Fake-Dokumentarfilm "Fraktus"Arschgeweih im Volkstheater

Zu viel der Nostalgie: Der Fake-Dokumentarfilm "Fraktus" feiert das Comeback einer Achtziger-Jahre-Band, die es nie gegeben hat. von Jürgen Ziemer

Dieter Meier huscht auch mal kurz durchs Bild, mit Anzug und Schnauzer, so wie man ihn kennt. Westbam beichtet zwischen Plattenspielern und Verstärkertürmen, dass er die Idee zu seinem größten DJ-Hit gestohlen hat. Und das da, das ist doch eindeutig Peter Illmann, der minipligelockte Moderator der Achtziger-Jahre-Clip-Show Formel Eins. Eine der schönsten Szenen aber gehört Blixa Bargeld. Als sinister dreinschauender Großkünstler brabbelt er sinnlose Musiktheorien vor sich hin – und beweist damit wieder einmal, dass sein größtes Talent die Selbstdarstellung ist.

Viel zeitgeschichtliches Personal bevölkert Fraktus – das letzte Kapitel der Musikgeschichte, ein Biopic der besonderen Art, das nächste Woche in die Kinos kommt. Im Zentrum steht eine Band, die bereits vor 30 Jahren Techno erfunden hat – so jedenfalls muss man aus den vielen Kommentaren, Erinnerungen und Bekenntnissen schließen. Fraktus sind Kult, der absolut heißeste Scheiß von damals, und weil kein Kultphänomen von gestern vergessen bleiben darf, macht sich Devid Striesow in der Rolle des Musikproduzenten Roger Dettner mit einem Kamerateam auf die Suche nach den völlig zerstrittenen Musikern. Das Comeback von Fraktus führt zurück in eine Welt, die wir nur zu gut kennen – gerade weil es sie so nie gegeben hat.

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Die Elektroniker von Fraktus sind die Helden einer Fake-Doku über die wilden Achtziger: in zeittypischen Overalls agieren drei Darsteller, die kaum wiederzuerkennen sind unter albern überhängenden, je nach Geschmack an David Bowie oder auch an Adolf Hitler erinnernden New-Wave-Seitenscheiteln, Strickmützen und großflächigen Tätowierungen, was aber nichts macht. Teil des Vergnügens ist, dass alle, die sich diese kultig inszenierte Komödie um ein Kultphänomen anschauen werden, längst wissen, dass in den Fraktus-Kluften die Humorprofis Heinz Strunk, Jacques Palminger und Rocko Schamoni stecken. Unter dem Namen Studio Braun haben sie einmal mit Telefonstreichen angefangen, parallel dazu hat jeder eine kleine Solokarriere hingelegt. Diesmal allerdings kommt es noch dicker.

Es ist eine groß angelegte Spaßoffensive, die sie diesen Herbst starten: Neben Fraktus, dem Film, gibt es eine »Millennium Edition« mit den größten Fraktus-Hits, und ab dem 6. November ist die Band, die es gar nicht gibt, auf großer »Comeback Tournee«. Dass die Resonanz gehörig sein wird, lässt sich schon jetzt an den vielen Netzkommentaren ablesen: Eine Ironiekultur, die einmal in Hamburger Szenelokalen geboren wurde und sich seither an Stadttheatern, in Buchhandlungen und Clubs breitgemacht hat, schickt sich an, noch mehr Lachwillige abzuholen. Und tatsächlich: Vieles an dieser Humorpackung ist zum Schreien komisch. Ein bisschen drehen die Witzchen sich aber auch um die eigene Achse: Alles so heimelig hier. Das große Fraktus -Spektakel ist Volkstheater für Leute, die kein Volkstheater mögen. Derb der Witz, mit dem die Helden von damals von Szene zu Szene stolpern. Rustikal das Ambiente, in das die Dialoge hineinkrachen. Wer in den Achtzigern mit von der Partie war, darf sich auf die Schenkel klopfen: Ja, so war es, als man vor dem Spiegel stand und Popstarposen übte, und wenn aus Heinz Strunks Maurerdekolleté ein waschechtes Arschgeweih blitzt, lacht auch der Letzte. Als Schwank kehrt wieder, was einmal mit großem Ernst in die Welt hinausgeblasen wurde: die schnell geschnittenen Bildfolgen der ersten Videoclips, die Szenen aus Kellern und Proberäumen, der hysterische Tonfall, mit dem alles, was halbwegs ein Instrument halten konnte, als letzter Schrei begrüßt wurde. Doch zum einen ist die Idee nicht eben neu: Strunk, Schamoni und Palminger spielen bloß im New-Wave-Gewand noch einmal durch, was die amerikanische Mockumentary Spinal Tap am Beispiel der Heavy-Metal-Szene vorgemacht hat. Zum Zweiten und Bedenklicheren ist der Rückblick arg nostalgisch geraten.

Nicht nur die Helden sehnen sich nach besseren Zeiten: Rocko Schamoni in der Rolle des Dickie Schubert, der inzwischen ein Internet-Café namens Surf ’n’ Schlurf betreibt. Heinz Strunk als Produzent, der mit Schlager-Techno wie dem Pupslied viel Geld verdient hat, sich aber in seiner Villa auf Ibiza wie in der Verbannung fühlt. Jacques Palminger schließlich, den das schwerste Schicksal getroffen hat: Er arbeitet als Optiker im Brillengeschäft seiner Eltern. Der ganze Film ist eine Art Heimatkomödie für Menschen, die in besseren Tagen im Hamburger Pudel Club herumstanden und sich an einer Knolle Astra wärmten, ja manchmal meint man sogar, es mit einem notdürftig kaschierten Selbstporträt zu tun zu haben: Wie Fraktus haben auch Palminger, Schamoni und Strunk ihre anarchischen Tage inzwischen hinter sich, was als Punkhumor begonnen hat, ist seit Jahren Teil des Mainstreams.

In der Summe ergibt das ein Feel-Good-Movie für den gereiften Dorfpunk, grandios im Ansatz, professionell in der Durchführung, nur leider ohne die Durchschlagskraft, die den fiktiven Originalen angedichtet wird. Schamoni und seinen Weggefährten geht es inzwischen wie dem antiken König Midas: Alles, was das Trio anfasst, wird zum Witz. Anzunehmen, dass ihr Weg in die Mitte noch weitere Großtaten hervorbringen wird – wie wär’s mit »Fraktus – die dunkle Seite der Macht«? Natürlich werden wir trotzdem dabei sein, wenn die »Comeback Tournee« über die Lande rollt. Bully Herbig für die Hamburger Schule – das darf man sich einfach nicht entgehen lassen.

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