Energieversorgung : Rösler entdeckt die Planwirtschaft
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Der ökonomische GAU bedroht ausgerechnet Gaskraftwerke

Vermutlich wird sich die Lage sogar noch verschärfen. Ende 2015 geht nach geltendem Recht das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld bei Schweinfurt vom Netz, ein Kraftwerksriese mit einer Leistung von mehr als 1.300 Megawatt. Der Abgang wäre verkraftbar, wären bis dahin neue Stromleitungen fertig, um Elektrizität aus dem Norden und Osten Deutschlands gen Süden zu schaffen. Doch über die »Thüringer Strombrücke«, ein Gemeinschaftsprojekt der Netzbetreiber Tennet und 50 Hertz, wird laut einem aktuellen Bericht der Bundesnetzagentur wohl erst 2017 Strom von Halle nach Schweinfurt fließen. Die Versorgungssicherheit Süddeutschlands wird obendrein dadurch beeinträchtigt, dass der Betrieb bestehender Gaskraftwerke mangels Wirtschaftlichkeit bedroht ist. E.on ließ bereits durchblicken, deshalb drei Kraftwerksblöcke stilllegen zu wollen: Staudinger 4 bei Hanau, Block 3 des Kraftwerks Irsching an der Donau sowie Franken 1 in Nürnberg.

Dass der ökonomische GAU ausgerechnet Gaskraftwerke bedroht, die besonders flexibel die schwankende Stromerzeugung durch Wind- und Solarkraftwerke ausgleichen können, kommt nicht von ungefähr. Laut einer WWF-Studie (Auftragnehmer: Öko-Institut, Unternehmensberatung LBD, Anwaltskanzlei Raue) sind sogenannte Spitzenlastkraftwerke wegen des Vorrangs für grünen Strom nicht nur immer seltener am Netz; selbst in den Spitzenlastzeiten sind die Strompreise an der Börse inzwischen so niedrig, dass die Anlagen nicht mehr »im Geld« sind. Neue Gaskraftwerke, die mit abgeschriebenen Stromfabriken aus Monopolzeiten konkurrieren, werden erst recht nicht mehr gebaut. Laut WWF-Studie sind aber bis 2020 Neubaukraftwerke mit etwa 5.000 Megawatt Kapazität nötig und bis 2030 weitere mit 10.000 Megawatt. Fehlen sie, drohen Stromengpässe. Das wäre vermutlich das Ende der Energiewende, des größten innenpolitischen Projekts der Regierung Merkel.

Das Problem ist, dass die nötigen Kraftwerke allein mit dem Verkauf von Kilowattstunden nicht mehr auf ihre Kosten kommen; sie werden zwar gebraucht, aber womöglich nur für wenige Stunden. Die Errichtung und der Erhalt von Kraftwerken müsse deshalb mittels anderer Anreize als dem erzielbaren Strompreis gesichert werden. Nicht der Verkauf von Kilowattstunden, sondern die Bereitstellung von Kraftwerksleistung müsse sich wieder lohnen, sagt Felix Matthes, Energieexperte des Öko-Instituts und einer der Autoren der WWF-Studie.

Wie sich das neue Design für den Strommarkt möglichst wettbewerbskonform gestalten ließe, wird in Fachkreisen schon seit Längerem diskutiert. Das Interesse der Bundesregierung an der Debatte hielt sich bisher in Grenzen. Rösler & Co haben jetzt die Notbremse gezogen. Doch die Halbwertszeit ihrer Zwangsparagrafen dürfte begrenzt sein.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Hallo wawerke "Systemrelevant"

Die großen Hotelketten, denen die Regierungspartien, besonders die FDP, jährlich ca, 1,3 Milliarden € Steuern elassen haben, sind bestimmt auch systemrelevant. Man stelle sich vor, all die Geschäftsreisende, die in Detuschland gelegene Hotels besuchen, müßten die volle MwSt bezahlen! Nicht auszudenken, wenn die alle insolvent werden würden.
Vielleicht sollte man das Frühstück für Geschäftsreisende auch noch bezuschussen, um die systemrelevanten Hotels zu stützen.

die Energiewende

wurde doch von der Bundeskanzlerin zur Chefsache erklärt.

Hat sie das nun an ihren Stellvertreter abgegeben, der keine klare Richtung und Perspektive für den zahlenden Verbraucher findet die die Energieindustrie mit Milliardengewinnen füttert.

Die Privatisierung in der Versorgung hat sich nicht als ein positives Mittel durchgesetzt um Verbraucher mit günstigen Preisen auszustatten.

Ein altes Sprichwort für Umwelt- und Wirtschaftsminister und Kanzlerin : "viele Köche verderben den Brei"