Der EU-Kommissar: Dacian Cioloş

Mit einem mutigen Wurf hatte niemand gerechnet, nicht bei einem parteilosen früheren Ministerialbeamten aus dem jüngsten EU-Einsteigerland Rumänien. Auch äußerlich wirkt Dacian Cioloş eher unscheinbar: zierlich, jungenhaft, die Haare so grau wie der Anzug. Doch bei einer Anhörung im EU-Parlament spürt man, dass der 42-Jährige ein selten entschlossener Stratege ist.

In seinen Augen ist Agrarpolitik nicht mehr nur Sache der Bauern. Schließlich verwalten sie mit Wasser, Boden, Biodiversität und Atmosphäre öffentliche Güter, die alle Bürger angehen. Auch deshalb hat Cioloş schon zu Beginn des Reformprozesses intensiver als seine Vorgänger mit umfassenden europaweiten Konsultationen »die Brücke zur ganzen Gesellschaft geschlagen«. Er weiß: Die Brüsseler Subventionsroutinen kann er nur mit starkem Rückenwind durchbrechen. Und öffentliche Unterstützung gewinnt er am ehesten, wenn er die Gelder neu legitimiert. »Grüner und gerechter« sollen sie verteilt werden.

Gerechter zum Beispiel, weil ein vergleichbarer Hektar Anbaufläche bislang in Lettland mit rund 40 Euro gestützt wird, in Deutschland mit mehr als 320 Euro und in Griechenland mit über 500 Euro; Ungleichheiten, die durch unterschiedliche nationale Fördersysteme noch verstärkt werden. Deshalb plant der Kommissar schrittweise eine einheitliche Prämie pro Betrieb einzuführen. Die soll es nur noch für Bauern geben, die zusätzliche Leistungen im Interesse des Gemeinwohls erbringen. Das ist der Kern des umstrittenen Greenings.

Wenn Cioloş sich durchsetzt, werden künftig mindestens ein Drittel der Direktzahlungen an drei Auflagen geknüpft: Ihre Empfänger dürfen kein Dauergrünland mehr in Acker verwandeln, weil saftige Wiesen Kohlenstoff binden. Sie müssen mindestens drei verschiedene Früchte anbauen, denn Monokulturen laugen den Boden aus. Schließlich sollen sie sieben Prozent der Fläche als »ökologische Vorranggebiete« schonen.

Mit dieser neuen Regelung wäre der Automatismus durchbrochen, bei dem jeder, der Land nutzt, etwas kriegt, egal, was er darauf macht. Umweltfreundliche Anbausysteme gäbe es nicht mehr bloß in Nischen.

Allerdings läuft das Ganze auf Umverteilung hinaus. Hunderttausende Kleinbauern, zum Beispiel in Cioloş’ rumänischer Heimat, würden profitieren, auch Biobauern. Konventionell wirtschaftende Ackerbauern müssten anders arbeiten – oder Abstriche machen.

Der Kommissar weiß, dass er sich auf Kompromisse einlassen muss: »Wandel tut immer jemandem weh«, sagt er. »Aber ich bin jung und will noch viel ändern.«