Euro-GruppeDer Krisenausschuss

17 Finanzminister regieren die Europäische Währungsunion. Anatomie eines Rettungsorgans. von 

Die Euro-Finanzminister stellen sich auf zum Gruppenbild: auf ihrem Treffen am 8. Oktober

Die Euro-Finanzminister stellen sich auf zum Gruppenbild: auf ihrem Treffen am 8. Oktober  |  © John Thys/AFP/Getty Images

Wer wissen will, wie Europa im Moment regiert wird, muss sich folgende Szene vorstellen. In Luxemburg sitzt an diesem Mittwoch Jean-Claude Juncker in seinem Büro, vor sich einen Stapel Unterlagen, die neuesten Zahlen aus Griechenland. Das schwarze Lederetui mit den Zigaretten liegt in Reichweite, auf dem Tisch steht eine Sprechanlage. Zur selben Zeit wartet in Berlin Wolfgang Schäuble. In Helsinki hält sich Jutta Urpilainen bereit, in Athen ist es Giannis Stournaras. Einen nach dem anderen rufen Junckers Mitarbeiter an, einen nach dem anderen stellen sie durch.

17 Mal tüt-tüt-tüt, alle melden sich mit dem Vornamen. Am Ende ist die Euro-Gruppe vollständig versammelt. Zugeschaltet sind auch EU-Währungskommissar Olli Rehn und Mario Draghi, der Zentralbankchef. Die Beratung der Finanzminister der 17 Euro-Länder kann beginnen – und mit ihr die nächste Runde im Kampf gegen die Krise.

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Die Euro-Gruppe ist das politische Nervenzentrum dieser Krise, das wichtigste Gremium der europäischen Politik neben dem Rat der Staats- und Regierungschefs. Bei den Finanzministern laufen die Fäden der Euro-Rettung zusammen. Hier prallen die Interessen der Länder aufeinander. Und hier werden die Entscheidungen über Hilfsprogramme und Rettungsschirme gefällt oder vorbereitet. Dabei ist die juristische Grundlage dünn, auf der die Gruppe steht. Nur zwei Absätze finden sich in einem Anhang zu den Europäischen Verträgen.

Zwei Frauen und sechzehn Männer, die jüngste 37, der älteste 70

In normalen Zeiten treffen sich die Finanzminister einmal im Monat. Aber seit Staatsschulden, Zinssätze und die Rekapitalisierung von Banken zu europäischen Schicksalsfragen geworden sind, reden Juncker, Schäuble und die anderen fast ununterbrochen miteinander. Die Minister haben die Handynummern der Kollegen gespeichert. »Sie telefonieren zu jeder Tages- und Nachtzeit miteinander«, sagt einer der Mitarbeiter. Mal verabreden sie sich zu zweit oder zu dritt, dann sprechen wieder alle 17 miteinander.

Weil es mühsam ist, hierfür jedes Mal nach Brüssel zu fliegen, bittet Juncker, der Präsident der Euro-Gruppe, seine Kollegen wie an diesem Mittwoch häufig zur »TelKo«, zur Telefonkonferenz. Die Euro-Gruppe ist in den vergangenen Jahren eine Art europäischer Krisenausschuss geworden; die Telefonkonferenz zum Sinnbild einer Politik, die immer schneller reagieren muss. Am Takt der Treffen und TelKos kann man das Auf und Ab der Krise ablesen: die Phasen, in denen sich das Geschehen beruhigt, und jene, in denen sich die Ereignisse zuspitzen.

Die Frage liegt daher auf der Hand: Wer ist das überhaupt – die Euro-Gruppe? Juncker und Schäuble mag man kennen, aber wer sind die anderen, die da zusammenkommen? Was verbindet sie, und was bewegt sie? Wer regiert eigentlich Europa?

Die österreichische Finanzministerin Maria Fekter ist eine energische, manche sagen: eine etwas schrille Frau. Bevor die Politik ihr Beruf wurde, hat sie im heimischen Attnang-Puchheim ein Kieswerk gemanagt. In ihrer Heimat trägt sie deshalb den Spitznamen »Schotter-Mitzi«. Als Finanzministerin tritt Fekter mitunter so auf, wie sie zuvor als Innenministerin agiert hatte: forsch und auffällig, die Schlagzeilen in der Heimat fest im Blick. Doch die Methode verschafft ihr im Kreis der Finanzminister regelmäßig Probleme. Im Sommer spekulierte sie öffentlich darüber, dass auch Italien bald auf Finanzhilfen angewiesen sein könnte. Nicht nur der italienische Ministerpräsident Monti reagierte darauf ungehalten. Viele Kollegen aus der Euro-Gruppe waren entsetzt.

Denn Ruhe ist in diesen Zeiten die erste Finanzministerinnen-Pflicht. Ein Gebot, das allerdings auch Fekters Kollegen nicht immer befolgen. Jeder der 17 Minister mag zwar Verantwortung für Europa tragen, aber gewählt wird er oder sie zu Hause. Ein schwieriger Spagat, der manches von der Unruhe erklärt, die die Treffen der Euro-Gruppe begleiten.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 11. November 2012 9:27 Uhr

    ...lassen sich nicht auf einem Gruppenfoto zeigen.
    Die sitzen im Hintergrund und scheuen das Rampenlicht.
    Wozu auch, dafür haben sie ihre Bauern, Springer und Läufer...

  1. ...ausgestattet mit <a href="http://www.ksta.de/image/view/2008/6/9/13157246,10811490,dmData,maxh,480...ähr soviel Macht - oder Zunkunftssinn</a>?

  2. 3. . . .

    der Artikel gibt einen guten Einblick in die Schaltzentralen der Euro-Gruppe. Interessant finde ich die unterschiedlichen Vitas der Teilnehmer. Fachwissen scheint förderlich, aber nicht unbedingt notwendig zu sein, um seine Forderungen durchzubringen. Dass das Mittel der Wahl Telefonkonferenzen und nicht übersichtlichere Videokonferenzen sind, wundert mich. Schon mal probiert mit mehr als 6 Leuten übers Headset zu sprechen?

  3. ist nicht viel hinzu zu fügen.

    Nur noch, daß sich täuscht, wer denkt es ginge den Schauspielern auf der europäischen Bühne wirklich ernsthaft um eine "Lösung" der Schuldenkrise.

    Dazu zwei Schäuble-Zitate:
    He sees the turmoil as not an obstacle but a necessity. “We can only achieve a political union if we have a crisis,” Mr. Schäuble said.
    (http://www.nytimes.com/2011/11/19/world/europe/for-wolfgang-schauble-see...)

    "(...)das Europa der Zukunft wird kein föderaler Staat nach dem Vorbild der USA oder der Bundesrepublik sein. Es wird eine eigene Struktur haben. Das ist ein hochspannender Versuch."
    (http://www.spiegel.de/spiegel/finanzminister-schaeuble-ueber-die-geburts...)

    Sich eine Krise noch unbekannten Ausmaßes zu wünschen, wenn nicht gar herbei zu führen, um dann einen "hochspannenden Versuch" mit ungewissem Ausgang an ca. 65 Mill. Deutschen durchzuführen, nenne ich ein Verbrechen.

    Eine Leserempfehlung
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    Um Sie zu korrigieren, Deutschland hat ca. 82 Millionen Einwohner.

    • zozo
    • 27. November 2012 18:05 Uhr

    genau: denn wenn die echten heimlichen Herrscher der EURO Zone sich auf einem Gruppenfoto zeigen ließen, wären sie nicht mehr heimlich.

    Aber der Kommentar Nr. 1 ist so frappant da stört es einem dazu zu antworten.

    • biggerB
    • 11. November 2012 14:28 Uhr

    "17 Finanzminister regieren die Euro-Währungsunion. Bei ihnen laufen die Fäden der Euro-Rettung zusammen, und Länderinteressen prallen aufeinander. Wie funktioniert das?"

    Für die "einfache Bevölkerung"???

    SCHLECHT!!! TEUER!!! UNDEMOKRATISCH!!! UNDURCHSICHTIG!!!

    Und für die abgelichteten HERRSCHAFTEN?

    LUKRATIV!!! STRAFFREI!!! ZUKUNFTSSICHER!!!

    Ein "ähnlich lukratives" System gab es schon mal-

    das sogenannte LEHNSWESEN.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Lehnswesen

    MfG
    biggerB

    Eine Leserempfehlung
  4. 6. [...]

    Entfernt, bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/se

  5. Trotz Eurokrise bin ich froh darueber, von einer kompetenten und respektierten Person wie Schaeuble vertreten zu werden.

    Ich weiss nicht, wie diese Krise enden wird und auch nicht, was die beste Loesung ist. Herr Schaeuble wirkt authentisch, rational und kompetent. Ich halte es daher fuer klug, solche Personen die Entscheidungen treffen zu lassen.
    Offenbar sind wir da innerhalb der Eurozgruppe gut vertreten!

    Jedenfalls denke ich, das wir hier zum richtigen Zeitpunkt von der richtigen Person in der richtigen Sache vertreten werden.

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    • NoG
    • 11. November 2012 16:34 Uhr

    das will niemand in abrede stellen.
    allerdings vertraue ich niemandem der meint die bevoelkerung stehe hinter ihm. basiert wohl auf dem zdf-politbarometer?
    weiterhin treibt ihn offenbar seine ganz persoenliche zukunftsvision europas. die sei ihm gegoennt -
    in kombination mit seiner merkwuerdigen selbstreflexion, seinem amt und letztlich auch seinem alter, ist es mehr als angebracht dr. schaeuble zu hinterfragen.

    es gibt niemals nur einen weg.

    meine Wahrnehmung ist da eine ganz Andere!

    Der Koffervergesser wechselt seine Meinung/Aussagen wie andere Leute die Hemden!

    Sparen predigen und für Deutschland Billionenverpflichtungen eingehen! (EFSF+ESM+Target2)
    Nein deutsche Interessen, zumindest die der Mehrheit der Bevölkerung vertritt Schäuble garantiert nicht!

    Aber der Michel lässt sich nur zu gerne belügen, wenn es sich nur angenehm anhört. Die Rechnung kommt garantiert nach der Wahl 2013 !

    Der "Eurobba isch unsere Zukunft" Minister verfolgt ganz andere eigene Ziele!

    Michel wach auf!

    • Vanita
    • 11. November 2012 16:09 Uhr

    Angesichts der vielen Flickstellen und Ungereimtheiten in der EU und im EURO könnte man schon so mutig sein zu fragen, ob das denn so klappt, wie es uns vermittelt werden soll.

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