Fahrradtest : Von A nach B

Michael Biedowicz fährt mit dem Urbike von Strausberg nach Neuhardenberg.
Das Urbike © Urbike

Ganz in Weiß, mit wenigen, goldglänzenden Teilen. Reduktion auf das Nötigste, wie es auf dem Fahrradmarkt gerade modern ist. Das Urbike ist ein Single Speed Bike . Befreit euch von Ballast, aber vergesst nicht, dabei gut auszusehen. Meinen ersten Impuls, das Kunstwerk an die Wand zu hängen, musste ich unterdrücken. Ein Rad gehört auf die Straße. Und Berlin-Mitte hat genau das richtige Pflaster für so ein Angeberrad. Zunächst genieße ich die bewundernden Blicke. Ich erkenne darin aber auch ein gewisses Begehren. Mein Beschützerinstinkt (für das Rad) ist geweckt. Reduktion hin oder her, das Kleine braucht unbedingt ein Schloss, das schwerste, größte bitte!

Was taugt es im Dauereinsatz? Macht das Fahren auch Spaß, wenn keiner guckt? Als Ziel habe ich mir Neuhardenberg ausgesucht, ein kleiner Ort zwischen der Märkischen Schweiz und dem Oderbruch.

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Die radfahrerunfreundlichen Ostberliner Vororte mit ihren radspurfreien Schnellstraßen durchquere ich lieber mit der S-Bahn. Am Strausberger Bahnhof geht es los. Von da folgt man dem perfekt ausgebauten Radweg nach Bienenwerder, einem verschwundenen Ort, von dem nur der Name geblieben ist. Das Rad schnurrt über den Asphalt durch Wälder, ab und zu ergibt sich ein Ausblick auf die Brandenburger Hügellandschaft. Aber irgendwann ist Schluss, man muss den Radweg verlassen und sich über Landstraßen dem Ziel nähern. Mitten in der Märkischen Schweiz komme ich nicht umhin, an die altbewährte Gangschaltung zu denken. Jetzt heißt es Haltung bewahren, also im Wiegetritt über die Berge. In diesen Momenten frage ich mich, warum fahre ich so gerne Rad? Hinter jeder Biegung beginnt Neuland, lauert eine schöne (eine kleine Holzofenbäckerei in Klosterdorf) oder auch schlimme Überraschung (das Kopfsteinpflaster in Ihlow). Das Unvorhergesehene, das wir sonst so sorgfältig aus dem Leben verbannen, macht auch eine kurze Strecke zum kleinen Abenteuer.

Mein Fazit: Es gibt bequemere Räder, auch sportlichere, aber nur wenig stilvollere für relativ wenig Geld. Nach 30 Kilometern ist es gleich, mit welchem Rad man unterwegs ist, jetzt muss eine Pause her. Ich belohne mich mit einem Besuch im Neuhardenberger Feinschmeckerlokal, der Brennerei. Wer mit einem Gang die Märkische Schweiz durchfahren hat, hat sich ein Drei-Gänge-Menü verdient. Umgekehrt hätte es weniger Spaß gemacht.

Technische Daten

Rahmen: Stahl
Reifengröße: 28 Zoll
Gewicht: 10,9 kg
Schaltung: keine, optionale 2-Gang-Nabenschaltung
Bremsen: Zwei-Gelenk-Felgenbremse
Basispreis: 475 Euro

Michael Biedowicz ist Bildredakteur beim ZEITmagazin

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Underequipment kann durchaus von Vorteil sein

Was nicht dran ist am Rad wiegt nichts, kostet nichts und kann nicht kaputt gehen - kurzum macht keinen Ärger.

Re "Ein Fahrrad für nur eine Gelegenheit?" mmh, ich habe auch eines für den Bahnhof und für vors Kino, und ein richtiges Fahrrad für weite Strecken. Am liebsten hätte ich noch ein Rennrad fürs Wochenende und ein Faltrad für die Bahn und ein Reiserad für Fernreisen mit Gepäck und eines zum verleihen wenn Besuch kommt und ein Liegerad für den Speed und und und. Im Gegensatz zu mehreren Autos in der Garage werde ich mir das alles (na ja, fast alles) auch irgendwann mal zulegen...

" Wer Schutzbleche, Kettenabdeckung, Ständer und Beleuchtung als "Ballast" (siehe Überschrift) bezeichnet, hat irgendetwas nicht so ganz verstanden."

Gut, Schutzbleche sind kein Ballast (am Besten die zum stecken - die kann man bei Sonnenschein abnehmen) aber alles andere schon - wie wollen Sie denn an die Kette kommen wenn da so ein Kettenschutz im Weg ist? Fahrradständer? Wofür hat der Liebe Gott Verkehrsschilder erfunden? Beleuchtung - klar - ich nehme einfach Stecklichter...Auch ein Gepäckträger ist zwar praktisch aber nicht unbedingt notwendig - genauso wenig wie eine Schaltung.

Komfortable: Ja. Absolut notwendig? Nein.

Gegen dreckige Hosenbeinen helfen übrigens auch hochgekrempelte Hosenbeine - dann wird die Hose nur innen dreckig ;)

Ein Fahrrad für nur eine Gelegenheit?

Für einen kleinen Ausflug tagsüber bei Sonnenschein ohne Gepäck in nicht zu hügeliger Landschaft mag das Fahrrad genau richtig sein.

Dass keine Beleuchtung fest am Rad befestigt ist, ist gerade noch tolerierbar, wenn man das Rad als Rennrad einstuft. Bei 100g mehr Gewicht (das betrifft vermutlich schon die Zweigangvariante), nämlich ab 11kg, muss die Beleuchtung dagegen fest angebracht sein, damit das Fahrrad überhaupt für den öffentlichen Straßenverkehr zugelassen ist. Aber selbst mit Batteriebeleuchtung fehlen zur passiven Sicherheit noch Seitenreflektoren und Pedalreflektoren. Also besser nur tagsüber damit fahren!

Bei Regen fährt man am besten nur mit ganz alter Kleidung.
Und nicht vergessen, anschließend die Kette und die Felgenflanken vom Matsch zu befreien!

Mit langer Hose fährt man besser nicht, außer die Hose hat die Farbe von Altöl.

Kein Platz für Gepäck. Kein Ständer. Kein Platz für das Fahrradschloss.

Auch dass die meisten Fahrräder eine Gangschaltung haben ist keine lästige Vorschrift, sondern dient der Bequemlichkeit der Fahrers. Wozu also darauf verzichten?

Mein Hollandrad kann bis auf den Angeber-Effekt jedenfalls alles besser.