld doch einigermaßen selbst aussuchen und wer dann nur oberflächliche Deppen um sich schart, ist selber Schuld, denn es gibt in Deutschland Millionen Menschen die nicht sonderlich "schönheitssensibel" sind und trotzdem eine anregende Gesellschaft bieten. Denn es gibt Charaktereigenschaften die sind deutlich wertvoller als Schönheit, z.B. Humor, Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen, Bescheidenheit und eine positive, warmherzige Ausstrahlung. Das mag jetzt vllt realitätsfremd und nach Pfarrer klingen, aber jeder mit etwas Lebenserfahrung und Bodenständigkeit wird mir zustimmen, dass das die Eigenschaften sind, auf die es im Leben wirklich ankommt. Alles andere ist Show.

    Und klar, mit hässlichen Menschen umgibt sich kaum jemand gern. Aber nur die wenigsten Menschen sind von Natur aus hässlich (die die es sind, haben im Übrigen mein vollstes Verständnis, wenn sie operativ nachhelfen). mMn. kommt echte Hässlichkeit idR entweder von krasser Ungepflegtheit oder durch das Gegenteil, nämlich übertriebenes/penetrantes Styling. In beiderlei Hinsicht spiegelt dort die Optik das Innere.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Schönheit | Schönheitsoperation | Kinder
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service